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Fiat 500: Babyface mit Stil

Kann man eine Auto-Legende der 50er wieder auferstehen lassen? Fiat kann, und haucht dem Cinquecento technisch-innovatives Leben und mehr ein. Herausgekommen ist ein herzerwärmendes Schnuckelchen für solche, die sich und anderen gern ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

Von Sabine Franz

Es gibt Autos, mit denen man einfach von A nach B fährt. Dann gibt es solche, mit denen man dabei angibt, und schließlich gibt es Autos, die werden zum guten Freund während der Fahrt. Der neue Fiat 500 ist so ein potentieller Freund. Das liegt schon daran, dass er aussieht, wie er aussieht. Kulleraugen, Stupsnase, fast ein Lächeln auf der Stoßstange - fertig ist das Blech-Babyface. So einer ist treu, so einer macht gute Laune, hinter dem Steuer und dem Publikum auf der Straße sowieso. Frauen schauen ihm nach und setzen den "Ist der süß!"-Blick auf. Männer grinsen hinter gezücktem Fotohandy, und irgendwann weiß keiner mehr, wen er oder sie nun eigentlich bezaubernder findet - Fahrer/Fahrerin oder Auto. Das nennt man dann Übersprungshandlung oder auch Flirten. Aber das ist ein anderes Thema.

Klassiker mit Geschichte

Fiat 500, das heißt auch jede Menge Geschichte. 1957 in Turin geboren, entwickelte sich das Ur-Modell Nuova schnell zum Volksauto. Es war für (fast) jedermann bezahlbar, ideal für enge Gassen in Stadt und Serpentinen, mit 13 PS rund 85 Kilometer schnell und von Dante Giacosa so goldig designt, dass eine ganze Nation das Gefährt liebevoll "Topolino", Mäuschen taufte. Knapp vier Millionen Wagen liefen bis zum Jahr 1975 vom Band. Noch heute, so heißt es, seien rund 600.000 Exemplare des Originals auf italienischen Straßen unterwegs. Selten, ganz selten sieht man einen der alten Fiat-Zwerge auch noch bei uns herumkurven. Menschen, die vor 1980 geboren sind, werden dann manchmal ein wenig sentimental. Und jetzt, 50 Jahre nach der Premiere, kommt also der Neue daher, den der krisengebeutelte Fiat-Konzern in die Fußstapfen seines Kult-Vorgängers treten lassen will. Von rund 80.000 Vorbestellungen in Italien und Frankreich ist die Rede, in Deutschland seien es bislang 3000. Bleibt das Interesse weiterhin groß, will der Konzern für die Zukunft auch eine Cabrio- und Kombi-Version nicht ausschließen.

Innovativ statt Retro

Vom Begriff Retro allerdings will man bei Fiat nichts hören. Den alten mit dem neuen Cinquecento zu vergleichen, ist in etwa so, als würde man Cary Grant gegen George Clooney antreten lassen. Der aktuelle 500 ist eben neuer. In Zahlen heißt das größer: 60 Zentimeter länger, 31 Zentimeter breiter und 16 höher. Er ist mindestens 56 PS stärker - zur Wahl stehen zwei Vierzylinder-Benziner mit 69 und 100 PS und ein Diesel mit 75 PS. Gebaut ist der 500 auf einem abgewandelten Panda-Fahrwerk, der Motor ist nicht mehr hinten, sondern vorn untergebracht. Er ist außerdem das, was man bei Autos umweltfreundlich nennt und erfüllt bereits jetzt die ab 2009 geltende Euro-5-Norm. Als Verbrauch werden 4,2 Liter auf 100 km für den Diesel, 6,3 Liter für den größeren Benziner angegeben. Und sicher ist der große Kleine auch noch: im Euro-NCAP-Crashtest holte sich der Winzling mit fünf Sternen die Höchstwertung in Sachen Insassenschutz.

Eine Sache sei dann doch im Sinne der guten alten Zeit, erklärt man bei Fiat. Das Auto soll bezahlbar bleiben. Und so liegt der Einstiegspreis bei 10.500 Euro, was nicht heißen soll, dass man nicht auch ein paar Tausender mehr ausgeben kann. Über sagenhafte 500.000 Ausstattungsvarianten sind möglich, einige der Extras-Ideen stammen von Fiat-Fans, die per Internet Design-Vorschläge machen konnten. Vom Zierstreifen übers Karodach bis zum Schlüssel-Design - alles kann individuell gewählt werden, alles muss extra bezahlt werden. Der Lohn: ein Auto, das sonst so keiner fährt. Ein Segment, in dem der Cinquecento konkurriert, gibt es, so lassen die Macher aus Italien verlauten, in dem Sinne gar nicht. Ein Schelm, wer da gleich an den Mini denke. Überhaupt wolle man den Wagen Unisex positionieren, er sei schon gar kein reines - Achtung Unwort - "Frauenauto". Gut so.

