Autosalon Paris Invasion der Blech-Verführer


Mit aller Gewalt werden Wagen, die keiner will, in den Markt gedrückt. Die Wachstumschancen in Europa sind minimal. Erfolg gibt es nur für die Hersteller, deren Fahrzeuge die Augen auf dem Autosalon in Paris zum Glänzen bringen.

Das Geschäft mit der Ware "Auto" bleibt schwierig, die Märkte fließen auseinander. Unglaubliche Chancen bieten sich in den expansiven Volkswirtschaften der Schwellenländer. Dort erreicht selbst das Mittelmaß Wachstumsraten von 16 Prozent. Dazu gesellt sich die Stagnation auf hohem Niveau im gesättigten Stammland Europa. Hinzu kommen steigende Rohstoffpreise, geringe Kaufkraft und Kauflust der europäischen Verbraucher und gigantische Überkapazitäten. Monat für Monat werden zehntausende von Fahrzeugen hergestellt, für die sich freiwillig kein Käufer mehr finden lässt. Das Ergebnis ist eine Rabattschlacht ohnegleichen, in der Listenpreise nur als Peilmarke gelten. Die geplagten Autobauer zerstören ihre eigenen Märkte nach allen Regeln der Kunst: Rabatte, garantierte Leasing-Rücknahmen zu Mondpreisen, 5000 Euro über Schwacke für den Gebrauchten heißen die Rezepturen, die den Nachlass-Appetit erst richtig anheizen.

Strahlende Sieger

Dennoch gibt es Gewinner auch im bezahlbaren Segment, zu ihnen gehören Toyota und Honda. Ausgezeichnete Qualität fährt Rekordergebnisse ein, obwohl die End-Preise gar nicht so niedrig sind. Das Geheimnis des Erfolgs liegt im Management der Kosten, der Fertigungsprozesse und der Auslieferungsqualität. "An Toyota muss man sich messen. Das ist der Maßstab. Wer sich daran nicht orientiert, hat schon verloren", sagt selbst Porsche-Chef und VW-Aufsichtsrat Wendelin Wiedeking.

Gedemütigte Verlierer

Die Verlierer des letzten Jahres stehen ebenfalls fest: Sie kommen aus den USA und heißen GM, Ford und Chrysler. Der rational nicht zu erklärende Boom der elefantösen SUVs erlaubte es ihnen, jahrelang Spritschlucker zu verkaufen, obwohl jeder wusste, dass unter dem mächtigen Blech die Technik von vorgestern lauerte. Nach den Benzinpreissteigerungen des letzten Jahres sehen viele Amerikaner ihre durstigen Acht-Zylinder inzwischen mit anderen Augen. Auf den Trend zu verbrauchsärmeren Modelle versuchen die US-Hersteller nun aufzuspringen. Tatsache bleibt aber, dass Themen wie der Hybrid-Antrieb oder der schlichte Diesel bis zuletzt vernachlässigt wurden. Inzwischen sucht General Motors die Allianz mit Renault-Nissan. Eines der wichtigsten Themen auf dem Autosalon wird es sein, ob dieses weltweit größte Bündnis zustande kommt.

Sekt oder Selters

Die deutschen Hersteller blicken hoffnungsfroher in die Zukunft. Porsche und Audi haben einen Lauf, wie er nur selten vorkommt. So wie diese beiden, beherrscht kein Hersteller das Spiel mit dem Wecken und Befriedigen automobiler Begierde. Opel, Mercedes und VW haben ihre Kosten gesenkt oder die zumindest fest eingeplant. Stolz können sie alle auf ihre Modellflotte sein. Wirkliche Rendite lässt sich zur Zeit mit dem "Unnötigen" verdienen. Das ehrliche Transportbedürnis befriedigt auch ein Logan, wirklichen Ertrag macht das unnötige Mehr. Die Schein- und Glitzerwelt von Chrom- und Gummi, von Zylindern und Lederausstattung. Ohne das richtige Image geht da nichts, wer in der "H&M"-Klasse rangiert, kann nicht das Distinktionsbedürfnis eines Designer-Stücks liefern. Ein langer Weg ist es zur Lifestyle-Marken, den Opel und Ford noch vor sich haben. Die Substanz der Modelle stimmt, aber das Image hinkt weit hinterher. Wer das nicht glaubt, möge doch einmal einem großstädtischen Akademiker mit überdurchschnittlichem Einkommen den Kauf eines Opels anempfehlen. Auch VW kämpft verzweifelt an der Imagefront. Bekannt und geprägt vom Bild des soliden Grundversorgers ist es ein weiter der Sprung in die Welt der bezahlbaren Träume von der wiederum Marken-Chef Bernhard träumt.

So findet sich die Antwort auf die Frage, was ein Audi hat und ein VW nicht, nicht allein in den Niederungen von Spaltmaßen und PS-Zahlen. Gewiss, ein Auto muss "Substanz" haben, aber die will mit einer Welle immaterieller Werte aufgeladen werden. Keine bessere Gelegenheit gibt es als die großen Shows, um diese Scheinwelt um das Auto herum zu inszenieren. Und darin sind die Franzosen Meister. Auf ihrer Hausmesse gibt es immer gewagte Visionen, wie aus einer Zeit, in der wir alle noch glaubten, dass die Träume von heute irgendwann wahr werden.

Gernot Kramper


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