Genf Pure Vernunft darf niemals siegen


Am Genfer See beginnt das Autojahr mit guter Stimmung und schlechten Aussichten. Zu viele Hersteller, zu viele Werke, zu wenig Öl - die Lage ist ernst. Und genau deswegen gibt es die süßesten Versprechungen für den Mobil-Fetischisten im Autosalon zu sehen.
Von Gernot Kramper

Alle verlangen nach dem "vernünftigen" Auto, haben will es keiner, wenn er sich mehr leisten kann. Vernünftig hieße für Fahrer ohne Kinder und Familien in Ballungsräumen ein Wagen der Größe von Picanto oder Aygo. Wer mehr fährt oder mehr Köpfe mitnehmen will, findet im Golf Plus oder im Astra Kombi die Erfüllung aller "vernünftigen" Wünsche. Man sieht, die Vernunft ist selten die erste Wahl fürs Gefühl. Für die Autoindustrie schon gar nicht. Bei wirklich rationaler Betrachtung könnte manches Fahrzeug einfach noch ein paar Jahre länger genutzt werden, mancher Zweitwagen eingespart und in Ballungsräumen sogar ein autofreier Haushalt gegründet werden. Der Blick des kühlen Verstandes eröffnet ein Horrorkabinett.

"Wir brauchen dringend neue Lügen"

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein und fünfzig PS sind nicht alles. Erst im Reich des Luxus und der Unvernunft kommt man zu sich, denn pure Vernunft darf niemals siegen. Die schönsten Lügen, die süßesten Versprechungen für den Mobil-Fetischisten gibt es im Autosalon von Genf zu sehen. Der trübe Winter geht vorüber mit ihm Glatteis, Schmuddel und fiese Salzkrusten, die den Lack zerfressen. Am Ufer des Sees darf man noch schwelgen.

"Die uns vor stumpfer Wahrheit warnen"

Als Trostpflaster für den Verstand werden am Genfer See alternative Kraftstoffe und Antriebe eine wichtige Rolle spielen. Auch dieses Thema ist nicht wirklich wohl gelitten, aber dieses eine Mal wollen die deutschen Autobauer nicht auf die Konkurrenz warten, sondern selbst Flagge zeigen. Der Verband VDA startet seine Initiative für eine zehnprozentige Beimischung von Biosprit zu dem herkömmlichen Treibstoffe exakt vor der Genfer Messe.

Die Erhöhung des Anteils von Biodiesel am herkömmlichen Diesel und von Ethanol am Benzin von zwei auf dann zehn Prozent soll helfen, die selbst gesteckten Umweltziele zu erreichen und zugleich Zwangsmaßnahmen des Gesetzgebers zuvorkommen. Die konstruktiven Eingriffe sind minimal und anders als bei der Hybridtechnik kommt man nicht in die Zwangslage, mit hohem technischen Aufwand sparen zu wollen. Ein kühnes Unternehmen, das keinem wehtut.

Die uns den Schatz des Wahnsinns zeigen

Die einfachste Methode wäre es natürlich, mehr umweltfreundliche Kleinwagen zu verkaufen. Für die Industrie nicht eben verlockend, je kleiner der Wagen, umso härter der Preiskampf, umso geringer die Margen. Wenn schon der Verstand angesprochen wird, dann schlägt er leider richtig zu, der Auto-Kenner, dem keine Felge zu aufwändig sein kann, verwandelt sich in einen Knauser und rechnet plötzlich mit jedem Cent. Ein Effekt, der auch anderen Branchen bekannt ist. Während Lebensmittel beim Discounter zu Schleuderpreisen gekauft werden, könne In-Labels und Status-Marken gar nicht teuer genug sein. Geld ist nur da, wenn Ego und Lifestyle gepusht werden.

