Porsche 911 GT 2 Testosteron-Turbo


Wer einmal den 911 Turbo treten durfte, glaubt eigentlich: Mehr geht nicht. Falsch. Ab November kommt die Testosteron-Version des Turbos, der GT 2, das Alpha-Tier unter den Hochleistungssportwagen. Kein Serienauto auf der Welt lässt sich schneller um einen Rennkurs scheuchen.
Von Michael Specht

Walter hat mal wieder ganze Arbeit geleistet. Unzählige Male saß die inzwischen 60-jährige Renn- und Rallye-Legende Röhrl hinter dem Lenkrad des 911 GT 2, prügelte das Coupé im Grenzbereich über die Nordschleife des Nürburgrings. Einziger Zweck: Dem Fahrwerk auch noch die kleinste Zickigkeit auszutreiben. Den Rest erledigten danach die Ingenieure aus Weissach. Und dieser Rest ist gut, verdammt gut sogar. Zurzeit gibt es nichts Vergleichbares, was schneller um den Ring geht. Kein Lamborghini Gallardo, kein Ferrari F 430 oder 599 Fiorano, kein Audi R8, nicht einmal der Super-Porsche Carrera GT. Der 911 GT 2 schlägt sie alle. 7:32 Minuten. Ein Wert, der Kennern der Szene die Augen leuchten. "Ein paar Sekunden weniger sind sicher noch drin", sagt Walter Röhrl, "schließlich musste ich auf der gemessenen Runde elf andere Autos überholen."

Zur Demonstration seines fahrerischen Könnens ließ Röhrl bei der Präsentation des GT 2 Anfang der Woche nacheinander ein Dutzend Journalisten auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Tatort: der abgesperrte Fliegerhorst in Alhorn zwischen Bremen und Osnabrück. Auslauf genug, um den potenten Porsche kurz auf 300 km/h hoch zu schießen, brutal einzubremsen, um dann im leichten Drift ein paar Zufahrtswege unter die Räder zu nehmen. Das alles bei ausgeschalteter Elektronik, heißt, ohne ESP und Antriebsschlupfregelung. Zwölf mal sieben Minuten am Limit. Und der GT 2 knisterte kaum. So manch anderer Sportwagen hätte längst qualmend den Geist aufgegeben.

Ganz in der Nähe liegt auch die A29, einer der weniger befahrenen Autobahnen Deutschlands, und ein nettes Teilstück ohne lästige Tempobevormundung. Die ideale Spielwiese also, um den GT 2 von der Leine und den Körper spüren zu lassen, zu was 530 PS fähig sind, die nur 1140 Kilogramm zu bewegen haben. Nach 3,7 Sekunden stehen 100 km/h auf der Uhr. Der Beifahrer wäre während der Beschleunigung wohl nicht in der Lage, einen oben aufs Armaturenbrett geklebten Geldschein zu greifen. Viel schöner ist es jedoch, aus mittlerem Tempo den Kickdown-Befehl auszulösen. Als wenn einen eine riesige Hand packt und nach vorne schmeißt, so nachdrücklich setzt der Schub ein. Wer im vierten Gang bei 100 km/h den Gasfuß senkt, ist sieben Sekunden später auf 200 km/h. Kurz geschaltet und nach weiteren sieben Sekunden steht die Tachonadel auf 250 km/h. Allein diese Werte dürften für den Auto-Normalfahrer im Bereich von Science Fiction liegen.

Tacho 345 entsprechen echten 329 km/h

Der GT 2 liegt dabei wie das sprichwörtliche Brett auf der Straße. Nicht die Spur von Unruhe im Fahrwerk. Dafür lärmt es gewaltig. Eine Unterhaltung ist nicht mehr möglich. 300 km/h. Die weißen Striche verschwinden unterm Auto wie Spaghetti im Kindermund. Bäume und Büsche verwischen zu einer grünen Wand. Ein Jumbo wäre längst in der Luft. Der GT 2 scheint dagegen mit dem Asphalt verzahnt zu sein. Sechster Gang. Da geht noch was. Adrenalin schärft die Sinne und befeuchtet die Hände. Ist das schon der Temporausch? Zumindest was in der Richtung. Jetzt nicht lupfen, drauf bleiben. Im Display des Drehzahlmessers klettern die Ziffern stetig nach oben, enden schließlich bei 345. Die Einheit lautet Stundenkilometer. 345 km/h. Was, wie uns später die Porschetechniker sagen, "echten 329 km/h entspricht".

Um solch ein Tempo souverän zu realisieren, bedarf es einer ungeheuren Ingenieursleistung. Allein für die Dauerhaltbarkeit der beiden Turbolader scheucht Porsche Testwagen wochenlang um den Hochgeschwindigkeitskurs im süditalienischen Nardo. Tanken, Vollgas, tanken, Vollgas. Eine ausgefeilte Aerodynamik sorgt für genügend Abtrieb an Vorder- und Hinterachse. Der GT 2 trägt seinen mächtigen Heckspoiler wahrlich nicht zur Show. An den Radträgern sitzen serienmäßig riesige Keramikscheibenbremsen, die von großen, gelben Bremssätteln in die Zange genommen werden und fähig sind, bis zu 700 Grad Celsius klaglos wegzustecken.

Ein Männertraum für 189 496 Euro

Der GT 2 ist eigentlich zwei Sportwagen in einem und, so gesehen, mit einem Preis von 189 496 Euro recht zivil kalkuliert. Er ist in hohem Maße rundstreckentauglich, benimmt sich dennoch wie ein Gentleman auf normaler Straße. Sportlichkeit wird hier nicht mit übertriebener Härte erkauft, PS nicht mit prolligem Lärm. Dieser stärkste und schnellste aller jemals gebauten 911er lässt sich selbst mit 70 km/h im 6. Gang ohne zu murren bewegen. Wer will, kann mit ihm auch täglich zur Arbeit fahren.

Dass all die Leistung nicht mit einem Spritkonsum von fünf Litern erkauft werden kann, versteht sich von selbst. Zwar gibt Porsche einen Normverbrauch von 12,5 Litern an, doch wer den GT2 ein bisschen fliegen lässt, hat schnell das Doppelte auf der Rechnung. Wir fuhren 175 km/h und danach war im Tank die Hälfte raus, also 45 Liter. Aber die Energieversorgung für den 3,6-Liter-Boxer dürfte wohl das Letzte sein, was den GT-2-Fahrer ernstlich kümmert. Gleiches gilt für den CO2-Ausstoß. 298 Gramm pro Kilometer entsprechen zwar nicht dem europäischen Reinheitsgebot, aber setzt man einmal die Emission in Relation zur Motorleistung, steht der Porsche plötzlich dar wie Meister Proper persönlich. Mit 0,56 Gramm CO2 pro PS schlägt der GT 2 selbst den Öko-Prius von Toyota um Längen. Die japanische Hybrid-Limousine kommt nur auf 0,9 g/PS.


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