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Dodge Nitro: Der Krawallkarton

Dicke Lippe, Riesenreifen und Fenster wie Schießscharten. Der Dodge-Nitro rumpelt als blechgewordener Gangsta-Rapper auf deutschen Straßen. Auch "Klatsch for Lunch" dreht beim Motto "Pack das Leben bei den Hörnern" ab und reitet den wilden Widder.

Von Gernot Kramper

In silbermetalic kommen die kantigen Kerben des Monsters nicht rüber. Besser man greift zu krassen Farben (Kupferrot) oder zu Anthrazitmetalic. Zum Besteigen brauchte es eine Tritthilfe und mit Schwung nimmt man am Steuer-Platz. Von beiden Seiten prangen die Widderköpfe im Leder, das Symbol der Marke. Die Böcke nicken aufmunternd, los geht es! Die Soundanlage ist 1a bestückt und kann direkt von der Festplatte angeheizt werden. Wow!

Nur mit dem Krach ist irgendwann Schluss, aus Angst vor Hörschäden wird es im Nitro auch nicht lauter als in einem x-beliebigen Golf. Sei es drum. Das Blech wächst bis an die Schulter, die Scheiben kann man als "gut handbreit" bezeichnen. Aber das reicht, um Fahrbahn und gegnerischen Verkehrsteilnehmer ins Visier zu nehmen. Klar, der Nitro ist extrem unübersichtlich, aber wbn stört es? Dadurch wirkt der Nitro noch wuchtiger, als er eigentlich ist. Super ist auch die ausziehbare Ladefläche, mit ihr kann man nicht nur ein paar Fässer Wein und ein Schwein für den Grillabend einladen. Man kann auch prima vor oder nach dem Spiel auf dem Parkplatz drauf chillen. Wer einen Lifestyle nach dem Motto "Pack das Leben bei den Hörnern" und Frauen mit großflächigen Tattos verschärft findet, wird am Nitro seine Freude finden. Aggressiv wirkt schon der Fadenkreuz-Frontgrill mit Widderkopf. Mit fast 4,6 Meter Länge ist der Wage ohnehin nicht klein und er tut alles, um noch größer zu erscheinen. Als vorbildlicher Nitrofahrer gilt der Hamburger Kommerz-Rapper Samy Deluxe. Er schätzt, "die kompromisslose Optik und die extrem soundstarke Anlage." Das verhelfe ihm "zum stilsicheren Auftritt". Sicher, wer wäre vom Nitro nicht begeistert, wenn er ihn umsonst bekäme.

Altertümlicher Zeitgenosse

Aber wo grelles Licht ist, sind auch schwarze Schatten. Liebhaber technischer Finessen mit einem satuierten Geschmacksmepfinden wird es beim Nitro gruseln. Das Äußere polarisiert und über manche Ungereimtheit muss man cool hinwegsehen. Das fängt schon bei den Essentials an: Anfahren, Bremsen und Abbiegen. Der Diesel tuckert gewaltig im Innenraum, Bremsmanöver fühlen sich eher schwammig an und um die Kurven geht es wie mit einem Dampfer. Der Allradantrieb schaltet sich nur manuell zu – eine Technik wie vor zehn Jahren. Wegen der Bodenfreiheit ist der Wagen halbwegs geländetauglich, er verfügt aber nicht über eine Untersetzung. Im Wesen handelt es sich aber um ein Asphaltfahrzeug, dass nicht die Fähigkeiten eines Jeep-Wranglers anstrebt.

Der 2,8-Liter-4-Zylinder-Diesel ist mit 177 PS trotz 2,5 Tonnen zulässigem Lebendgewicht gut motorisiert. Sein Drehmoment von 410 Nm bewegt den Wagen flüssig. Das reicht für eine eine Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h. Auch der Normverbrauch von 9,4 Liter Diesel auf 100 km ist wirklich nicht übel.

Der Fahrer des Ford Mustang macht ganz schön auf dicke Hose

Nicht billig, aber komplett

Die Innenausstattung bietet solide Kunststoffe, wie sie in einem SUV durchaus angebracht sind. Das Leder wurde us-typisch solange behandelt, bis es wie Synthetik wirkt. Sitze und Raumverteilung sind in Ordnung, aber nicht herausragend. Größere Personen kommen dem Dachhimmel unangenehm nahe. Das Ladekonzept mit dem heraus fahrbaren Ladeboden und einer vollkommen ebenen Ladefläche kann sich dagegen sehen lassen. Die Platte hält 180 kg aus - man darf sich also auch mal draufsetzen. Der Kofferraum fasst normal solide 369 Litern und lässt sich auf bis zu 1994 Liter Stauraum erweitern. Ein Preisbrecher ist der Dodge damit nicht. Mit dem Diesel und Allradantrieb kostet der Nitro mindestens 35.000 Euro, das Diesel- Top-Modell R/T 2.8 CRD kostet etwa 39.000 Euro. Ein stolzer Preis, der allerdings eine echte Vollausstattung beinhaltet. Glasdach, 20-Zoll-Leichmetallräder mit Blenden in Platin-Optik und Festplatten-Navigationssystem mit 20-GB-Festplatte sind dann inklusive. Günstiger geht es freilich auch. Bei Dodge ist die Differenz von Liste zu Grauimport zum Leidwesen der offiziellen Händler besonders groß. Einen nagelneuer Dodge Nitro 2,8 CRD DPF SXT 4x4 des aktuellen Modelljahrs gibt es für etwa 25.000 Euro - das sind 10.000 Euro weniger als beim Händel. Entsprechende Angebote gibt es für alle Baureihen.

Es sollte Liebe auf den ersten Blick sein

Fazit: Bei dem Nitro muss man im ersten Moment "Oh, geil" denken. Wenn der Funke überspringt, fährt man ein außergewöhnliches Auto zu einem vertretbaren Preis. Wenn man aber etwa angesichts des volllippigen Frontvorbaus in Ohnmacht fällt, steigt man sowieso nicht ein. "Forever Young" heißt eben auch "Immer-noch- in-der–Pupertät". Also Männer: Good Charlotte reingeworfen, Baggys an und das Wochenende kann kommen.

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