Und uns in schönsten Schlummer singen

Welch Wunder, wenn in Genf wiederum eine Fahrzeugart den Ton angibt, bei der der Verstand erwiesenermaßen abschaltet. Die SUVs dominieren das Feld der Begierde. Bei Audi und Mercedes rollen Luxus-Allrad-Giganten in die Verkaufsräume. Q7 und R-Klasse waren zwar schon mehrfach auf Messen zu sehen, aber erst 2006 rollen sie als neue Neid-Leitsterne auf die Straße. VW zeigt mit dem "Concept A", dass man in Wolfsburg auch locker sein will. Hinter dem Siegeszug der Form SUV sollte man nicht nur den Möchtegern-Cowboy im Käufer verspotten, sondern das langsame Dahinsiechen anderer Formen erkennen. Die Limousine bleibt nur noch in der Luxusklasse oder als Sportmodell akzeptabel, der Kombi versucht sich ebenfalls als Sport-Kombi durchzumogeln, sonst gilt er als hoffnungslos langweilig. Bei den klassischen Kompakten tut sich seit Jahren nichts Revolutionäres und die Mini-Vans der Sharan-Klasse sind wie die Dinosaurier in Langeweile verscheiden. Allein die Spaßfraktion scheint die Überholspur gepachtet zu haben. Freche kleine Cabrios, schnelle Roadster und Sportwagen fahren neben den SUVs ihres Weges.

Und uns das Fest der Welt bereiten

Beim 76. Genfer Salon werden mehr als 700.000 Autoanbeter erwartet. Für die deutschen Hersteller ist sie die wichtigste Messe des Jahres in Europa. Die IAA widmet sich in diesem Jahr nur den Nutzfahrzeugen und der Autosalon in Paris ist stets ein französisches Heimspiel. Die Industrie gibt sich optimistischer als in den Jahren zuvor. Im Kern bleibt die Lage in den europäischen Märkten aber angespannt. Hohen Überkapazitäten stehen gesättigte Märkte gegenüber, die entweder stagnieren oder gering wachsen. Der Ausweg für den einzelnen Hersteller ist klar: Besser sein als die anderen. Selbst deutlich über dem Marktdurchschnitt wachsen. Ebenso einleuchtend ist es, dass dieser Ausweg nicht allen offen steht.

Und die zu Königen uns krönen

Keiner möchte den Kampf vorzeitig aufgeben, daher sind Höhepunkte der Messe vielfältig wie selten. An Highlights wird nicht gespart. Für den flotten Fahrer gibt es den Opel GT, den Mitsubishi Colt CZC oder den Alfa Romeo Spider. Skoda Roomster, Nissan Note, Suzuki SX4 und der überarbeitete Opel Meriva zeigen, dass auch kleine kompakte Raumwunder nicht langweilig wie ein Lieferwagen sein müssen. Hauptattraktionen werden wie immer die Traumwagen sein, ob der Audi Q7, der Chevrolet Captiva oder der Ferrari 599. Für die pure Vernunft kreiert Volkswagen eine Umweltschutzmarke namens BlueMotion, erstes Modell ist ein Polo. Mit 80 PS Leistung soll er im Durchschnitt mit 3,9 Liter Diesel auf hundert Kilometer auskommen. Im Vergleich zum "Normalen" Polo soll der BlueMotion gleiche Fahrleistungen bieten, aber einen halben Liter weniger verbrauchen.

An diesem Wert sieht man leider auch die Crux am Unternehmen Blue Motion. Ein halber Liter macht auf den Laien heute wenig Eindruck. Den normalen Fahrzeugen wurden seit Jahren gemäßigte Trinksitten beigebracht, so kann sich auch der Sparmeister nur graduell verbessern. Mit purer Vernunft betrachtet, ist gerade dieses unspektakuläre Sparergebnis die wirklich gute Botschaft. Hier kann man erkennen, wie viel bei Volkswagen und anderen in der Serie bereits erreicht wurde. So gesehen: Nach soviel Sparwut hat man sich die PS-Sause am Genfer See redlich verdient.


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