HOME

Bulli Parade Hannover: Party für die Kult-Kiste

Niedersachsen bebt. Das Messegelände Hannover wird am Wochenende zum internationalen Mekka der Bulli-Fans. Der Transporter feiert den 60zigsten, Alt-Rocker "The Who" spielen auf, und Lastesel aus der ganzen Welt kehren zurück.

Von Ralf Becker

Einst bugsierte er den Mittelstand in das Wirtschaftswunder, heute ist der VW Bulli ein Kultfahrzeug. Grund genug, dass Volkswagen dem Typ 2 zum 60. Geburtstag ein eigenes Fest widmet und die Fans mit einem sensationellen Programm, zu dem auch ein exklusives Konzert der bekennenden Busfahrer "The Who" gehört, belohnt.

Man muss keiner übersinnlichen Blumenmacht ("Flower-Power") verfallen sein, oder langhaarig den bürgerlichen Konventionen trotzen wollen, um für den VW-Busvirus anfällig zu sein. Meistens genügt schon ein ausgeprägtes Fernweh in jungen Jahren, gepaart mit dem Drang nach Unabhängigkeit. Als Risikogruppe lassen sich also z.B. Führerscheinfrischlinge ausmachen, die auf eigener Achse die große weite Welt erobern wollen. Immer unterwegs mit einem viel zu schmalen Budget - da die Kriegskasse, die meistens durch "Zeitungsaustragen" oder "Supermarktregale-Auffüllen" genährt wird, nun mal eher überschaubar gefüllt ist.

Können Sie den Bulli-Kult verstehen?

Ausschlaggebend sind nicht selten eigenwillige Wünsche, wie zum Beispiel: "Unbedingt irgendwelche Wellen vor Biarritz surfen zu müssen". Natürlich ohne dabei zu wissen, wie man seine Wellenbretter überhaupt in den äußersten Südwesten Frankreichs befördern soll. Geschweige denn, dass man weiß, wo man nächtigen soll. Aber egal – was kostet die Welt? Häufig ist es sogar noch wesentlich simpler und beschränkt sich auf die Erkenntnis, dass es doch doof ist, auf Treffen oder Festivals immer das klamme Zelt aufbauen zu müssen.

Luxuskarosse ruiniert: In der Lieferzone geparkt: Porsche-Fahrer muss es auf die harte Tour lernen

First Stop: Klempnerbus

Und so kommt es, wie es kommen muss: Die einschlägigen Automärkte werden nach abgehalfterten und ausgemusterten Lasteneseln abgesucht. Bemitleidenswerte, müde Busse, die häufig schon weit hinter ihrer Rente stehen. Fahrzeuge, die zumeist durch eine gnadenlose Untermotorisierung auffallen, sodass sie spätestens in den Kassler Bergen zu einer echten Bedrohung werden: Ausrangierte Handwerkerwagen, betagte Krankenwagen, Uralt-Camper.

Als dem niederländischen VW-Importeur Ben Pon 1947 das erste Mal im Werk ein "Plattenwagen" auffiel, und er – weil er partout auch so einen Transportwagen haben wollte - im Anschluss über einen Bus nachdachte, hatte er bestimmt andere Sorgen. Als irgendwelchen Halbstarken mit Fernweh und Festival-Nomaden ein günstiges Reisemobil für die Selbstverwirklichung zu bescheren. Schließlich hatte Deutschland gerade die kriegsbedingten Aufräumarbeiten hinter sich gebracht, und "Wolfsburg" war gerade erst aus den Trümmern auferstanden. Aber seiner krakeligen Zeichnung eines Kleinlasters auf Käferbasis ist es zu verdanken, dass der damalige Generaldirektor Heinrich Nordhoff und sein Entwicklungschef 1948 beschließen, den "VW Typ 2 Transporter" zu bauen. Die Entscheidung fiel auf einer Autofahrt. Wo denn auch sonst.

Der Bulli, der nicht Bulli heißen durfte

Ziel war es, die Lücke zwischen Kleinlieferwagen und Lastwagen zu schließen, was ihnen auch im März 1950 mit dem Start der Serienproduktion gelang. Mit 5850,- DM war der Transporter – "Bulli" durfte man ihn aufgrund eines bösen Briefes vom großen "Bulldog" nicht nennen – kaum teurer als ein Käfer. Aber dass der "Bulli" seitens VW nicht "Bulli" genannt werden durfte, war zwar tragisch, der Bevölkerung jedoch völlig egal. Der Bulli war geboren. Und als am 2. Oktober 1962 der 1.000.000ste "Split-Screen"-Transporter (Split-Screen = geteilte Frontscheibe) aus den Produktionsstraßen rollte, wussten die Konstrukteure, dass sie ihren Job richtig gemacht hatten.

