Die "Yangtze" Schlechter Ruf, viele Freunde


Am Anfang war BMW. Die Bayern bauten in den 30er Jahren ein Motorrad, R71 genannt. Mehr als 70 Jahre später läuft es immer noch vom Band: In China unter dem Namen "Yangtze" - wie das Original robust und elegant. Äußerlich.
Matthias Schepp

Unsere Motorräder verströmen den Charme einer in die Jahre gekommenen Schönheit. Überall, wo wir halten, strömen die Menschen zusammen, um die Chang Jiang, einen Nachbau der BMW R71 zu bewundern. Tatsächlich sind unsere Maschinen in den vergangenen Jahren in China gebaut worden, sie sehen aber immer noch aus wie ihre Vorgänger aus den 30er Jahren: robust und elegant zugleich. Der 26 PS starke Boxermotor hängt in einem Korsett aus schwarzen Eisenrohren, die prächtig mit den verchromten Teilen harmonieren, der Lampeneinfassung, den Auspuffrohren und dem Armaturenrahmen.

Die alte Lady hat Charakter und rückt die Wahrheit über sich selbst nur stückchenweise heraus. Sie gehorcht lange nicht jedem Befehl und wirft mitunter den Fahrer übellaunig vom Hartgummisattel, zum Beispiel in zu schnell gefahrenen Rechtskurven, in denen der Beiwagen plötzlich ohne Vorwarnung abhebt wie ein startendes Flugzeug. Der Ruf der Dame ist denkbar schlecht. Sie zeichne sich durch einen "völligen Mangel an Qualität, krassen Fehlern in den wichtigen Motorteilen und die Verwendung von Metalllegierungen aus, die nicht einmal für die Bierdosenherstellung benutzt werden sollten", urteilt Motorcycle Online.

Trotzdem hat die Schöne in der ganzen Welt viele Liebhaber. Mehrere Millionen Kräder wurden bis heute produziert. Über ihre Vergangenheit schweigt sie sich aber gerne aus. Schließlich schaffte sie es, hintereinander dem Dreigestirn der schrecklichsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts zu dienen: Hitler, Stalin und Mao.

Ihre Geschichte beginnt im Deutschland der Dreißiger Jahre. Obwohl unsere Motorräder den Namen des längsten chinesischen Flusses, des Chang Jiang tragen, übersetzt Yangtse, liegt ihre Wiege im zehntausend Kilometer entfernten Eisenach. Im Jahr 1938 kostete das Seitenwagengespann BMW R71 in Deutschland 1595 Reichsmark. Der größte Kunde war die Wehrmacht.

Im Umfeld des Hitler-Stalin-Paktes gelangte die Technik in die Sowjetunion. In Schweden erwarben die Russen 1939 fünf Maschinen. Nazi-Deutschland führte Krieg gegen Frankreich und England. Hitler und Stalin hatten gerade Polen unter sich aufgeteilt. Stalin befahl seinen Ingenieuren, die BMW R71 detailgenau zu kopieren. Die Sowjets tauften die Maschine Molotow M72. Die Fabrik stand in Moskau.

Nach dem deutschen Angriff auf Russland im September 1940 und aus Angst vor der zunächst schnell vorrückenden Wehrmacht, verlegte Stalin das Werk in den Ural. In der 50.000 Einwohner Stadt Irbit bauten die Sowjets noch während des Krieges 5000 Maschinen. Auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges traten die beiden Schwestern nun gegeneinander an. Die Maschinen waren ausgerüstet mit einem Schützen, dem auf den Seitenwagen montierten Maschinengewehr, Munitionsvorräten und dem Fahrer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten die Sowjets das BMW-Werk in Ostdeutschland als Reparationsleistung und stellten es im Ural wieder auf. Dort wurden bis in die frühen Neunziger Jahre jährlich rund 100.000 Motorräder zusammengeschraubt. Bis 1953 bauten die Russen die Maschinen fast nur für den eigenen Bedarf. Weil das Werk im Ural lag, tauften sie die Maschine nun auf den Namen des Gebirgszuges, der Europa und Asien trennt: Ural.

Dnepr-Werke bauten rund zwei Millionen Maschinen

In einem zweiten Werk in der Ukraine bauten sie die Dnjepr. Die Fabrik in Kiew mauserte sich zwischenzeitlich sogar zum Kreml-Lieferanten und baute für die Regierung Eskortenmotorräder für Staatsbesuche. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion produzierten die Dnepr-Werke in Kiew rund zwei Millionen Maschinen. Von der Ural waren bis dahin mehr als drei Millionen vom Band gelaufen, ab 1953 auch für den Export.

In Deutschland gibt es heute rund 5000 Ural-Besitzer, die ihre Maschine gerade wegen ihrer Ecken, Kanten und Besonderheiten verehren. So sind zum Beispiel alle drei Räder gleich: Vorderrad, Hinterrad und das Rad des Beiwagens. Statt über Scheibenbremsen verfügen die Motorräder immer noch über Trommelbremsen. 1956 verkauften die Sowjets gegen Lieferungen von Äpfeln und Eiern die Baupläne und die Lizenz für das Seitenwagenmotorrad an die damaligen Bundesgenossen in Peking.

Im Reich der Mitte begann die Produktion 1957 in einer Militärflugzeugfabrik. Im Unterschied zu den Russen, die ihre Ural immer weiter modifizierten und somit von der BMW R71 entfernten, ließen die Chinesen die Technik weitgehend unverändert. Die heutigen Yantzes haben einen 750 Kubikmeter-Motor, sind bis zu neunzig Stundenkilometer schnell und ähneln der alten BMW derart, dass antike R71 Teile noch immer passen. Einzig eine 12-Volt-Anlage und ein E-Starter sind hinzugekommen.

Der seitengesteuerte Motor, der blattgefederte Seitenwagen sowie der Lenker mit Innenseitzügen ist noch wie in den Dreißigern. Die chinesische Volksbefreiungsarmee mustert die alten Streitrosse nach und nach aus. So ist die Yangtze alias BMW R71, alias Ural und Dnjepr vom Aussterben bedroht. Irgendwann werden die Chinesen die Produktion stoppen.

Geschichte der BMW R71

Über den russischen "Yangtze"-Vorgänger (Google-Archiv-Seite)


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