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Smart Roadster Coupé: Bakelit-Porsche

Eine echte Fahrmaschine gibt es nicht zum Schnäppchenpreis. Für das viele Geld bekommt man meist einen schnittigen Haufen Blech und mächtig viel Power unter der Haube. Schön. Und doch so überflüssig.

Stuttgart, Zuffenhausen, München oder Ingolstadt - eine echte Fahrmaschine gibt es nicht zum Schnäppchenpreis. Für das viele Geld bekommt man meist einen schnittigen Haufen Blech, mächtig viel Power unter der Haube und jede Menge Luxus-Schnickschnack. Schön. Und doch so überflüssig. Es geht auch einfacher. Und natürlich günstiger. Smart baut mit dem Roadster Coupé einen kleinen Straßenfeger, der in Sachen Fahrspaß mit den großen der Branche mithalten kann, auch wenn sie in einer ganz anderen Liga spielen.

"Was für ein schicker Flitzer"

Es gibt nicht viele Testwagen, auf die man wirklich gut aufpassen muss. Das Roadster Coupé ist so ein Fall. "Ich muss mal eben in die Stadt. Kann ich den Smart nehmen?", fragte ein Kollege kurz vor der Mittagspause in deutlich gehetztem Tonfall. Kein Problem, sollte man meinen. Als er "kurz" danach, ein paar Minuten vor Feierabend, wieder in der Redaktion aufschlug, hätte man ihm ohne Probleme einen Blanko-Kaufvertrag in die Hände drücken können. "Was für ein schicker Flitzer..."

Das Smart Roadster Coupé ist...

Der platte Smart mit dem Glasbuckel-Kofferraum hat eine enorme Anziehungskraft. Egal ob Autobahn-Parkplatz, Pracht-Boulevard oder Tiefgarage. Für einen kurzen Blick auf den kleinen Zweisitzer nehmen sich selbst gestresste Manager Zeit. Warum, dass kann anschließend so genau keiner sagen. Vielleicht ist es die ungewöhnliche Form oder der lustige Motorsound. Vielleicht aber auch die Tatsache, dass der Winzling nur 81 PS im Heck hat. Das kann doch keinen Spaß machen.

Ein Raser zerlegte bei einer sinnlosen Angeberaktion einen seltenen "La Ferrari", von denen nur rund 500 Exemplare existieren.

Traditionelle Roadster-Werte

Kann es doch, und der Grund ist einfach. Smart hat sich bei der Entwicklung des Roadsters nicht an der "Größer-Stärker-Schneller-Schwerer-Teurer-Fraktion" orientiert, sondern sich auf die traditionellen Werte eines Roadsters konzentriert. Kompakte Abmessungen, geringes Gewicht und eine verhältnismäßig bescheidene Motorleistung. Die 81 PS des hochgezüchteten Dreizylinders müssen nur 815 Kilo Smart bewegen. Das entspricht einem Leistungsgewicht von gut 10 Kilo pro PS.

Beim Design gab es für die Smart-Entwickler wenig zu experimentieren. Die Festlegung auf einen Roadster in Verbindung mit dem typischen Smart-Look hatte das vorliegende Design zur Folge: nettes Grinse-Gesicht, niedrige Fahrzeughöhe, knuffiges Heck, auffälliger Überrollbügel. Sehr schick und sehr puristisch.

Gelobt sei, was hart macht

Wer sich für so einen Super-Smart entscheidet, muss bedenken, dass Autofahren vor langer Zeit noch harte Arbeit war. Ledersitz-Kuschler und Soundsystem-Genießer sollten lieber bei ihrem Porsche oder Mercedes SLK bleiben. Der Smart braucht kein aufwändiges Audio-System, um für die nötige Kurzweil zu sorgen. Die kleine Rumpelkiste übernimmt die Unterhaltung selbst. Das beginnt schon beim Einsteigen. Sind die Dachholme drin und das Dach geschlossen, bittet der Kleinstwagen schon vor Fahrtantritt zu einer kleinen Turnübung. Den rechten Fuß ins Wageninnere, dann in leicht gekrümmter Haltung den Hintern ins Auto wuchten. Anschließend unbedingt den rechten Fuß unter dem Lenkrad in Richtung Mittelkonsole schieben. Das spart spätere Entknotungs-Aktionen und schont die Kreuzbänder. Anschließend kann auch der linke Fuß lässig ins Cockpit gezogen werden.

