Ingo Scherhaufen Den müssen sie kennen


Dieser Mann hat ein System ersonnen, das den Verkehr sicherer machen soll. Es verhindert Auffahrunfälle von Lastwagen. Ab 2006 werden die schweren Mercedes-Lkws damit ausgestattet.

Er hat das ideale Pokerface. Ingo Scherhaufer sitzt mit einer coolen Ausstrahlung auf seinem Stuhl und könnte auch mit nichts auf der Hand alle bluffen. Aber er spielt kein Poker, sondern lieber Klavier.

In seinem Job jedoch geht es um einen hohen Einsatz: Der Ingenieur will den Tod technisch austricksen. Insbesondere will er jene Tragödien vermeiden helfen, die Lkw-Fahrer verursachen, wenn sie hochbeladen in das Ende eines Staus knallen. Sechs Jahre hat der 35-jährige Entwickler bei Daimler-Chrysler an einem System gearbeitet, das Lastwagen in solchen Situationen und unter allen Umständen automatisch abbremst. Ab Frühjahr 2006 wird die Superbremse mit Radaraugen in die Actros-Baureihe des Konzerns eingebaut.

Wie sie funktioniert, führt Scherhaufer auf dem Gelände der Dekra-Prüforganisation in Klettwitz bei Dresden vor. Wir sitzen in einem Smart auf der Fahrbahn, von hinten donnert ein Stahlgebirge von 40 Tonnen mit Tempo 90 auf den Autozwerg zu. Je näher der rasende Riese kommt, desto übermächtiger wird der Gedanke an Flucht. In dem Moment, in dem auch die nichts mehr genützt hätte, packt eine unsichtbare Faust den Koloss und zwingt ihn wenige Meter hinter dem Kleinstwagen in die Knie. "Na bitte, klappt doch", sagt Scherhaufer zufrieden.

1970 in Winnenden bei Stuttgart geboren, studierte er Nachrichtentechnik in Esslingen und ging 1995 als wissenschaftlicher Mitarbeiter "zum Daimler". Bis 1998 sammelte er Erfahrungen bei der Entwicklung des Abstands-Regel-Tempomats: Radarkeulen vor dem Bug der S-Klasse messen den Abstand zum Vordermann und bremsen selbsttätig, wenn's brenzlig wird. Dabei erkannte Scherhaufer, der seit 2004 Leiter Assistenzsysteme Serienentwicklung ist, wie sich durch Verknüpfung bestehender Systeme die Gesamtwirkung vervielfachen lässt.

Seine Triebfeder ist nicht nur die Vision des unfallfreien Straßenverkehrs, auch die Statistik zeigt, dass bei den Lastwagen etwas geschehen muss: Bei mehr als einem Drittel aller Unfälle krachen Nutzfahrzeuge aller Gewichtsklassen in vorausfahrende Autos.

Scherhaufer kombinierte die aus der S-Klasse bekannte Abstandsregelung mit einem Lkw-spezifischen Stabilitätssystem, wozu auch ein Radar im Bug gehört. Mit Hilfe der ausgesandten Strahlen wird erkannt, wie schnell sich vor dem Lastwagen etwas bewegt, ob da ein Hindernis steht und wie groß der Abstand dorthin ist. In Sekundenbruchteilen vergleicht der Computer alle Daten mit dem eingelegten Gang, der Drehzahl und dem Tempo des Lkws - und aktiviert im Notfall die Bremse. Denn "der Mensch trifft den optimalen Bremszeitpunkt nie, und die dabei verschenkten Meter können über Tod oder Leben entscheiden", sagt Scherhaufer.

Eines kann sein Baby noch nicht: erkennen, wie griffig die Fahrbahn ist. "Doch bis 2008 ist das gelöst", sagt er. Man wird wohl mit Akustiksensoren arbeiten, die am Summen der Reifen erkennen, ob die Piste nass ist oder trocken.

Harald Richt print

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