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SsangYong Rodius Rasender Leichenbestatter

Lass die Ketten im Kofferaum: Das Sella Joch bringt den Rodius nicht in Verlegenheit
Lass die Ketten im Kofferaum: Das Sella Joch bringt den Rodius nicht in Verlegenheit
© Gernot Kramper
Mut zu schrillen Formen benötigt der Fahrer dieses Family-Vans. Dafür zeigt das Langschiff am Hang manchem PKW die Rücklichter.
Von Gernot Kramper

"Glotzt doch nicht so romantisch!" Mit diesen Worten soll der legendäre Berthold Brecht sein Publikum angeherrscht haben, weil es seinen Stücken herzens-selig lauschte, anstatt - wie erwünscht - die Bühne mit kühlem Kopf zu betrachten. Angst vor romantischen Liebeserklärungen muss der Fahrer eines Rodius wirklich nicht haben, eher benötigt er ein dickes Fell, in dem dumme Witze stecken bleiben.

Kühner Glaskasten

Das Design des asiatischen Siebensitzers wurde von ambitionierter Hand gezeichnet, aber allzu viel Mut tut nicht immer gut. Wer sich den Rodius zulegt, dürfte mit Aussprüchen wie "Machst du am Feierabend jetzt auf Leichenbestatter?" konfrontiert werden. Schuld an dem Spott ist nicht die etwas plumpe Delfin-Nase. Chryslers Voyager schnuffelt schließlich ähnlich gutmütig durch die Welt, ohne so übel geschmäht zu werden. Aber beim Ssangyong ist der gewagte Heckabschluss der wahre Hingucker. Anstatt den Lademeister straight und ehrlich wie einen Schuhkarton enden zu lassen, musste eine abfallende Linie her. Schwungvoll und elegant wie ein Regenbogen wölbt sich nun das Fahrzeugdach. Hübsch gedacht, nur damit die hinteren Passagiere auf der dritten Reihe keine Nackenstarre bekommen, hat man für sie eine Art gläsernen Brotkasten eingearbeitet. Diese kreative Lösung macht den Rodius nun einzig unter den Fahrzeugen dieser Welt.

Der Korea-Palast

Genug gelästert, denn einzig sind auch die Qualitäten des Langschiffes. Und die liegen zunächst im Innenraum. Hauptgrund für den Kauf eines Wagens mit sieben Sitzen und mehr als fünf Metern Länge dürfte ein unstillbarer Hunger nach Transportraum sein. Als Parkplatzwunder und Kurvenwiesel geht der Rodius nicht an den Start, sondern als familiärer Möbelwagen. Das fängt beim Gestühl an. Die ersten beiden Reihen sind mit Einzelsitzen ausgestattet. Ihr Leder - in der "s"-Austattung - ist fest und angenehm, die Sitze bieten guten Halt. Einziges Manko: Auf den vorderen Plätzen sitzt der groß gewachsene Mitteleuropäer ziemlich dicht unter dem Dach der Welt. Der Fahrersitz lässt sich weiter in die Höhe schrauben, eine Option, die nur bei Koreanern Sinn machen kann.

Die Sitze der zweiten Reihe - Modell "Captain's Chair" - lassen sich drehen, die dritte Reihe besteht aus einer Drei-Sitz-Bank. Die beiden Reihen ruhen auf Schienen, so kann man entweder mehr Kniefreiheit oder mehr Laderaum schaffen. Auf allen sieben Plätze kann man genüsslich mit den Beinen schaukeln, wenn der Kofferraum nicht zu opulent ausfallen soll. Der Rodius ist mit üppigen Ablagen ausgestattet, da gibt es nichts zu meckern. Freilich gibt es beim Preisbrecher aus Korea nicht alles, was das Herz begehrt. Ein "Stow 'n go"-System ("Verstauen und Vergessen"), das beim Chrysler alles Gestühl im Fahrzeug-Boden verschwinden lässt, gibt es nicht, beim Doppeldrachen - so die Bedeutung von SsangYong - muss man die dritte Bank komplett ausbauen. Dumm auch, dass die letzte Reihe sich nicht teilen lässt, wer nur fünf oder sechs Plätze benötigt. kann nicht einen einzelnen oder nur zwei Sitze umklappen. Dennoch ist man in der Preisklasse gut gerüstet. Wenn in der letzten Reihe, wie zu erwarten, Kinder sitzen, bleibt massig Kofferraum auch für eine sechs- bis siebenköpfige Familie. Selbst bei Erwachsenen sind es über 800 Liter Volumen. Das maximale Ladevolumen variiert zwischen 893 und 3.322 Liter. Wer nur vier Sitze benötigt, dürfte alles Mögliche an Sport-Equipment mit auf die Tour nehmen können.

