"Eau Rouge" Mit Vollgas durch Schumis Wohnzimmer


Schumi zählt "Spa-Francorchamps" zu seinen Lieblingsstrecken. Mit dem Kurven-Klassiker "Eau Rouge" gehört die Berg- und Talbahn in den Ardennen zu den schnellsten und gefährlichsten Rennstrecken der Welt.
Von Christian Gebhardt, Spa-Francorchamps

Fünfter Gang, die knallrote Nadel des kleinen runden Drehzahlmessers schlackert am Anschlag. Mit über 210 Stundenkilometern schiebt der dröhnende Heckmotor den Boliden immer schneller abwärts. Jetzt wird die Kurve voll gefahren, wie die Renn-Profis, ohne Abbremsen. Gaspedal und Bodenblech verschmelzen zu einer untrennbaren Einheit. Kein Problem: bergab in die Senke donnern, leichte Drehung des Rennvolants nach links, locker über die Randsteine am Kurveninneren holpern, dann sofort rechts einlenken und danach mit Vollgas den Berg hoch rauschen. Kinderleicht.

Adrenalin auf Ex

Die Wahrheit beim ersten Durchfahren der weltberühmten "Eau Rouge"-Kurve auf dem "Circuit de Spa-Francorchamps" sieht definitiv anders aus. Das Herz hämmert wie ein Presslufthammer. "Zu schnell, nimm endlich den Fuß vom Gas", blinkt es im Gehirn wie eine bedrohliche Warnlampe. Synchron mit jedem Notsignal des Denkapparates zuckt der in die schmalen Rauleder-Rennschuhe gezwängte rechte Fuß immer wieder vom blanken Alu-Gaspedal. Der Angstschweiß durchtränkt den feuerfesten Rennoverall. Nach der dritten Umrundung des 6,976 Kilometer langen Kurven-Parcours in den Ardennen gelingt das Kunststück endlich. Beim Vollgas-Rausch presst einen der Mythos "Eau-Rouge" mit unsichtbarer Macht in den Renn-Schalensitz und will den festgeschnallten Körper, trotz der straffen Hosenträger-Sicherheitsgurte, beim schnellen Kurvenwechsel bergauf fast aus dem Sitz hebeln. Ein Adrenalin-Schluck auf Ex - in Sekundenschnelle in allen Blutbahnen des Körpers. "Rotes Wasser - Eau Rouge", der magische Mix aus einer steil ansteigenden Links-Rechts-Kombination nach einer mit Highspeed durchfahrenen Senke flößt Respekt ein. Ähnlich schnell wie der Kurvenumschwung auf dem Asphalt zuckt der Körper von einem Unbehagen in der Margengrube zu einem fast berauschenden Ausstoß an Glückshormonen.

Das Geheimnis der "Eau Rouge"

"Geht 'Eau Rouge' voll?", schwebt auch an diesem Wochenende die häufigste Frage in Spa geheimnisvoll durch das Fahrerlager. Als "voll" wird im Rennfahrerjargon eine Kurve bezeichnet, die ohne Verringern der Höchstgeschwindigkeit durchfahren wird. Im Rahmen des Sechs-Stunden-Rennens zum Saisonauftakt der Uniroyal Funcup-Rennserie soll dieses Rätsel gelöst werden. Trotz seiner verhältnismäßig geringen Leistung von 130 PS fliegt der Funcup-Rennwagen im bulligen VW Käfer-Look dank niedrigem Gewicht von nur 760 Kilogramm mit atemberaubenden 200 Kilometern in der Stunde durch den berüchtigten Streckenabschnitt. "Voll?" - "Nicht immer voll", lautet die Antwort der meisten Piloten der Langstrecken-Rennserie, die sich einmal im Jahr sogar zu einer 25-stündigen Hatz im belgischen Renn-Mekka trifft. Bei feuchten Streckenverhältnissen sind besonders die Randsteine, die Curps, am Ausgang der "Eau-Rouge"-Passage spiegelglatt wie Schmierseife. Mörderische Pirouetten und wilde Drifts sind vorprogrammiert. Der Vollgas-Ritt durch die Hochgeschwindigkeits-Biegung erfordert nicht nur Mut, sondern auch viel fahrerisches Können und Geschick.

Tragischer Mythos

Beim Verpassen des richtigen Einlenkpunktes droht ein folgenschwerer Abflug von der Ideallinie. Mit geringen Auslaufzonen gehört die "Eau Rouge" nicht nur zu den schnellsten, sondern auch zu den gefährlichsten Kurven der Welt. Ein gewagtes Überholmanöver beim legendären 1000-Kilometer-Rennen wurde am 1. September 1985 Stefan Bellof, der größten deutschen Rennfahrer-Hoffnung vor Michael Schumacher, zum Verhängnis. Der Gießener prallte am Ausgang der Eau Rouge mit Höchstgeschwindigkeit ungebremst in die Streckenbegrenzung und verstarb wenig später im Krankenhaus. Formel 1-Pilot Jacques Villeneuve überschlug sich 1999 bei Tempo 280 mehrfach und kam wie durch ein Wunder mit dem Leben davon. Immer wieder wurde die Kurve nach zahlreichen Unfällen entschärft und mit größeren Auslaufzonen versehen. Ein Restrisiko bleibt.

"Die 'Eau Rouge' ist das Geilste" Doch trotz der großen Gefahr die Mutprobe gegen die packenden Fliehkräfte der mythischen Kurve zu verlieren, hat die "Eau Rouge" bis heute in Rennfahrer-Kreisen nicht an Faszination verloren. Die Formel 1 rast mit über 300 Sachen durch die Links-Rechts-Kombi. "Den Gasfuß in Eau Rouge durchgedrückt zu lassen, ist das Geilste", schwärmt Ex-Formel 1-Pilot Gerhard Berger von der vierfachen Erdanziehungskraft, die die Formel-Ritter wie in einem Kampfjet in den Sitz presst. "Die Faszination liegt in der Architektur der Kurve. Erst rein in die Kuhle, danach den Berg hoch und das in Kombination mit der Geschwindigkeit", schwärmt auch Rekord-Weltmeister Michael Schumacher über die Streckenpassage. Auf dem belgischen Renn-Kurs feierte der Kerpener am 30. August 1992 seinen ersten Formel 1-Sieg überhaupt. Unter allen Rennstrecken fühlt sich der Ferrari-Star besonders auf seiner Lieblingsstrecke schon lange so wohl wie in seinem eigenen Wohnzimmer. Kein Wunder, mit sechs Siegen ist Schumacher der erfolgreichste Kurven-Held und hält den aktuellen Streckenrekord auf der Ardennen-Achterbahn von "Spa-Francorchamps".


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