Honda CR-V Pisten-Bully


Alle reden vom Wetter - er nicht: stern.de war mit dem Honda CR-V auf verschneiten Straßen in Deutschlands Süden unterwegs. Und endlich konnte ein SUV mal zeigen, was in ihm steckt.
Von Jens Maier

Eigentlich sind sie total überflüssig: Zu groß für kleine Parkplätze in der Stadt, zu hoher Spritverbrauch für eine Tour über die Autobahn und zu teuer gegenüber einem Kombi mit vergleichbarem Platzangebot - die Rede ist vom SUV (Sporty Utility Vehicle), neudeutsch für Geländewagen. Kaum einer der allradgetriebenen Hausfrauen-Trucks wird jemals eine Piste abseits der geteerten Wege befahren. Doch in diesem Winter können sie endlich zeigen, was in ihnen steckt. Im Schneechaos Süddeutschlands hat die Stunde der Allrad-Boliden geschlagen.

Baden-Baden ist bekannt für sein mildes Klima. Doch in diesem Jahr hat der Winter die Kurstadt fest im Griff. Die Stiftskirche oberhalb der Stadt ist weiß bedeckt, nur am Marktplatz schmelzen die heißen unterirdischen Quellen die weiße Pracht teilweise weg. Die Busse sind an diesem Januar-Morgen hoffnungslos überfüllt, es hat die ganze Nacht geschneit. Wer kann, lässt sein Auto stehen. Fast alleine passiert der CR-V den Michaelstunnel auf dem Weg Richtung Freudenstadt, als im Radio eine Durchsage ertönt: "Auf der B500 sind wegen heftiger Schneefälle dringend Schneeketten erforderlich." Mist! Der wage Blick in den Kofferraum bringt leider Ernüchterung: Schneeketten sind im Testfahrzeug nicht aufzutreiben.

60 Kilometer mit mehr als zehn Prozent Steigung

Die B 500, Schwarzwaldhochstraße genannt, führt über 60 Kilometer von Baden-Baden bis nach Freudenstadt. Entlang der ganzen Strecke bieten sich herrliche Ausblicke in die Schwarzwaldtäler, ins Rheintal und ins Elsaß bis in die Vogesen. Doch im Winter ist die Route gefürchtet: Auf einer Höhenlage zwischen 700 und 1164 Meter müssen Autofahrer immer mit Eis und Schnee rechnen - genau die richtige Bewährungsprobe für unseren allradgetriebenen Honda CR-V.

Im Normalfall ist der CR-V als Fronttriebler unterwegs. Die Hinterräder werden erst bei erhöhtem Schlupf der Vorderräder automatisch zuschaltet. Ein Vorgang, von dem der Fahrer nichts mitbekommt. Beim Fahren gibt sich der Honda sehr komfortbetont. Das Fahrwerk stammt vom Civic und wurde weich abgestimmt. So schluckt der CR-V zwar für einen Allradler Bodenwellen erstaunlich gut, neigt aber in schnell gefahrerenen Kuven deutlich zum Untersteuern. Doch an schnelle Kurvenfahrten ist bei Eis und Schnee sowieso nicht zu denken.

Nach halbstündiger Kriechfahrt hinter zwei LKWs kommt auf den CR-V die erste Bewährungsprobe zu: Kräftiges Beschleunigen auf schneeglatter Fahrbahn mit gleichzeitigem Fahrbahnwechsel. Der Zweiliter-Benzin-Motor mit variabler Ventilsteuerung leistet 150 PS und ist aus dem Stream bekannt. Der Vierventiler läuft kultiviert, verlangt aber hondatypisch nach hohen Drehzahlen, um den 1,5-Tonner flott voranzutreiben. Und die bekommt er jetzt. Im zweiten Gang wird das Überholmanöver gestartet. Die Traktion ist trotz Schnee und Eis hervorragend, brummig dreht der Motor hoch und der Wagen schiebt sich zügig an den beiden Brummis vorbei. Das Handling auf rutschigem Untergrund ist dank des zugeschalteten Allrads perfekt.

Für zusätzliche Sicherheit sorgt das elektronische Stabilitätsprogramm VSA (Vehicle Stability Assist), das aber leider nur in den Top-Versionen "ES" und "Executive" serienmäßig ist. In der "LS"-Basisversion lässt sich Honda die Sicherheit teuer bezahlen: 1300 Euro kostet das "Safety-Package", in dem auch die Kopfairbags enthalten sind. Trotz des moderaten Grundpreises von 24.790 Euro ist dies für ein Auto dieser Klasse schlicht inakzeptabel.

Abschied in den Straßengraben

Wie nötig das Stabilitätsprogramm sein kann, zeigt sich am Rande der Fahrbahn: Ein alter Opel Kadett hat sich gerade hinter der Kurve in den Graben verabschiedet, die Leitplanke hat Schlimmeres verhindert. Und je weiter sich der Honda die Höhenmeter hinaufarbeitet, desto unangenehmer wird das Wetter. Zahlreiche LKW’s stehen bereits mit Warnblinkanlage am Straßenrand - an der Hornisgrinde geht auf der Bundesstraße fast nichts mehr. Am CR-V sind die zahlreichen Zentimeter Neuschnee bisher spurlos vorübergegangen - er fährt sich wie auf Schienen.

Wenn auch das Fahren viel Freude bereitet, der Innenraum tut es nicht immer. Er bietet zwar jede Menge Platz und vor allem größere Variabilität: So lässt sich die Rücksitzbank nicht nur teilen (Verhältnis 60:40), sondern auch umklappen oder verschieben. Zudem ist die Lehne in der Neigung um bis zu 45 Grad verstellbar. Dank zwölf Zentimeter tiefer liegendem Ladeboden vergrößert sich der Kofferraum von 374 auf 527 Liter und lässt sich bei umgeklappter Rücksitzbank auf bis zu 1568 Liter erweitern. Die Funktionalität vor allem bei der Bedienung des DVD-Navigationssystems ist aber äußerst umständlich. Mühsam dreht drückt man per Knöpfchen die Buchstaben hin- und her, wo andere Navis bereits ein intelligentes Drehrädchen haben. Absolut umständlich ist die Lautstärkeregelung des Radios. Wer lauter oder leiser drehen will, muss sich einmal quer übers Armaturenbrett strecken - nervig!

Kurz vor der Hornisgrinde, mit 1164 Metern der höchste Punkt der Strecke, kommt mit einer zehn-prozentigen Steigung die Bewährungsprobe für den Honda. Die Fahrbahn ist kaum noch zu erkennen, nur die meterhohen Schneestäbe am Rand lassen die Spur erahnen. Zweirad getriebene BMW's, Mercedes' und VW's hat der Honda inzwischen längst hinter sich gelassen. Der SUV zeigt, was er kann. Trotz fehlender Differentialsperren meistert der Honda die Steigung mit Bravour.

Im Radio scheinen die Verkehrsmeldungen kein Ende mehr zu nehmen: "Wegen Schneeglätte Stau auf der Rheintalautobahn A5, bitte eine Gasse für die Streufahrzeuge frei machen. In Höhenlagen ab 1000 Meter sind im gesamten Sendegebiet Schneeketten erforderlich. Autofahrern wird empfohlen, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen." Die Hälfte der Strecke bis nach Freudenstadt hat der Honda bereits hinter sich und eines ist sicher: Alle reden heute vom Wetter – nur der CR-V nicht.


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