Motorradtour 11 - St. Petersburg Der längste Tag


Verzweiflung und Ratlosigkeit machen sich angesichts der vielen, immer schwerwiegenderen Motorrad-Pannen breit. Da hilft nur noch eins: Man verflucht "Made in China" und schimpft auf den neuen Bundespräsidenten Köhler.
Von Matthias Schepp

Azurblau leuchtet der Himmel über Sankt Petersburg, der prächtigen Metropole am Newa-Fluß, als wir Shang, unseren chinesischen Mechaniker, zum Flughafen bringen. Shang darf nicht nach Estland einreisen und wird in Stockholm bei einer Tante von Peter Schaumburg, dem Teamleader, auf uns warten. Der Chinese fliegt zum ersten Mal, spricht kein Wort russisch oder englisch und natürlich auch kein schwedisch. Trotzdem ist er frohen Mutes.

"Mei wenti", sagt er. "Kein Problem", heißt das übersetzt. Das ist seine Lieblingsphrase, die er uns jedes Mal entgegenlächelt, wenn wir fragen, ob er diese oder jenes reparieren könne oder ob er denkt, dass unsere Motorräder noch bis nach Berlin durchhalten. Auch gestern Abend hatte er entschlossen Mei wenti gesagt, als wir ihn fragten, ob die Motorräder für den kurzen Weg nach Tallin so vorbereitet sind, dass wir ohne ihn auskommen.

Der Schein trügt

Es ist acht Uhr morgens und wir haben nur 350 Kilometer vor uns. Eine Spazierfahrt bei herrlichem Sonnenschein, freuen wir uns. Nach der Schotterpiste in Nordchina, nach dem löchrigen Asphalt in Sibirien kommt jetzt der leichtere Teil, denken wir. Vierzig Kilometer hinter Sankt Petersburg aber springt bei Peters Motorrad bei jedem Schalten der Rückwärtsgang rein. Ein schwerer Getriebeschaden.

Shang ist gerade erst eine Stunde weg und schon vermissen wir ihn schmerzlich. Spätestens jetzt wird allen klar, dass wir ohne den Chinesen wahrscheinlich immer noch irgendwo in Sibirien wären. Auch wenn wir mitunter die Hände vor dem Kopf zusammenschlagen, wenn er Schrauben mit dem Hammer in ein Gewinde treibt. Irgendwie bekam er es aber immer hin, dass unsere Mühlen weiterfuhren.

Das Geständnis

Nach einer Stunde finden wir im nächsten Dorf Artjem, einen jungen Mechaniker mit langen roten Haaren. Er nimmt das Getriebe auseinander, stellt fest, dass eines der Zahnräder keine Zähne mehr hat. Wir haben das entsprechende Ersatzteil dabei, aber Artjem eröffnet uns, dass er nun einen Termin habe und weg müsse. So kaschiert er seine Ratlosigkeit. Das zerlegte Getriebe baut er nicht mehr zusammen. "Ich habe keine Ahnung, wie das geht", gesteht er kleinmütig. Wir müssen eine andere Lösung finden und starren verzweifelt auf den chinesischen Schrott. Unsere Yangtze-Seitenwagengespanne sind Nachbauten der legendären R 71, gefertigt in China und von miserabler Qualität.

Aus dem Grand Hotel Europa in Sankt Petersburg hatte ich eine Süddeutsche Zeitung mitgenommen. Ich lese aus der Antrittsrede von Horst Köhler vor, dem neuen Bundespräsidenten: "Von der Globalisierung hat Deutschland als Exportnation gerade in den letzten 50 Jahren profitiert wie kaum ein anderes Land der Welt. Wahr ist aber auch, dass uns immer mehr Länder überholen. Heute heißt es eben auch in der ganzen Welt mit Respekt "Made in China".

Köhler ab nach China

Eigentlich finden wir Köhlers Rede nicht schlecht. Aber unser Respekt vor chinesischer Qualität tendiert haarscharf gegen Null. Wenn Köhler überhaupt jemals im Reich der Mitte war, ist er über die boomenden Hochhaus- und Wolkenkratzerstädte Peking und Shanghai bestimmt nicht herausgekommen. Made in China als Gütesiegel, das finden wir absurd und schütteln uns vor Lachen. "Der sollte mal einen Tag mit uns fahren, dann weiß er, was chinesische Qualität ist", sagt Rene Egle, der Badenser. Rene kennt nicht nur die Schwachstellen seines Motorrades, sondern hat auch zehn Jahre lang in Peking gearbeitet.

