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Citroen C6: Göttlicher Gleiter

Jacques Chirac hat schon einen, alle anderen Citroen-Fans werden noch bis Februar 2006 warten müssen, um im neuen Flaggschiff C6 Platz zu nehmen.

Von Frank Wald

Als Citroen im Oktober 1955 auf dem Pariser Salon den DS 19 enthüllte, staunte nicht nur die automobile Fachwelt. Der "neue Citroen" besitze in seiner Wirkung "alle Wesenszüge eines jener Objekte, die aus einer anderen Welt herabgestiegen ist", notierte der französische Kulturphilosoph Roland Barthes in seiner Essay-Sammlung "Mythen des Alltags". Aber nicht nur durch ihre radikal neue Form sicherte sich "la déesse" ("die Göttin"), wie im Französischen die Buchstabenkombination D.S. ausgesprochen wurde, ihren Platz im automobilen Olymp. Hydropneumatische Federung, Scheibenbremsen, Servolenkung oder automatische Kupplung ermöglichten einen bis dahin unerreichten Fahrkomfort, der nicht nur die heimischen Wettbewerber mit einem Schlag um Jahre altern und Citroen zur Avantgarde des französischen Automobilbaus aufsteigen ließ.

Exakt 50 Jahre später versuchen die Franzosen nun mit dem neuen Topmodell C6 diesen Mythos wiederzubeleben. Wohl wissend, dass im automobilen Oberhaus inzwischen die Deutschen mit Mercedes E-Klasse, 5er BMW und Audi A6 den Ton angeben. Deshalb glänzt Citroens neues Flaggschiff nicht nur mit außergewöhnlichen Formen, sondern mit allem, was in der Premium-League zurzeit an Komfort zu haben ist. Schon die Einstiegsversion (ab 42 500 Euro) fährt mit Tempomat, Klimaautomatik, CD-Audioanlage, elektrischer Parkbremse, Bi-Xenonscheinwerfer, Fahrlichtautomatik und 17-Zoll-Leichtmetallfelgen. In den beiden höheren Ausstattungen kommen dazu Kurvenlicht, Head-Up-Display (Pallas, plus 3000 Euro) sowie AFIL-Spurassistent, Lederpolster inklusive Sitzheizung vorn und hinten, Holzdekor und Navigationssystem (Exclusive, plus 6400 Euro). Alle Ausstattungen fahren außerdem mit vorbildlichem Sicherheitspaket, bestehend aus neun Airbags vorn, hinten, seitlich, für Kopf und Knie, ESP, Bremsassistent, Reifendrucksensor, aktiven Kopfstützen und Motorhaube für den Fußgängerschutz.

Abschied von der Tristesse vergangener Modellreihen

Doch Luxus ist nicht alles. In der europäischen Oberklasse, so haben Citroens Marketingstrategen herausgefunden, in der konstant rund eine Million Autos abgesetzt werden, sind fast ausschließlich Limousinen und Coupés gefragt. Entsprechend fiel das Design des C6 aus, mit dem sich Citroen von der Tristesse vergangener Modellreihen verabschiedet.

Vom überlangen und sanft gewölbten Bug, auf dem zwischen weit in die Kotflügel ragenden Scheinwerfern das verchromte Doppelwinkel-Logo auf ganzer Breite grinst, fließt die coupé-förmige Karosserie auf 4,91 Meter mit weichen Linien über ein weit nach hinten geschwungenes Dach und mündet in ein Stummel-Heck mit auffälligen Rückleuchten-Höckern, aus dessen Kofferraumdeckel bei höherem Tempo automatisch ein kleiner Spoiler ausfährt. Unterstützt wird der elegante Eindruck durch den 2,90 Meter großen Radstand, der zugleich im Innenraum fürstliche Platzverhältnisse vorne wie hinten ermöglicht. Die dicken Sessel sind sehr bequem und über einen Multifunktions-Schalter in den Türinnenseiten (siehe Mercedes) surren sie in die jeweils passende Sitzposition. Nette Spielerei: Für 1300 Euro Aufpreis neigen sich sogar die beiden Fond-Einzelsitze elektrisch in eine liegeähnliche Position, wobei der Beifahrersitz auf Knopfdruck in der Mittelarmlehne nach vorn geschoben werden kann.