Nudelsieb-Ambiente

Der weitere Verlauf des Erstkontakts ist wesentlich einfacher. Wer schon mal Smart gefahren ist, kommt mit dem Roadster bestens zurecht. Tiefe Sportsitze, Zündschloss hinterm Schalthebel, verwinkelte Mittelkonsole und gut ablesbare Instrumente. Alles da, auch wenn viele Bedienelemente sich nicht dort befinden, wo man sie in einem normalen Auto suchen würde. Ebenfalls vom Ur-Smart übernommen wurde die furchtbare Materialanmutung. Der Kunststoff des Armaturenbretts fühlt sich in etwa so an wie Omas altes Nudelsieb aus Bakelit. Gruselig. Dabei sind die Plastikteile gar nicht schlecht verarbeitet.

Technische Daten

Motor

Dreizylinder Turbomotor

Hubraum

698 ccm

Leistung

81 PS / 60 kW

Länge/Breite/Höhe

3.427/ 1.615/ 1.192 Millimeter

Leergewicht

816 Kilogramm

0-100 km/h

10,9 Sekunden

Höchstgeschw.

180 km/h

Durchschnittsverbr.

5,1 Liter (Werksangabe)

Grundpreis

19.950 Euro

Teure Täschchen

Richtig wohnlich wird es knapp über der Fahrbahn, wenn man sich für beim Kauf für ein Kofferset aus der "Smartware"-Kollektion entschieden hat. Neben einem großen Koffer fürs hintere Gepäckabteil (139,80 Euro) kann auch der knapp bemessene Stauraum unter der Fronthaube mit passgenauen Stofftaschen (119,90 Euro) befüllt werden. Selbst in die winzigen Ablagefächer der Türen lassen sich kleine "Schlampermäppchen" (je 39,90 Euro) fummeln. Alles in allem über 300 Euro. Kein Schnäppchen. Ohne Smartware ist es allerdings unmöglich, das kleine Coupé anständig zu beladen.

Schräger Sound

Alle Körperteile unverletzt an Bord? Dann kann's ja losgehen. Das Zündschloss befindet sich, wie bei allen Smarts, hinter dem kurzen Schaltknüppel. Ein kurzer Dreh, schon wird's hinter den Sitzen lebendig. Bereits im Stand klingt der aufgeladenen Dreizylinder wie ein asthmatischer 100-Kilo-Jogger. Dem Leistungsvermögen des kleinen Motörchens tut die Röchelei keinen Abbruch. Ein kurzer Zug an der rechten Schaltwippe hinter dem Lenkrad (beim Coupé serienmäßig) legt den ersten Gang ein, ein beherzter Tritt aufs Gaspedal lässt den Flachmann forsch angaloppieren. Dabei muss man sich kaum Sorgen machen, die Zügel aus der Hand genommen zu bekommen. Dafür reichen die 82 PS nicht. Wohl aber für einen Ampelsprint, mit dem sich so mancher Sportwagen ärgern lässt.

Schlagloch-Hüpfer

Ein Bild, das sich auf der Landstraße fortsetzt. Die drei Zylinder scheffeln aus den knapp 700 Kubikzentimetern Hubraum 110 Newtonmeter Kraft. Nicht viel für ein echtes Auto, jede Menge für einen Smart Roadster. Wer fleißig an den Schaltpaddel zieht und den Dreizylinder mit Drehzahlen füttert, kommt rasant um jede Ecke. Auf quietschende Reifen muss man allerdings verzichten. Nicht aber auf das Fahrgefühl eines echten Sportwagen. Die knochenharte Federung und sehr direkte Servolenkung rücken die Fahrbahn noch näher an den Hosenboden, als sie eh schon ist. Kein Schlagloch, das nicht direkt an die Bandscheiben weitergereicht wird.

