Motorradtour 8 - Irkutsk Pleiten, Glück und Pannen


Sind wir verrückt, mit völlig veralteten Motorrädern in fünf Wochen 12.000 Kilometer zurückzulegen? Zusehends verkrampfen Mensch und Material - ja, vermutlich sind wir verrückt.
Von Matthias Schepp

Manchmal scheint es, als würden wir niemals in Berlin ankommen. Freunde, die seit Jahren Motorrad fahren, hatten uns schlichtweg für verrückt erklärt, als wir ihnen sagten, dass wir mit altmodischen Seitenwagengespannen aus den Dreißiger Jahren in rund fünf Wochen die zwölftausend Kilometer von Peking nach Berlin zurücklegen wollen.

Hunderte Kilometer Umwege auf Sand - und Schotterpisten, Gewitter und heftige Regenschauer hemmen unseren Weg. Shang, unseren chinesischen Fahrer, schüttelt zwei Tage lang das Fieber. Die Schultern von Rick, dem Engländer, sind mittlerweile hart wie Steine. Wie bei allen verkrampfen sie beim ständigen Kampf, die Maschine auf der Piste zu halten und wenigstens das Gros hunderter von Schlaglöchern zu umfahren.

Peter, der Teamchef, hat die ständige Überforderung von Mensch und Material zu seiner Strategie gemacht. Peking nach Berlin ist deshalb keine Reise, sondern eine Rallye. Es geht darum, in der schnellstmöglichen Zeit die mehr als zwölftausend Kilometer zwischen den beiden Hauptstädten zu überwinden. "Weiter" und "Los geht's", sind Peters beliebtesten Worte, die Kontakte mit den Menschen in Russland oder China bleiben auf das Notwendigste beschränkt. Selten ergeben sich längere Gespräche.

Jeden Tag sitzen wir zwischen zwölf und vierzehn Stunden auf unseren Bikes. Der Chinese stöhnt: "Ich krepiere wie ein Pferd". Er hat keine Stiefel dabei und fährt in Turnschuhen durch den kalten Regen. Kein Wunder, dass er einen Tag später krank ist und schlapp macht. An der nächsten Stadt werden wir halten und ihm wenigstens ein paar Gummistiefel kaufen.

Rick, der kleine Engländer mit der Energie eines Atomkraftwerkes, wird von Tag zu Tag stiller. Die ersten Abende hat er nach Mitternacht immer noch ein Mädchen gefunden, mit dem ein Bier zu trinken war. Rene, der Badener, kann die Fahrt, die er solange geplant hat, kaum genießen.

Manchmal wirkt er wie auf der Flucht. Kein Lachen kommt über seine Lippen. Denn sein Arbeitgeber droht ihm mit Entlassung, wenn er bis zum 4. Juli nicht in Indonesien zurück ist. Dann finden dort die Präsidentenwahlen statt.

Als zweiter Mann im Shangri-La Hotel in der Hauptstadt Jakarta ist er für die Sicherheit verantwortlich. Im vergangenen Jahr waren bei einem Anschlag auf das Marriot Hotel Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Auch am Wahltag fürchten das Militär, die Polizei und die Geheimdienste Anschläge radikaler Islamisten.

Rene hat seinen Urlaub ein halbes Jahr vorher angemeldet und die Auszeit in seinen Vertrag schreiben lassen. Die Entlassung wäre für den erfolgreichen Hotelmanager die Pleite seines Lebens. Dem Ziel, am 3. Juli Berlin zu erreichen - das sind vier Tage weniger als die Planung des Teamchefs Peter - ordnete er alles unter. Selbst an seinem Geburtstag geht er früh ins Bett.

Bei Rene schleichen sich nach elf Tagen und mehr als viertausend Kilometern Unkonzentriertheiten ein. Gerd George, der Fotograf, hat eine Reifenpanne. Rene stellt sein Motorrad neben ihm ab, lässt aber den Motor weiter laufen. Langsam rollt sein Seitenwagen-Gespann auf die Böschung zu. Rene sprintet zu seinem Bike, fasst an den Lenker und kann es noch etwas abbremsen, ehe es den Abhang hinunterrollt. Gott sei Dank kommt es bald zum Stehen. Kein nennenswerter Schaden ist entstanden. Zu viert wuchten wir es wieder nach oben.

Selbst Peter, der unermüdliche Antreiber, schüttet inzwischen beim Frühstück Kirschsaft statt Milch in seinen Kaffee. Schlimmer als unsere Erschöpfung aber ist die Ermüdung des Materials unserer Maschinen. Kein Tag vergeht ohne Panne. Bei Rick, dem Engländer, mussten wir bereits in China das gesamte Getriebe auswechseln. Die Auspuffrohre fallen im Drei-Tagesabstand ab und sind schon lange mit Draht festgezurrt. Bei Rene versagten die Bremsen, drei Lichtmaschinen mussten wir auch schon auswechseln. Einen gestandenen Kabelbrand haben wir auch hinter uns. Bei drei Maschinen lecken die Ersatzkanister.

Unsere Seitenwagen-Motorräder sind Nachbauten der legendären BMW R71 aus den Dreißiger Jahren. Sieben Jahrzehnte später sind die Chinesen, die das Motorrad nach ihrem längsten Fluss, den Yangtse nennen, aber noch Lichtjahre von der Fertigungsqualität der Deutschen entfernt. Ende der Fünfziger Jahre hatten sie die Lizenzen von den Russen im Austausch gegen Eier und andere Lebensmittel bekommen. Die Russen hatten die BMW-Fabrik in Ostdeutschland demontiert und die R71 bis ins Detail nachgebaut.

Unsere Gespanne kommen edel und elegant daher, halten aber nicht viel aus. Der Münchner Unternehmensberater Engelbert Boos ist am Ende seines Studiums 13.000 Kilometer mit der Yangtze von Peking nach München gefahren, im Unterschied zu uns aber nicht durch Sibirien, sondern über Pakistan, Jordanien und die Türkei. Er brauchte 99 Tage, sein mehr als zweihundert Seiten langes Buch ist eine Aneinanderreihung von Pannen.

Hinter Irkutsk auf einem Stück Schotterpiste mit vielen Schlaglöchern bricht die Hinterachse des Seitenwagens, in dem ich sitze und Notizen in mein Reisetagebuch schreibe. Gerd George, der Fotograf, kann die Maschine gerade noch zum Stehen bringen. Wäre uns das bei Tempo achtzig oder neunzig passiert, wären die Folgen wahrscheinlich weit dramatischer gewesen. Wir haben Glück gehabt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker