Wenn Erschöpfung zum Dauerzustand wird, kommt irgendwann der Zusammenbruch: Burnout. Bislang haben die Ärzte das Leiden unterschätzt. Die Forschung zeigt, dass nicht nur die Seele, sondern Immunsystem, Herz und Gefäße Schaden nehmen. Von Michael Kraske

Prof. Joachim Bauer: "Wenn Sie einem Menschen dauerhaft die Anerkennung verwehren und ihn gleichzeitig beständig unter Druck setzen, haben Sie eine gute Chance, dass er einen Burnout erleidet"© Annette Hauschild/Ostkreuz
Burnout - doch keine Modediagnose Burnout ist ein prekärer Begriff. Mal wird er mit dem Zusatz "Syndrom" versehen, mal steht er für sich allein. Burnout bezeichnet sowohl den Prozess des Ausbrennens über Monate oder über Jahre als auch den Endzustand von totaler Erschöpfung und chronischer Müdigkeit, wenn nichts mehr geht. In Fachbüchern wird Burnout als eine Art Epidemie dargestellt, die über die moderne Gesellschaft hereingebrochen ist, die einschlägige Literatur hat sich mittlerweile auf eine Vielzahl besonders befallener Gruppen spezialisiert: ausgebrannte Altenpfleger, ausgebrannte Lehrer, ausgebrannte Pfarrer, Soldaten, Ärzte, Arbeitslose, Hausfrauen.
Für die Betroffenen ist die Inflation
der öffentlichen Diskussion oft mehr
Fluch als Segen. Sie müssen sich den Vorwurf
gefallen lassen, wohlstandsverweichlicht
zu sein, nicht belastbar genug. Ist
Burnout eine Modediagnose?
Seit hundert Jahren diskutiert
Ein Blick weit zurück: "Vor etwa hundert
Jahren wurden sehr ähnliche Symptome
schon einmal diskutiert", sagt der Ärztliche
Direktor der Psychiatrie der Hamburger
Asklepios Klinik Nord, Claas-Hinrich
Lammers: "als Neurasthenie". Noch
heute listet der ICD-10, das Diagnosesystem
der Weltgesundheitsorganisation
(WHO), diagnostische Leitlinien für
Neurasthenie auf: die Klage über gesteigerte
Ermüdbarkeit und Erschöpfung,
gepaart mit Schlafstörungen und der
Unfähigkeit zu entspannen.
Die verblüffende Parallele widerlegt
die These von der Modediagnose. Nicht
nur Symptome von Burnout und Neurasthenie
sind gleich, sondern auch mögliche
Ursachen. "Heute wie auch in der Gründerzeit
wird eine große Mobilität und
Flexibilität gefordert. Angst vor dem Abstieg
grassiert auf fast allen Stufen der
sozialen Leiter. Diesem Druck ist nicht
jeder gewachsen", sagt der Hamburger
Psychologieprofessor Matthias Burisch.
Die Krankenkassen kennen Burnout nicht
Burnout zeigt, dass die Maschine Mensch
nicht immer schneller, flexibler, weiter
kann. Offenbar stoßen wir an Grenzen:
die unseres Körpers und unserer Seele.
In der offiziellen Medizin ist der Begriff
Burnout noch nicht etabliert. Als
nicht näher erläuterten "Zustand der totalen
Erschöpfung" speist die Diagnose-
Leitliste ICD-10 das Leiden in der neuesten
Ausgabe ab. Im Katalog der deutschen
Krankenkassen taucht Burnout noch immer
nicht auf. Wer als Arzt einen Patienten
mit Burnout-Syndrom behandelt, weicht
deshalb bei der Abrechnung auf eine andere
Diagnose aus: Anpassungsstörung
oder Depression.
Dabei sei es nötig, das Konzept Burnout
in der Medizin zu etablieren, so
Professor Joachim Bauer, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum
Freiburg. "Denn es beschreibt,
welche gesundheitlichen Auswirkungen
ungute Arbeitsbedingungen auf
die Psyche und den Körper haben können."
Bauer unterscheidet drei zentrale
Kennzeichen des Krankheitsbilds:
>> Anhaltende emotionale Erschöpfung;
>> das Gefühl, dass die eigene Arbeit
ineffektiv und sinnlos geworden ist;
>> einen inneren Widerwillen gegen die
Menschen, die einem am Arbeitsplatz
begegnen.
Gefangen in Handlungsschleifen
Während sich die zersprengte Ratgeberliteratur
in der Betrachtung einzelner
Berufssparten verloren hat, versuchen
Fachleute wie Joachim Bauer oder Matthias
Burisch, die gemeinsamen Merkmale
des Burnout herauszuarbeiten: Was verbindet
den chronisch erschöpften Arzt
und die frustrierte Hausfrau, den sich aufreibenden
Lehrer und den sich im Gefühl
der Sinnlosigkeit verlierenden Arbeitslosen?
Burisch hat ein Konzept entwickelt,
das die scheinbaren Unterschiede und Widersprüche
auf eine Basis stellt: Sie alle
sind in ihren Tätigkeiten in Handlungsschleifen
gefangen, die ihre Kräfte verschleißen - entweder die Betroffenen scheitern immer wieder, oder sie reiben
sich auf.
Entscheidend sind für Burisch die persönlichen
Ziele, die jeder Mensch in jeder
Tätigkeit hat, egal ob er Arbeitsloser auf
Stellensuche ist oder Arzt. Danach kann
nicht nur ausbrennen, wer seine Ziele beständig
verfehlt, wie der Arbeitslose, dessen
Bewerbungen immer wieder scheitern.
Auch wer seine Ziele erreicht, kann ausbrennen,
wenn der Einsatz unangemessen
hoch ist - wie ein Manager, der Tag und
Nacht arbeitet, auch an den Wochenenden.
Oder jemand, bei dem die Anerkennung
ausbleibt, trotz kraftzehrenden Einsatzes
- wie viele Lehrer.
Fehlende Wertschätzung und gesteigerte
Anforderungen sind nach Ansicht
vieler Experten eine wichtige Quelle von
Burnout. "Wenn Sie einem Menschen dauerhaft
die Anerkennung verwehren und
ihn gleichzeitig beständig unter Druck
setzen, haben Sie gute Chancen, dass er
ein Burnout erleidet", sagt Joachim Bauer.
Besonders anfällig ist, wer nur über den
Job sein Selbstbewusstsein speist.
Übernommen aus ...
GesundLeben
Ausgabe 1/2007