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Los Angeles Auto Show: Kaum ein Stromer im Elektroparadies

Kalifornien gilt als Zentrum der grünen Mobilität, trotzdem sieht man kaum einen Stromer auf der Straße. Die Industrie hat den Rückwärtsgang eingelegt und produziert nur noch Mini-Serien.

Von Harald Kaiser/Los Angeles

Mit den Klischees ist es so eine Sache. Manche sind von der Realität meilenweit entfernt. So gilt Kalifornien im Speziellen und die USA im Allgemeinen als das Schlaraffenland für Elektroautos. Angeblich, weil die Menschen dort neuester Technik gegenüber besonders aufgeschlossen sind. Einen großen Beitrag zu diesem Klischee hat die Los Angeles Autoshow in den letzten Jahren geleistet. Vor allem, weil dort häufig die Premieren von "Green cars" gefeiert wurden, Autos ohne oder nur mit geringem Abgas. Jetzt findet die Show wieder statt – und erneut werden Automobile mit Elektro- oder Hybridantrieben enthüllt. Zum Beispiel die Stromer Smart EV, Fiat 500e und der nun fast serienreife i3 von BMW, mit dem Bayern seit gut zwei Jahren über die Autoshows tingeln.

Kein Geld zu verdienen

Doch die Aussicht, gerade mit solch elektrifizierten Klein- oder Kompaktwagen eines Tages Massen beglücken zu können, sind nicht rosig. Fiat dämpfte bei der Vorstellung gleich die womöglich hochfliegenden Erwartungen und sprach davon, dass beim 500e nur an eine Miniserie gedacht sei, weil man damit kein Geld verdienen könne. Diese halbherzige Haltung ist weit verbreitet in der Branche, weswegen die abgasfreien Autos trotz Zuwachsraten nach wie vor nur im Schneckentempo vorankommen. Von der vor Jahren bereits angekündigten großen Elektroautowelle ist nichts zu spüren. Wer sich in Los Angeles nur für eine halbe Stunde an einen Highway stellt und Pulks von Elektro- oder wenigstens Hybridautos erwartet, der wird enttäuscht werden. Abseits der vielspurigen Verkehrsadern ist es nicht besser.

Kein Elektroauto nirgends

Zum Beispiel in dem riesigen Parkhaus am California Science Center, das seit kurzem auch das letzte Space Shuttle "Endeavour" beherbergt. Dort, in unmittelbarer Nähe der Arena Los Angeles Coliseum, gibt es mehrere hundert Stellflächen, ganze zwei davon sind mit Akku-Ladestationen ausgerüstet.

Zugegeben für den Laien ist es aussichtslos, Elektroautos zu entdecken, weil sie zumeist als solche nicht zu erkennen sind. Wenn es sich nicht gerade um Exoten wie den Fisker Karma handelt, dessen Sportwagenoptik aus der Masse heraussticht. Aber Autos dieser Marke kosten umgerechnet mehr als 140.000 Euro in Deutschland und surren auch in Los Angeles allenfalls in Promigegenden wie Beverly Hills oder Bel Air vorüber. Anders der Toyota Prius, der gerade wegen seines eigentümlichen Blechkleids auffällt und von dem in Los Angeles Tausende zu sehen sind. Vor allem als Taxi ist er beliebt. Doch die andere Wahrheit ist auch, dass die grünen Automobile im gigantischen Meer der Benzinosaurier bestenfalls ein Tropfen sind. Zumindest noch. Dementsprechend sehen die Zulassungszahlen aus. In den USA, dem größten Automarkt der Welt, genau so wie in Deutschland, dem härtesten Markt in Europa.

