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Nissan X-Trail: Ehrlicher Abenteurer

Kantig, ehrlich und nicht weich gespült, so lieben Nissan-Fahrer ihren X-Trail und warnten den Hersteller: "Wehe ihr macht den Nachfolger zum Schmuse-SUV!" Nissan folgte dem Rat, verfeinerte das Auto jedoch rundum.

Meist wollen Autohersteller nicht, dass ihr neues Modell so ähnlich wie der Vorgänger aussieht. Wenige von ihnen betreiben eine Art von Design-Kultur und pflegen charakteristische Elemente der Marke. Jaguar macht dies zum Beispiel mit der XJ-Limousine, BMW mit dem Mini, Land Rover mit dem Defender und natürlich Porsche mit seinem 911. Japans Autobauer sind eher bekannt fürs Gegenteil. Der Neue hat optisch selten etwas mit dem Alten zu tun. Ein Toyota Corolla III leitete sich optisch nie aus einem Corolla II oder ein Honda Civic der achten nie aus jenem der siebten Generation ab. So etwas kann leicht die Identität einer Marke verwässern und gefährdet die Kundenloyalität.

Der Kunde will es

Nissan bricht aus dieser Philosophie aus, zumindest bei seinem neuen Allradmodell X-Trail. Der Vorgänger (Debüt 2001) wurde weltweit über 800.000 Mal verkauft. "Die Kunden wollten ihn so", bestätigt auch Rainer Landwehr (49), Nissan-Deutschland-Chef. "Ein neuer Ansatz hätte keinen Sinn ergeben. Mit einer Design-Änderung des Urtyps würden wir den Erfolg gefährden." So steht der neue X-Trail – leicht auf 4,63 Meter gewachsen – optisch ähnlich dar, behielt seine kastenförmige Silhouette, seine typischen, parallelen Fensterlinien, die langen Rückleuchten bis ins Dach und seine hintere, breite D-Säule.

Mehr Komfort im Fahrwerk

Auch auf der technischen Seite holte sich Nissan den Input vom Kunden. Dieser liebe, laut Björn Krüger, Leiter der 4x4-Produktplanung, Robustheit und Geländetauglichkeit, wolle keinen weich gespülten SUV, lege aber dennoch viel Wert auf einen pkw-ähnlichen Fahrkomfort. Ein wenig Kritik gab es lediglich beim Kofferraum, der einigen etwas klein geraten war. Denn 73 Prozent, sagt Nissan, nutzen ihren X-Trail oft als Packesel.

Damit hatten die Entwickler konkrete Vorgaben, an denen sie sich orientieren konnten. Der neue X-Trail steht jetzt auf der Renault/Nissan-C-Bodengruppe des jüngst eingeführten Crossover Qashqai und erhielt ein komplett neues Fahrwerk. Erste Tests bestätigten den Konstruktionsaufwand. Der Allradler rollt äußerst komfortabel ab. Vom ruppigen Stil alter Geländewagen ist nichts mehr zu spüren. Man fühlt sich eher wie in einer hochgelegten Mittelklasse-Limousine.

Weniger Lärm in der Kabine

Am Komfort hat auch wesentlich der Zweiliter-Diesel Anteil, den es mit 150 oder 173 PS gibt (ab 29.440 Euro). Der moderne Direkteinspritzer mit Rußpartikelfilter läuft sehr leise und überzeugt durch gute Elastizität. "Bei 120 km/h," sagt Produktplaner Krüger, "konnten wir die Fahrgeräusche um die Hälfte reduzieren." Nissan rechnet für den X-Trail in Deutschland weiterhin mit einem Dieselanteil von fast 90 Prozent. Erstmalig gibt es den Selbstzünder auch mit einer 6-Stufen-Automatik (Aufpreis: 1700 Euro), die allerdings mit 8,1 Liter einen Liter mehr verbraucht. Der Verkauf startet am 30. Juni. Für die übrigen zehn Prozent der X-Trail-Kunden stehen zwei Benziner zur Auswahl (ab 26 990 Euro). Ein neu entwickelter Zweiliter liefert 141 PS, läuft 184 km/h und soll 8,7 Liter verbrauchen. Der große 2,5-Liter aus dem Vorgänger wurde überarbeitet, leistet 169 PS. Beide Benziner sind mit einem Sechsganggetriebe ausgestattet, optional wird ein stufenloses CVT-Getriebe für 1700 Euro angeboten, das bis zu 0,3 Liter Sprit sparen soll.

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Mehr Gelände als nötig

Beim Thema Allrad fand Nissan einen guten Kompromiss. Auf Hardcore-Geländeeinsatz mittels zuschaltbarem Kriechgang wurde verzichtet. Dennoch ist es erstaunlich, durch welche Offroad-Passagen sich der X-Trail wühlt. Im Auto-Modus (per Drehknopf auf der Mittelkonsole einstellbar) wird die Kraft variabel an die Achsen verteilt. Im Lock-Modus ist das Zentraldifferenzial gesperrt, die Kraftverteilung beträgt dann 50:50. Durchdrehende Räder bremst die Elektronik. Wer früher Bammel hatte, im Gelände steil bergab zu fahren, dem hilft ebenfalls Kollege Computer. DDS-Knopf drücken und der X-Trail kriecht mit maximal sieben km/h downhill, ohne dass der Fahrer auf die Bremse treten muss. Wertvolle Unterstützung gibt es auch bergauf – ohne manuelles Zutun. Die Elektronik hindert den Wagen automatisch für vier Sekunden am Zurückrollen, wenn der Fahrer von der Kupplung geht und anfahren will. Sowohl Berganfahr-, als auch Bergabfahrhilfe sind serienmäßig an Bord.

Rustikal für den Hund

Im Innenraum nahmen die Designer Abschied vom zentralen Cockpit und legten die Rundinstrumente wieder konventionell hinters Lenkrad. Der Grund: Platz für das große Display der Navigationseinheit (2800 Euro). Alles wirkt sauber verarbeitet, die Materialien sind hochwertig. Auch im Heck wurde aufgeräumt sowie die Variabilität verbessert. An Ladevolumen stehen jetzt 603 bis 1773 Liter zur Verfügung. Ein Klassenbestwert, wie Nissan sagt. Kleinkram nehmen zwei Schubladen unter Ladeboden auf. "Selbst beim Bodenbelag richteten wir uns nach dem Wunsch des Kunden," sagt Björn Krüger. Von flauschigem Veloursteppich will der X-Trail-Fahrer nämlich nichts wissen. Viele fahren ihren Hund spazieren und bevorzugen die abwaschbare Variante.

Von Michael Specht/Sardinien

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