Perfekt als Stadtflitzer

Auch wenn man einen guten Freund eigentlich nicht sezieren mag, ein genauerer Blick auf seine guten und weniger vorteilhaften Seiten sei erlaubt. Getestet haben wir das 100-PS-Triebwerk, das allerdings nicht so rasant zog, wie man vermuten würde, um ein knapp 1000 kg leichtes Autochen in Bewegung zu setzen. Im Berliner Verkehrsgewühl machte der Cinquecento dennoch eine gute Figur als Stadtflitzer mit kleinem Wendekreis. Dabei passte er selbst durch den schmalsten Biergarten-Eingang. Der Schaltknüppel, erhöht in der Mittelkonsole, ist gewöhnungsbedürftig, aber stellt sich sehr bald als ziemlich bequem heraus. Die Lenkung kann man je nach "Sport"-Knopfdruck steifer und reaktionsfreudiger bzw. leichter zwecks Einpark-Hilfe gestalten. Die Rundumsicht ist angenehm unverbaut, das Panoramadach macht alles noch großzügiger, nur nach hinten wird es ein bisschen unübersichtlicher. Wem der Kleine beim Rückwärtseinparken tatsächlich noch zu groß ist, kann einen Parkpiepser ordern.

Platz ist nur in der ersten Reihe

Platz in der ersten Reihe gibt es im 500 genug. Je nach Größe und Beinlänge von Fahrer und Beifahrer bleibt allerdings nicht so viel Raum für Mitreisende im Fond. Bambini sind dort gut aufgehoben, Kylie Minogue sowieso, für Kaliber wie Dirk Nowitzki aber würde es sowohl vertikal als auch horizontal zum Gliedmaßensortierproblem. Beim Kofferraum darf man ebenfalls keine Platz-Wunder erwarten, eher fühlt man sich an den Smart Fortwo erinnert, in dem bekanntlich immerhin sechs Wasserkästen unterkommen. Dank individuell umklappbarer Rücksitze lässt sich das Volumen des 500 zusätzlich auf bis zu 610 Liter vergrößern, so können auch manches der gern angeführten schwedischen Kleinmöbel transportiert werden.

Edles Innen-Design

Stilistisch haben die Fiat-Macher mit dem Innen-Design einen Volltreffer gelandet. Das Armaturenbrett, lackiert entsprechend der jeweiligen Autofarbe (der insgesamt geschmackvoll-vorbildlichen Farbpalette), sieht klassisch-edel aus. Das Cockpit ist nicht spielerisch überladen. Tacho und Drehzahlanzeiger sind übereinander verringt in einem Rundinstrument angeordnet, was man sonst noch wissen muss, gibt’s mittig digital. Nettes Gimmick: Im Beifahrersitz versteckt sich ein "Geheim"-Fach. Überflüssig dagegen: der Duftspender. Warum nur meinen so viele Automobilhersteller heute, zusätzlich für gutes Raumklima sorgen zu müssen? Fiat bietet dazu Düfte wie "Essenza della notte" (Essenz der Nacht) und "Resprio libero" (Freier Atem) an, die nach Pinienwald klingen, aber an WC-Erfrischer erinnern. Und schließlich: Die Kopfstützen des Cinquecento sehen zwar aus wie coole IPod-Kopfhörerstöpsel (geradezu passend zur IPod-Halterung in der Mittelkonsole), sind aber ein wenig klein und hart geraten, da wünscht man sich schon etwas mehr Polsterung.

Für den Weihnachtsmann zu spät

Alles in allem ist der Fiat 500 in der Anschaffung tatsächlich ein preis-werter Freund. Schon im Basispaket zu 10.500 Euro enthalten sind ABS, sieben Airbags, elektrische Fensterheber und verstellbare Außenspiegel, Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung, auch ein Radio mit CD- und MP3-Player. Leider gibt es ESP außer beim 100-PS-Modell nur gegen 350 Euro Aufpreis. Leasingmodelle hat man bei Fiat selbstverständlich auch im Gepäck. Unter dem Slogan "500 Cent pro Tag" gibt’s Auto, 5-Jahres-Garantie, und obendrauf noch einen Mobilitätsbonus à la 50-Euro-Taxigutschein, während der Wagen in der Inspektion ist. Kaufen und losfahren allerdings ist jetzt noch nicht - wer heute bestellt, wird das Auto nicht unter dem Weihnachtsbaum vorfinden. Auch wenn der Cinquecento klein ist, aufgrund der begrenzten Produktionskapazität laufen die neuen Kult-Anwärter erst nach und nach von Band.

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