EM in Ekaterinburg "Auf Wiederrrrrsehn Deutschland"


Auch tausende Kilometer von Deutschland entfernt wird die Euro 2004 geguckt: Im "Schweijk" in Ekaterinburg etwa. Die Russen drücken den Tschechen die Daumen. Unnötig, denn die Deutschen vergessen etwas Banales: das Toreschießen.
Von Matthias Schepp

Im Herzen von Ekaterinburg, der drittgrößten Stadt Russlands, in der die Kommunisten einst die Zarenfamilie ermordeten, sitze ich in einer Sportbar, die auf den schönen Namen Schweijk hört. Seit zweieinhalb Wochen bin ich mit vier Motorradfreaks in chinesischen Seitenwagen-Motorrädern der Marke "Yangtze" unterwegs, einem Nachbau der BMW R71 aus den 30er Jahren. Wir wollen die 12.000 Kilometer von Peking bis Berlin in weniger als fünf Wochen schaffen.

In den Weiten Sibiriens, das sich 7000 Kilometer vom Pazifik bis zum Ural erstreckt, lese ich keine Zeitung. Aber ich habe die beiden ersten Spiele der deutschen Mannschaft gesehen, mit Russen zusammen. Sie hofften für die Deutschen, als wir gegen Holland spielten. Im Duell mit Lettland gehörten ihre Sympathien aber der Mannschaft aus der ehemaligen Sowjetrepublik. In einer Sportbar in Nowosibirsk namens Champion, in der ich das Spiel verfolgte, war ich der einzige, der den Deutschen den Daumen drückte.

Auf den Biergläsern heute Abend, beim entscheidenden Spiel gegen Tschechien, prangt das Profil von Schweijk. Die meisten Russen kennen die Abenteuer des braven Soldaten, die Gerhard Hauptmann verewigt hat. Jetzt aber geht es um das Abenteuer Fußball. Holland oder Deutschland? Wer der beiden Fußballgiganten wird ins Viertelfinale einziehen?

Die Bar ist zweihundert Meter lang. "Wie eine Straße", sagt Wassilij am Nachbartisch. Er sitzt mit drei Männern, alle breit wie Wohnzimmerschränke und 1,85 groß am Nebentisch. Wenn sie nicht in der Bar sitzen und saufen, arbeiten sie als Polizisten.

Eine Blitzumfrage in der Bar ergibt, dass zwei Drittel zu den Tschechen halten. "Das sind unsere Bündnispartner gewesen", sagt Oleg, einer der Polizisten. Erst wird das Spiel Holland gegen Lettland gezeigt. Es ist nachts, viertel vor eins, als es beginnt und die Holländer lassen den Spielern aus dem baltischen Zwergstaat keine Chance. Zehn Minuten vor Ende gehe ich aus dem Saal. Ich will die Reaktion der Holländern nicht sehen, nicht ihre Freude, nicht ihre Enttäuschung. Ich will mir die Spannung bewahren.

Um drei Uhr morgens wird endlich das deutsche Match gezeigt. Ballack haut nach zwanzig Minuten den Ball in den Winkel. Ich fühle mich wie im siebten Fußballhimmel. Es kann nichts mehr schief gehen, hoffe ich. Wie so oft schießt Ballack in den entscheidenden Spielen die wichtigsten Tore. Einer der drei Schränke vom Nachbartisch will mir die Hand drücken. Ich ahne schon, dass er sofort seine Arbeit als Schraubstock aufnehmen wird. Er schnappt sich meine Rechte und quetscht sie, bis ich merke, wie sich mein Ehering langsam in den Fingerknochen eingräbt. Er grinst mich an. "Glückwunsch", sagt er. "Aber die Tschechen werden trotzdem gewinnen".

Ich revanchiere mich mit der Frage, wie es denn der berüchtigten Mafia von Ekaterinburg gehe, der Uralmsh-Gruppe. "Danke", sagt der Schrank, der für die örtliche Polizei arbeitet. "Dank der Deutschen nicht schlecht". Sie schließen teure Versicherung ab und dann verkaufen sie ihre Mercedese an Russen, lassen sie stehlen und kassieren die Versicherungssumme, berichtet er.

In der 30. Minute fällt der Ausgleich. Der Schraubstock grinst mich an. Holland ist im Viertelfinale. Ich bestelle noch ein Bier. Die zweite Halbzeit beginnt mit einer Chance für die Tschechen, dann folgt eine Großgelegenheit nach der anderen für unser Team, Ballack trifft den Pfosten, Schneider trifft den Torwart und zieht später eine wunderbare Kopfball-Chance über die Latte. Nur noch zwanzig Minuten. Ich lese einen Spruch, den ein russischer Fan an die Wand geschrieben hat. "Kto bolenet sa Zenit u towo bcegda stoit" - Wer im Zenit zur Mannschaft von Leningrad hält, dem steht er immer.

Das Spiel aber ist spannender als die anzüglichen Inschriften. Der Druck unserer Mannschaft ist kolossal, aber der Ball will nicht im Tor landen. Dann landet er im falschen. Ein Konter bringt die Führung für die Tschechen. Diese Europameisterschaft kehrt das deutsche Prinzip um: Normalerweise spielen wir schlecht und kommen weiter. Diesmal spielen wir gut und scheiden aus.

Der russische Kommentator bringt es auf den Punkt: "So viele Chancen haben die Deutschen gehabt. Aber sie haben eine ganz banale Sache vergessen, etwas ganz Banales, den Ball ins Tor zu schießen". Beim Schlusspfiff sagt er: "Auf Wiederrrrrrrrsehn, Deutschland".

Ich überlege, mich aus dem Fenster zu stürzen. Aber die Bar liegt im ersten Stock. Der Schraubstock kommt auf mich zu. Statt nun auch meine zweite Hand zu zerquetschen, legt er seine Pranke auf meine Schulter. "Ihr habt in Ehren verloren. Ihr wart besser", sagt er. So ist es. Egal, was die Zeitungen in Deutschland schreiben, für die Weltmeisterschaft 2006 bin ich optimistisch.


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