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Marginaler Marktanteil

Bis Ende Oktober wurden in den Vereinigten Staaten 12 Millionen Neuwagen verkauft, keine 350.000 Stück davon waren Elektro- oder Hybridmobile. Und von den mehr als 2,5 Millionen Neuzulassungen in Deutschland im gleichen Zeitraum sind lediglich 2387 Stück der Elektro- und 18.129 Stück der Hybridkategorie zuzurechnen.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich der kalifornische Elektroautohersteller Tesla nicht von seiner Strategie abbringen lässt, koste es was es wolle, ausschließlich Elektroautos zu bauen. Geld verdient das Start-up-Unternehmen nicht, auf Jahre hinaus dürften rote Zahlen gesetzt sein. Ganz neu ist das Model S, das seit wenigen Monaten ausgeliefert wird. Die viertürige Limousine ist im Anglo-Italostil gestaltet. Eine Mischung aus Jaguar und Maserati, die schon allein wegen der schicken Optik Besitzgier auslöst.

Die finanziell unvergleichlich potenteren internationalen Autokonzerne machen bei dem Trend zum abgasfreien Auto zwar irgendwie mit, verdienen das Geld auch dafür aber mit dem Verkauf konventioneller Modelle. Renault-Nissan zum Beispiel hat nach Auskunft von Konzernchef Carlos Goshn vier Milliarden Euro in die E-Auto-Entwicklung gepumpt und bald fünf Stromer im Angebot – mit bislang sehr überschaubarem Verkaufserfolg. Der Nissan Leaf etwa. Der Kompaktwagen, 2011 in Europa noch zum Auto des Jahres gewählt und mit einer theoretischen Reichweite von 160 Kilometer ausgestattet, ist nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland so gut wie nie zu sehen.

Brennstoffzelle setzt Batterieautos unter DRuck

Oder Tesla-Partner Mercedes. Die Schwaben setzen beim Thema alternative Antriebe auf das Sowohl-als-auch. Einerseits bringen sie 2013 den Smart mit einem und den Supersportwagen SLS AMG mit vier Elektromotoren auf den Markt. Gespeist von Akkus, die stundenlang an der Steckdose hängen müssen. Andererseits hat Mercedes auch das Auto mit Brennstoffzelle serienreif entwickelt, das in Minutenschnelle mit Wasserstoff betankt werden kann und das durch eine chemische Reaktion in der Brennstoffzelle Strom erzeugt. 2014 soll diese Technik in der B-Klasse auf den Markt kommen.

BMW macht auch Ernst und will Ende 2013 mit dem kompakten i3 kommen und später einen Hybrid-Sportwagen nachschieben. Andere namhafte Konkurrenten hingegen haben Teile ihrer grünen Aktivitäten gestoppt. Toyota, in Kooperation mit BMW wie Daimler auch auf dem Brennstoffzellentrip, will zum Beispiel einen geplanten reinen Elektroflitzer für die Stadt zunächst nicht in Serie bauen. Stattdessen werden in 100 Exemplare des Toyota iQ Elektromotoren reingepflanzt. Wie der Smart EV und der Fiat 500e ist auch der elektrifizierte iQ kein eigens konstruiertes Elektroautomobil, sondern lediglich eine umgebaute Benzinversion. Der Zweisitzer mit dürftiger Rückbank hat mit Glück 80 Kilometer Reichweite und kostet umgerechnet 36.800 Euro. Derzeit wird er an Firmen in den USA und Japan ausgeliefert. "Ein Feldversuch", sagt das Management. Erst nach rund 260000 Kilometern rentiert sich der Toyota IQ EV, sagt ein Sprecher.

E-Autos werden gestrichen

Audi hat die Kleinserie des Elektrosportwagens R8 E-Tron abgesagt. Und Opel verzichtet auf eine Stromvariante des neuen Modells Adam. Allen dürften die Entwicklungskosten zu hoch und die Erfolgsaussichten noch zu gering sein. Anzunehmen ist, dass es so kommt wie es bereits seit Jahrzehnten läuft: Eine kostspielige neue Technik wird zuerst in die ohnehin teuren Luxusmodelle eingebaut, um sie bei entsprechender Stückzahl später auch in kleinere Autos einbauen zu können und für die breite Masse bezahlbar zu machen. Beispiel Akku: Derzeit kostet eine Kilowattstunde Speicherkapazität nach Branchenangaben etwa 450 Euro. So käme allein der Akku des R8 E-Tron auf die Horrorsumme von rund 22.000 Euro.

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