Der Korea-Palast

Der Familientransporter lässt auch den Kapitän am Steuer nicht leiden. Das Lederlenkrad liegt gut in der Hand, auch wenn es sich nur schwenken und nicht herausziehen lässt. Leider folgt der Rodius der Marotte, die Hauptinstrumente in die Fahrzeugmitte zu verlegen. Das ist einfach lästig und unpraktisch. Dafür macht die Auswahl der Materialien einen sehr guten Eindruck, in der Preisklasse ist das Interieur hervorragend.

Der Kraft-Kerl

Der Rodius will nicht nur voll gestopft und beladen werden, man möchte ja auch noch fahren. Wie fühlt sich das an? Weit besser als erwartet. Das aufgewertete Daimlertriebwerk bringt mehr als genügend Leistung auf die Hinterräder, die Lenkung ist exakt, allein hoher Schwerpunkt und Gewicht gemahnen in Kurven zur Vorsicht. Der Wagen hat richtig Power, am Hang und beim Beschleunigen steht stets genügend Leistung zur Verfügung. Als Motor arbeitet der aus dem Rexton bekannte Reihenfünfzylinder-Turbodiesel mit 163 PS. Serienmäßig gibt es ihn mit manuellem Fünfganggetriebe, auf Wunsch kann eine Fünfgangautomatik geordert werden. Der Motor bringt Kraft für einen Job als Zugmaschine mit. Die maximale Last beträgt 2,8 Tonnen, genug für einen Wohnwagen.

Auf die Perspektive kommt es an, so sieht das Heck doch ganz flott aus
Auf die Perspektive kommt es an, so sieht das Heck doch ganz flott aus
© Gernot Kramper

Familienmensch mit Allrad-Power

Der gefahrene Rodius ist mit Hinterradantrieb ausgestattet, in den Alpen auf verschneiten Pisten schlug er sich damit wacker. Mancher sportive Fronttriebler musste längst zur Kette greifen, während der Rodius stur bergan stieg. Im Kauf sollte man sich allerdings die Allradkompetenz des Herstellers aneignen und den entsprechenden Vierrad-Antrieb wählen. Auf Landstraße, Autobahn und in der Stadt enttäuschten weder Antrieb noch Federung. Allein beim Rangieren und Parken wird es knifflig. Fahrzeuglänge und die durch Kopfstützen verstellte Sicht nach hinten erfordern Aufmerksamkeit und Vorsicht.

Viel Leistung, viel Potential

Noch kennt die Marke SsangYong kaum jemand in Deutschland. Der Rodius zeigt, dass sich das bald ändern kann. Das eigenwillige Design sollte nicht den Blick auf die Qualitäten des Fahrzeugs verstellen. Finanziell startet der Rodius bei 24.900 Euro, mit Automatik und "s"-Ausstattung liegt man bei 29.900. Der Allradantrieb kostet 2.500 Euro extra, ein ESP 650 Euro. Angesichts von Motor, Antriebstechnik und Platzangebot trifft man mit dem Rodius eine gute Wahl.

"Oha", denkt jetzt vielleicht mancher knapp kalkulierende Familienvater, "der hat gut reden. 30.000 Euro mag günstig sein, aber ich habe sie nicht." Zum Glück sind die Listenpreise beim Rodius nur als Peilmarke gedacht, beim Händler gibt es den Familientanker deutlich günstiger.


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