Mit jedem Tag wächst die Schadensliste unserer Seitenwagengespanne: dreizehn Lichtmaschinen, drei Getriebeschäden, eine Kardanwelle abgerissen, ein Kabelbrand, zwanzig Reifenwechsel, ehe wir auf russische Pneus umstiegen. Der Chinese Shang bestaunte jedesmal die Qualität der Ural-Seitenwagenmotorräder, des russischen BMW Nachbaus.

Glück im Unglück

In der Fabrik in Irbit hatten wir vor zehn Tagen unsere Bikes überholen lassen. Dort rufen wir an, ob es in der Nähe der Stelle, wo wir nun festsitzen, vielleicht einen guten Mechaniker gibt, der Erfahrung mit der Ural hat und deshalb auch das Schwestermodell Yangtze in den Griff bekommen könnte. Wieder einmal haben wir Glück im Unglück. Nur fünfzehn Kilometer entfernt, in der alten Zarenresidenz Gatschina, wohnt Nikolaj Grischin, ein russischer Meister im Seitenwagen-Motorrad-Motorcross. Er lädt Peters Bike mit einer Hebebühne in sein aus einem Fiat-Lastwagen selbstgebasteltes Wohnmobil. Um ein Uhr treffen wir auf seiner Datscha ein, staunen über seine Werkstatt, wo es jede Schraube und jedes Scheibchen gibt. Er kennt die Yangtze nicht, schafft es aber das Getriebe zu reparieren, neue Gewinde zu drehen und das Getriebe wieder zusammenzusetzen.

Während wir warten, kehrt auf einmal der Teamgeist wieder zurück, den wir am Anfang unserer 12 000 Kilometer langen Reise gespürt hatten und der uns irgendwann auf dem beschwerlichen Weg durch Sibiren abhanden gekommen war. Wir kochen Tütensuppen und Eier mit Speck, trinken Bier im Garten der Datsche und besichtigen die alten Häuser und den Palast aus der Zeit des Zaren Paul des Ersten, dem Sohn von Katharina der Großen, einer Deutschen auf dem Thron.

Weiße Nächte

Um elf Uhr nachts sind wir wieder on the road, wollen es auf jeden Fall bis über die russisch-estnische Grenze schaffen. Dank des nördlichen Breitengrades wird es nachts nie richtig dunkel. Die sogenannten Weißen Nächte haben uns oft geholfen, bis Mitternacht durchzuhalten. Stets haben wir versucht, Nachtfahrten zu vermeiden. Dreimal ging es nicht anders und auch nun rollen wir im Halbdunkel der Grenze entgegen. Zuerst gibt die schwarze Maschine ihren Geist auf. Die Batterie ist tot. Erst versuchen wir es mit Anschieben, dann mit einem Überbrückerkabel, dann hilft nichts mehr. Wir müssen eine Lichtmaschine einbauen.

Um zwei Uhr nachts bleibt Peter liegen. Bei jedem Stopp fallen Tausende von Stechmücken über uns her. Dann setzt Dauerregen ein. Nässe und Kälte kriechen unaufhaltsam durch die Schutzkleidung. Es ist fünf Uhr morgens, als wir die Grenze erreichen, sieben als wir sie passieren und in ein Motel einchecken. Wir haben mehr als 24 Stunden nicht geschlafen. Es ist der längste Tag seit unserer Abreise aus Peking. Wir sind gerade 190 Kilometer gefahren, ein Minusrekord, und mehr als 200 Kilometer von unserem Tagesziel Tallin entfernt, der Hauptstadt von Estland. Unsere Bikes sind am Ende, bleiben in immer kürzeren Abständen und mit immer ernsteren Schäden liegen. Wir haben kein Ersatzgetriebe mehr und nur noch eine Lichtmaschine. Die Zweifel wachsen, ob wir es bis Berlin schaffen.


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