Gefangen im Hass

26. Juli 2011, 12:14 Uhr

Reflexartig wird der Täter des Massakers in Norwegen als Teufel und Irrer dämonisiert. Doch die Anschläge sollten uns lehren: Menschen können rational handeln - und dennoch abscheulich. Von Frank Ochmann

Kopfwelten, Frank Ochmann, Kolumne, Norwegen, Anschläge

Gefangen in einer logischen, aber abstrusen Weltsicht: Anders Breivik, der Mörder von Oslo und Utøya©

So sicher wie der Donner auf den Blitz folgen auf eine extreme Bluttat wie die von Norwegen die üblichen Medien-Phrasen und ein Prozess, den Psychologen "Dehumanisierung" nennen - Entmenschlichung. So wurde auch Anders Breivik, der Mörder von Oslo und Utøya, schnell zum "blonden Teufel" mit den "Augen des Bösen". Diese Dämonisierung dient einem einzigen Zweck: Sie ist der psychologische Notausgang für den Rest der Gesellschaft. Breivik hat - und es ist kein Zufall, dass das in den Medien von Anfang an hervorgehoben wurde - blonde Haare, nicht schwarze wie etwa die meisten Menschen im Orient, auch wie die meisten Attentäter von Al Kaida.

Die blonden Haare machen Breivik wenigstens äußerlich zu einem von uns. Damit entfällt schon einmal die Möglichkeit, die Ursache des Mordens reflexartig irgendwo draußen in der weiten Welt, im islamistischen Fanatismus vor allem zu suchen. Breivik ist - nicht "war" - einer von uns abendländischen Europäern, letztlich auch einer aus der Mitte derer, die er getötet hat. Das ist nicht einfach nur eine Frage der Biografie, nicht nur ein Detail unter anderen, das ist für viele Menschen eine entsetzliche psychische Bürde. Und sei es, dass sie nur unbewusst auf ihnen lastet.

Darf ich künftig noch irgendeinem blonden jungen Mann aus der Nachbarschaft trauen? "Satan" grüßt womöglich sogar freundlich wie Breivik, wenn man ihm im Treppenhaus oder auf der Straße begegnet. Er hat keine Hörner und auch keine Bocksfüße und vertritt in Gesellschaft vielleicht Ansichten, die einem erst dann als Irrsinn erscheinen, wenn sie auf über 1500 Seiten zusammengeschrieben und zur Begründung für ein kaum vorstellbares Blutbad werden. Aber für sich genommen? Sind denn außer Breivik alle Europäer Freunde des Islam und einer Zuwanderung aus dem Osten und Süden? Sind alle "links"? Zumindest sind alle hinterher schlauer und haben hin und wieder womöglich doch so ein seltsames Funkeln in den "kalten Augen" gesehen.

Das Gefühl der Bedrohung sitzt tief

Die Forschung über Massenmörder ist nicht eben üppig. Oder ist Breivik nicht doch eher ein Terrorist? Bei der Bezeichnung fangen die Probleme schon an. Doch was ist ein Terrorist anderes als ein von seiner Weltsicht getriebener Massenmörder oder einer, der es werden möchte? Wer aber allein aus der Tat schon den Irrsinn Breiviks ableiten will, muss den logischerweise in allen ähnlichen Fällen auch entdecken. Überall da, wo einer oder mehrere mit einer politischen, religiösen oder sonst wie ideologischen Begründung Menschen töten, die ihnen bei der Verwirklichung einer von ihnen für "besser" gehaltenen Welt im Wege stehen. So war das bei der "Roten Armee Fraktion" so ist das bei Teilen der palästinensischen Befreiungsbewegung, bei Al Kaida oder den afghanischen Taliban. Ob ein extremer Gewalttäter mehr oder weniger verrückt ist, hängt nun mal nicht davon ab, woher er stammt und welcher Ideologie er womöglich anhängt.

Lassen sich bei solchen Tätern Gemeinsamkeiten erkennen? Isolation, Angst, Hass vor allem. Ja, auch Angst, denn das Gefühl der Bedrohung sitzt tief. Die extreme Weltsicht, der solche Täter anhängen, konzentriert ihr Denken und Handeln. Und doch sind sie in der Lage, ein Doppelleben zu führen und den Schein des guten Nachbarn zu wahren. So etwa beschreibt das der Psychiater Aaron T. Beck von der University of Pennsylvania, der sich als Forscher eingehend mit dem Phänomen befasst hat. Steht auf der einen Seite das finstere Feindbild, kommt auf der anderen die Überlegenheit, Reinheit und Kraft der eigenen Gruppe dazu. Ganz gleich, ob das eine Rasse, ein Kult oder eine Religion ist. Auch hier also begegnen wir wieder der Dämonisierung, der eine narzistische Übersteigerung des Selbstbildes entgegengesetzt wird. "Gefangen im Hass" seien solche Menschen irgendwann, sagt Beck. Und dann muss der "weiße Ritter" womöglich die Welt retten oder wenigstens den Teil von ihr, den er für würdig hält. Ist das unlogisch?

Das Logische ist nicht unbedingt das Gute

Taten wie das offenbar über etliche Jahre ausgebrütete norwegische Massaker sollten uns endlich davon abhalten, die Vernunft zu vergöttern. Spätestens seit der Aufklärung hat sich in vielen Köpfen die Vorstellung festgesetzt, dass das, was logisch und rational durchdrungen ist, geradezu zwangsweise auch das moralisch Gute hervorbringen müsste. Anders Breivik ist nach allem, was wir bislang wissen, im Rahmen seines Weltbildes ganz und gar logisch vorgegangen, ruhig und rational - und genau so zum Massenmörder geworden. In unserem eigenen Land haben Menschen wie Reinhard Heydrich und andere SS-Strategen mit kühler Stirn und bemerkenswerter Effizienz einen Völkermord geplant und Schritt für Schritt durchgeführt. Rational und abscheulich.

