Eine neue Studie befeuert die Debatte um Chancengerechtigkeit: Weil arme Kinder nicht ausreichend gefördert werden, bleibt ihr geistiges Potenzial oft ungenutzt. Von Frank Ochmann

Die Bedeutung des sozialen und wirtschaftlichen Status, in dem ein Kind aufwächst, ist für seine Entwicklung enorm© Colourbox
Da hatte Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen vor Weihnachten noch eigenhändig Kekse gebacken, um mit den Leckereien vielleicht ein wenig mehr Einigkeit in die zerstrittene Runde aus Koalition und Opposition zu bringen. Für die Reform der gesetzlichen Regelungen des Arbeitslosengelds II galt es, einen Konsens zu finden, darunter auch die Neuberechnung des Bedarfs betroffener Kinder. Doch trotz des verführerischen Gebäcks wurde nichts daraus. Auch im neuen Jahr wird weiter verhandelt, und wir müssen auf angemessene Beschlüsse warten. Doch vielleicht können die betroffenen Kinder gar nicht warten, weil sich ihr Gehirn ohne jede Rücksicht auf die verfahrene Politik weiterentwickelt?
In jeder Gesellschaft geht es den einen besser als den anderen. Das ist leicht einzusehen, aber schwer zu messen. Denn was bestimmt denn alles, wie es mir gesellschaftlich "geht"? Um das herauszufinden und vergleichbar zu machen, haben Wissenschaftler den "sozioökonomischen Status" erfunden. Auch für den gibt es keine allgemeingültige Definition. Immerhin herrscht unter den Experten weitgehende Einigkeit, dass drei Komponenten unverzichtbar sind: Bildung, Einkommen, Beruf. Zwar hängen alle drei Größen auch zusammen und voneinander ab, zumindest lose. Trotzdem lassen sie sich hinreichend genau unterscheiden und auf ihren Einfluss hin untersuchen.
Seit längerem ist jedenfalls klar, dass es einen Zusammenhang zwischen der gesundheitlichen Entwicklung eines Menschen und seinem Sozialstatus gibt. Das Risiko an bestimmten Krankheiten zu leiden, zum Beispiel des Herz-Kreislauf-Systems, wird größer, wenn der Sozialstatus sinkt. Denn das macht bei Mitgliedern einer sozialen Spezies, wie wir es sind, unvermeidlich Stress. Richtig gut geht es uns erst, wenn wir bei den anderen auch gut angesehen sind.
Es gibt allerdings auch klare Hinweise, dass dieser Status nicht immer gleich stark auf uns einwirkt. Zu bestimmten Zeiten unseres Lebens sind wir anfälliger als sonst. Es ist kaum verwunderlich, dass Kindheit und später auch die Phase der Pubertät und des Erwachsenwerdens solche besonders empfindlichen Zeiten sind. Was aber heißt das für die Entwicklung eines Kindes? Wie weit hängt die von den sozialen Verhältnissen ab, in denen es groß wird?
So lässt sich ein Einfluss des sozioökonomischen Status zum Beispiel auf die Leistung des Arbeitsgedächtnisses und die Konzentrationsfähigkeit eines Kindes zeigen. Und auch die sprachlichen Leistungen hängen sehr stark vom sozialen Umfeld ab. In einer Studie aus den 1990er Jahren zum Beispiel war das durchschnittliche Vokabular von Dreijährigen aus amerikanischen Akademikerfamilien doppelt so umfangreich wie das von Kindern aus Haushalten, die eine soziale Unterstützung erhielten. Und Fünfjährige, die Reimaufgaben lösen sollten, schnitten dabei ebenfalls je nach ihrem sozialen Herkommen ab. Im Hirnscanner zeigte sich, dass die gegenüber den "reichen" Kindern schwächeren sprachlichen Fähigkeiten nicht einfach nur eine äußere Verhaltensauffälligkeit waren. Unterschiede ließen sich vielmehr direkt im Gehirn nachweisen. In einem Teil der linken Hirnhälfte, die für das Sprachvermögen besonders wichtig ist, zeigten die schwächeren Kinder auch eine schwächere Entwicklung dieser Areale.
Dass die Bedeutung des sozialen und wirtschaftlichen Status, in dem ein Kind aufwächst, enorm ist, kann also kaum bezweifelt werden. Wie tief die Wirkung solcher Einflüsse allerdings reicht, zeigt eine eben veröffentlichte Studie, in der die geistige Entwicklung von Kleinkindern bis zu einem Alter von zwei Jahren untersucht wurde. Danach sieht es so aus, als sei es eine unterschiedlich ausgeprägte Aktivierung der Erbanlagen, die zur unterschiedlichen Entwicklung der geistigen Fähigkeiten von Kindern führt. Etwa 750 amerikanische Zwillingspaare des Geburtsjahrgangs 2001 wurden in die Studie aufgenommen. Die geistigen Fähigkeiten der Kinder wurden dann im Alter von zehn Monaten und noch einmal mit zwei Jahren gemessen.
Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geisteswissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.