Die ursprüngliche Technik der ersten "Barndoor"-Busse war weitgehend vom VW-Käfer abgeleitet. Sie wurden vom typischen luftgekühlten Motor mit zunächst 24,5 PS angetrieben, waren meistens grau oder blau und äußerst spartanisch. "Barndoor" übrigens deshalb, weil sie eine Heckklappe wie ein Scheunentor hatten. Eine kontinuierliche technische Verbesserung folgte, ebenso wie eine reichhaltige Produktpalette: vom reinen Kastenwagen, über "Sieben-/Neunsitzer", "Kombis", "Pritschenwagen", "Doppelkabinen" und "Krankenwagen" bis hin zum legendären "Samba" mit seinen 21 Fenstern – von VW nur schlicht "Sondermodell" getauft.

Siegeszug der Campingsparte

Mitte der 1950er veränderte sich die Heckpartie. Die Rückleuchten, anfangs klein und rund, erhielten mit dem T1b ihre charakteristische ovale Form. Die Front bekam ihr typisches "Schirmmützchen", einen Dachüberhang, in dem sich die Frischluftzuführung versteckte. Sehr beliebt waren schon damals die Campingmodelle von Westfalia, die in den 1960ern zum Symbol einer gesamten Bewegung werden sollten: Der Hippie-Ära.

1967 folgte das zweite Gesicht: Der "VW Typ 2 T2" (T2a; 1967–1971). Das auffälligste war sein "Bay-Window", also die durchgehende, gewölbte Frontscheibe. Neben einem richtigen Handschuhfach wurde dem T2 sogar eine serienmäßige Schiebetür und 12V-Technik spendiert. Der T2 war ab Werk erhältlich in allen gängigen Varianten, allerdings mit einer Ausnahme: Das Samba-Modell schaffte nicht den Sprung in die T2-Epoche. Ein Jahr braucht VW (August 71 bis Juli 72), um aus dem "T2a" der "T2b" erwachsen zu lassen. Bis 1979 wird der T2b mit seinen "Eisenbahnschienen", so wurden die breiten Stoßstangen mitunter auch genannt, schließlich gebaut. Inklusive eines Synchro-Prototyps, der erst im T3 seine Serienreife erfahren sollte. 1997 sollte der T2 als "T2c" noch mal in Brasilien eine Renaissance erfahren, die es luftgekühlt sogar bis an das Ende 2005 schaffte – ehe auch hier die Wasserkühlung Einzug erhielt.

Frischkur im Tunerparadies

Es ist anzunehmen, dass es dem über die Jahre hinweg ungebremsten Exporthunger seitens VW zu verdanken ist, dass die Transporterfamilie schließlich den ersten amerikanischen Individualisierungswütigen vor die Schneidbrenner fuhr. Bot es sich doch geradezu an, dass man das, was man beim Käfer schon erfolgreich praktiziert hatte, einfach auf den Bus überträgt. Was im harmlosesten Fall bedeutet: Aufbohren (nicht selten bis zu 2,4 Litern), scharfe Nocke, Doppel-Weber-Vergaser. Garniert mit Zutaten aus dem Tuning-Regal. Was aber auch im extremsten Fall heißt: Typ 4 Motor (standfester), Porsche-Motor, V8-Motor-Mittelmotor. Auch das Fahrwerk wurde geliftet – oder besser "ge-lowert". So gehören brutal gekürzte Vorderachsen und sogenannte "Dropped Spindles" (umgearbeitete Achsschenkel) fast schon zum guten Ton. Äußerst beliebt sind auch Safari-(Aufstell-)Fenster – auch wenn es häufig reinregnet.

Ist der friedliche Hippie-Garten erstmal gemäht, ist auch wieder Platz für neue Stilblüten. Die sich neuerdings sogar – ganz klassisch adaptiert aus dem historischen Hot-Rodding – in extremen "Hardcore"-Bussen erwachsen: Außen patiniert, verrostet oder im "Primer"-Kleid (Primer = Grundierung), darunter High-Tech. Und meistens verdammt schnell.

Für Kiddies viel edel

Mittlerweile sind aus den einstigen tranigen Lasteneseln rare Oldtimer und reinrassige Rennpferde geworden. Vorbei sind die Zeiten, dass man alte Busse für ein Kleines im lokalen Anzeigenblatt findet. Zu groß ist mittlerweile die Nachfrage, besonders aus Ländern wie England oder Japan. Die Modelle der frühen Jahre sind für Youngster unerschwinglich, aber zum Glück kommen immer neue Modelle nach. Und anders als bei den meisten Oldtimern rollen VW-Transporter in enormer Stückzahl vom Band. An ausgedienten Handwerker-Exemplaren oder gar Exemplaren aus den berüchtigten Bundeswehr-Bestände herrscht also nie Mangel.

Vorbei ist allerdings keineswegs, dass es um Welten lässiger ist, wenn man am anderen Ende der Welt in seinen Bus kippt. Während die Bus-losen Weggefährten jetzt erst anfangen müssen, eine ebene Fläche zu suchen, auf der dann das Zelt aufgebaut werden kann.

Lesen Sie auch bei unserem Partner prinz.de: "Partys in Hannover"

Wissenscommunity