Es könnte uns helfen, wenn wir ein womöglich etwas zu romantisches Menschenbild ein wenig mehr zum Realistischen hin korrigierten. Es könnte uns helfen, wenn wir einsähen, dass unser scharfer Verstand wie ein scharfes Messer nur ein Werkzeug ist und nicht etwa ein Quell der Güte. Wie blind vor der Gegenwart und nicht weniger vor der Geschichte muss man denn sein, um "dem Menschen", um unserer eigenen Art also eine "natürliche Güte" zuzusprechen, die hin und wieder einmal vom "Bösen" oder auch vom Irrsinn überlagert wird? Die Verhältnisse in unserem Miteinander - und auch in unseren Köpfen - sind deutlich komplizierter. Darum wird auch eine solch fürchterliche Tat, wie die der Selbstmordattentäter und Massenmörder von Al Kaida, ihre Sympathisanten finden. Es werden sich Menschen mit Breiviks Weltsicht solidarisieren und den Mörder nicht nur klammheimlich zum Helden erheben. Aber das hat er ja wohl auch gewollt.

Gefährliche "Unsicherheit"

Noch die giftigste Pflanze braucht einen Nährboden. Auf dem gedeihen aber nicht nur lebensgefährliche Gewächse, sondern auch ganz harmlose und alles dazwischen. So wenig wie Pflanzen sind Menschen genormt mit ihren unterschiedlichen Temperamenten und Erfahrungen, ihren Genen und Gehirnen. Was dem einen an Belastung gerade noch bekommt, kann beim anderen, weniger stabilen eine Katastrophe auslösen. Also doch "die Gesellschaft"?

Sozialpsychologen wie Susan Fiske an der Universität Princeton machen klar, dass es auch in ganz "normalen" Gesellschaften zwei herausragende Tendenzen gibt, die im Übermaß auch überaus gefährlich werden können. Das erste Risiko ist die "Unsicherheit". Damit ist gemeint, dass Menschen mit den Widrigkeiten des Lebens allein bleiben und niemanden haben, der eine schützende Hand über sie hält, wenn es mal hart kommt. Besonders gefährlich ist das in den Jahren, wenn sich unsere psychische Widerstandkraft überhaupt erst herausbildet. Dass in der frühen Phase unseres Lebens wichtige Weichen für die Zeit danach gestellt werden, ist unter Wissenschaftlern nicht mehr umstritten. Risiko zwei: "Ungleichheit". Politisch Verantwortliche sollten sich genau überlegen, wie weit sie die "sozioökonomische" Schere auseinandergehen lassen wollen. Wie viele Frustrierte können wir uns leisten? Bei wie vielen wird die Frustration in Aggression umschlagen? Bei wie vielen wird sie vielleicht einmal jedes Maß verlieren?

Vorurteilsfreie Analyse notwendig

Es geht nicht darum, das Entsetzliche, das Breivik getan und das Leid, das er über so viele Familien gebracht hat, klein zu reden oder durch "die Gesellschaft" zu entschuldigen. Es gibt keine direkte Verbindung von sozialen Missständen zum Massenmord. Unbestreitbar aber gibt es soziale Verhältnisse, die den Zusammenhalt von Menschen fördern oder aber erschweren. Und gehen Vertrauen und das Gefühl von Sicherheit über die Jahre immer weiter verloren, wie das etliche Studien für unsere Gesellschaften zeigen, hat das unausweichlich Folgen. Dass solche entsetzlichen Mordtaten wie die in Norwegen zwar selten sind, der Zahl nach aber seit Jahrzehnten weltweit zunehmen, kann durchaus ein Symptom sein, dass einen genaueren Blick verdient.

Wer Probleme lösen oder auch nur verstehen will, muss jedenfalls mit einer möglichst vorurteilsfreien Analyse beginnen. Und die scheitert auch beim Massaker von Oslo und Utøya im selben Augenblick, in dem alles Übel allein beim Täter gesucht wird.

Literatur:

  • Aggrawal, A. 2005: Mass Murder. In: Payne-James, J.J. et al. (Hg.): Encyclopedia of Forensic and Legal Medicine, Bd. 3, London: Academic Press, 216-223
  • Beck, A. T. 2002: Prisoners of hate. Behaviour Research and Therapy 40, 209-216
  • Fiske, S. T. 2011: Envy Up, Scorn Down - How Status Divides Us. New York: Russel Sage Foundation
  • Leyton, E. 2008: Serial and Mass Murderers. In: Kurtz, L. (Hg.): Encyclopedia of Violence, Peace, & Conflict (2. Aufl.). London: Academic Press, 1901-1914
  • Palermo, G. B. 1997: The berserk syndrome -- A review of mass murder. Aggression and Violent Behavior 2, 1-8
  • Peck, D. L. & Jenkot, R. B. 2008: Serial and Mass Murderers. In: Heggenhougen, K.: International Encyclopedia of Public Health. London: Academic Press, 680-690

Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geistes­wissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.

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stern-Redakteur Frank Ochmann berichtet über Aktuelles aus Hirnforschung und Psychologie und kommentiert Denk- oder auch Fragwürdiges.

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