Seltsame Preispolitik

Angst vor unkontrollierbaren Drifts oder einem nervösen Heck muss niemand haben. Zu schnell angefahrene Kurven entschärft das serienmäßige ESP durch gezielten Bremseingriff. Und selbst bei abgeschaltetem Schleuderverhinderer ist es schwer, den Roadster an seine Grenzen zu bringen. Auf verfrühte Gasstöße am Kurvenausgang reagiert der Smart völlig cool. Um das Heck in Wallung zu bringen, fehlt schlichtweg die Motorleistung. Eine gute Figur macht dabei die elektrische Servolenkung, die allerdings kein gutes Licht auf die Smart-Preisgestaltung wirft. In den Genuss der Lenkkraftunterstützung kommt nur, wer das Komfort-Paket mit Bordcomputer, Tempomat und automatischer Scheibenwischerregelung bestellt. Aufpreis: 810 Euro.

Gier nach Kurven

Sehr schnell lernt man, dass in einem Smart die gerade Linie zwar die kürzeste, nicht aber die schönste Verbindung zwischen zwei Punkten ist. Trotz gestiegener Motorleistung und ausgewogenem Fahrwerk hat ein Smart Roadster nichts auf der Autobahn verloren. Jede Bodenwelle schlägt ins Cockpit durch, das Plastikarmaturenbrett scheppert in allen Tonlagen, der Turbo-Dreizylinder produziert Vibrationen und Geräusche, die einem nach wenigen Minuten den Verstand rauben. Nicht auszudenken, wie sich die theoretisch möglichen 180 km/h anfühlen.

Frischluft für Fortgeschrittene

Also, wieder runter von der Bahn und ab auf die nächste Landstraße. Natürlich mit geöffnetem Verdeck. Coupé-Fahrern steht ab Werk ein zweigeteiltes Hardtop zur Verfügung, das nach wenigen Handgriffen komplett im Glaskofferraum verschwindet. Wesentlich attraktiver, weil vielseitiger, ist das optionale Faltverdeck. Auf Knopfdruck gleitet das Stoffmützchen hinter die Kopfstützen und lässt sich auch nicht vom Fahrtwind aufhalten. Öffnen und schließen bei voller Geschwindigkeit - das gibt's bei keinem anderen Roadster. Wer's noch luftiger mag, kann die beiden Dach-Seitenholme abnehmen und unter der Fronthaube verstauen. Das kostet auch das letzte Eckchen Stauraum, ist bei gutem Wetter aber die einzig wahre Art, Smart Roadster zu fahren.

Abgas-Inhalator

Die unmittelbare Nähe zu Fahrbahn hat allerdings auch Nachteile. In der City, zum Beispiel. Neidvolle Blick von Nicht-Smart-Roadster-Fahrern bleiben ungesehen. Um Fußgängern in die Augen zu sehen, müsste man abenteuerliche Verrenkungen vollführen. Unschön, weil ungesund ist das Überholen eines LKW. Die Fensterkante liegt genau auf Auspuffhöhe...

Der heimische Tankwart wird recht schnell Gefallen an Smart-Roadster-Fahrern finden. Der kleinen Tank fasst zwar nur 35 Liter, will dafür aber mit dem teuren Super Plus befüllt werden. Eine kostspielige Angelegenheit, zumal man mit den vom Werk angegebenen 5,1 Litern Durchschnittsverbrauch nicht hinkommt. Wer keiner Landstraße widerstehen kann, muss mit einer sieben vor dem Komma rechnen. Alles super. Plus...

Fazit

Nutzwert? Vernunft? Stauraum? Komfort? Wer einem Smart-Verkäufer solche Stichworte gibt, wird nur ahnungsloses Achselzucken ernten. Ein Smart Roadster Coupé macht so wenig Sinn wie Schnee im Juli. Dafür umso mehr Spaß. Seine Fahrleistungen und Fahrwerk sind mehr als überzeugend. Gleiches gilt im Prinzip auch für die Verarbeitung. Warum man allerdings für mindestens 19.950 Euro nicht auch etwas weniger Plastik-Look bekommt, bleibt das Geheimnis der Smart-Bauer. Wer auf die Glas-Kuppel im Heck verzichten kann, ist mit einem normalen Smart Roadster sicher besser bedient. Das spart bei gleicher Motorisierung über 1.000 Euro (18.330).

Jochen Knecht

Wissenscommunity