Verkehrssünder benutzen verbotenerweise den Standstreifen.

"Neue Maßstäbe in Sachen Fahrkomfort und Laufkultur"

Doch so ungewöhnlich die äußere Erscheinung, so konventionell wirkt leider das Interieur. Leder, Holzeinlagen, Alu- und Chromapplikationen – alles da, was man in dieser Klasse erwartet. Technische Gimmicks wie Lenkräder mit feststehender Nabe oder integrierte Parfümspender wie im Kompaktmodell C4 sucht man hingegen vergeblich. Nicht mal schlüssellos öffnen und starten, wie teilweise in kleineren Klassen üblich, lässt sich der Wagen. Ganz und gar nicht standesgemäß ist auch der mickrige Kofferraum, dessen 421 Liter Volumen durch die schmale Öffnung auch nur mühsam beladen werden können. Dafür gibt es jede Menge Ablagefächer, teilweise – wie in den Türen – mit aufwändigem Schließmechanismus.

280 Millionen Euro hat Citroen in die Entwicklung des C6 gesteckt, mit dem Anspruch, "neue Maßstäbe in Sachen Fahrkomfort und Laufkultur zu setzen". Das ist ihnen gelungen, zumindest auf der Langstrecke. Denn so wie der Wagen aussieht, fährt er sich auch. Sänftengleich und flüsterleise gleitet der Viertürer über den Asphalt und bügelt mit seinem Hydropneumatik-Fahrwerk jede Unebenheit glatt. "Sky-Hook" nennt Citroen diesen Schwebezustand. Auf Knopfdruck können Dämpfung und Federraten elektronisch variiert werden, eine weitere "Sport"-Taste lässt die Gasannahme spontaner ausfallen. Sportlich bewegen lässt sich der 1,9 Tonnen schwere C6, nicht zuletzt wegen der zu weichen und gefühllosen Lenkung, aber nicht.

Citroens neues Spitzenmodell

Dabei wären die beiden angebotenen Sechszylinder (ein Vierzylinder-Diesel soll später folgen) dazu durchaus in der Lage. Sowohl der Dreiliter-V6-Benziner mit 211 PS (155 kW) als auch der 2,7-Liter-Biturbo-Diesel mit 204 PS (150 kW) und serienmäßigem Partikelfilter bringen den Wagen mittels perfekt und unmerklich schaltender Sechsgang-Automatik souverän in Fahrt. Den Selbstzünder, trotz etwas geringerer Leistung, mit seinem bulligen Drehmoment und der spontaneren Kraftentfaltung freilich deutlich dynamischer. Nur 9,3 Sekunden vergehen bis Tempo 100, der Benziner braucht dazu glatte zehn. Am Ende liegen sie wiederum gleich auf mit 230 km/h Höchstgeschwindigkeit. Die jeweils 3000 Euro Mehrkosten amortisiert der Diesel durch seinen geringeren Verbrauch, den Citroen mit 8,7 Liter gegenüber 11,2 Liter beim Benziner, angibt.

Absetzen will Citroen sein neues Spitzenmodell, von dem täglich 100 Stück aus dem Werk in Rennes rollen, 20.000 Exemplare pro Jahr. Einen prominenten Kunden haben sie schon gewonnen. Zum Nationalfeiertag am 14. Juli tauschte Staatspräsident Jacques Chirac seinen Peugeot 607 gegen einen Citroen C6 ein. Der war, erzählen Citroens Presseleute, so begeistert, dass er gleich einen zweiten orderte. Warum auch nicht, zurzeit kommen in Frankreich über Nacht ja schnell mal Autos abhanden.

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