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Neue S-Klasse von Mercedes: Sternzeichen: Großer Wagen

Mit einem unglaublichen Tanz ums Heiligsblechle stellte Mercedes in Hamburg die neue S-Klasse vor. Warum das Prestigemobil für Vorstandschef Dieter Zetsche aber gefährlich werden kann.

Von Harald Kaiser

Es war 19.03 Uhr am Abend des 15. Mai 2013, als in Hamburg-Finkenwerder auf dem Gelände der Airbus-Werft ein unglaublicher Tanz ums Heiligsblechle startete. Zu Klängen der Hamburger Symphoniker lief auf einer überdimensionalen Bühne die Zeit rückwärts. Und zwar 60 Sekunden in riesigen Zahlen und in Zehnerschritten. Bei null schritt die TV-Moderatorin Judith Rakers in einem extrem figurbetonten Abendkleid auf die Bühne und plauderte munter aus dem Nähkästchen der Gigantomanie. Sie sagte, dass "diese Halle, in der wir sind, eigens für die Präsentation der neuen S-Klasse gebaut wurde". Normalerweise lagern auf diesem Gelände Flugzeugteile, die von Lieferanten angeliefert werden. Die etwa 700 geladenen Gäste aus aller Welt staunten, als sie das hörten, saßen sie doch in einer beinahe fußballfeldgroßen Konstruktion.

Die Philharmoniker hielten tapfer gegen das Geböllere

Die TV-Schönheit moderierte die Show locker. Man hatte nicht das Gefühl, dass alles einstudiert gewesen ist, was es natürlich dennoch war. Und richtig spaßig wurde es vorübergehend, als die textsichere Blondine Daimler-Chef Dieter Zetsche auf die Bühne bat, um mit ihm über die Details des Autos zu plaudern. Sie fragte den Mann mit dem riesigen Schnauzbart nach dem Spritverbrauch des Luxusschlittens. Zetsche antwortete mit einer Anspielung auf den Alkoholkonsum eines bestimmten Rockstars: "Ach, wissen Sie, unser neues Auto verbraucht weniger Sprit als Keith Richards von den Rolling Stones zu seinen besten Zeiten."

Nach mehr als einer Stunde eher langweiligen Smalltalks mit diversen Daimler-Vorständen öffnete sich schließlich die Rückwand der Halle und bei strömendem Regen fuhr eine Armada von Mercedesmodellen zum Spalier auf, ein Feuerwerk wurde abgebrannt. Die Philharmoniker musizierten tapfer gegen das Geböllere an, bis schließlich von hinten zwei neue S-Klasse-Limousinen, silberfarben und weiß, sozusagen auf die Zielgerade einbogen und unter Dauerfeuerwerk in die Halle rollten – vor der Kulisse eines Airbus A380, der trotz seiner Riesenhaftigkeit etwas verloren wirkte.

Sie kann auch eine Art Sorgenkind werden

Ob das neue Automobil, von dessen letzter Modellreihe nach Angaben von Mercedes weltweit mehr als 500.000 Stück verkauft wurden, halten kann, was sich das Management erhofft, daran hängt wohl auch die Zukunft des Dieter Zetsche. Im Moment kann das große S in dem Unternehmen für vieles stehen. Für Sonderklasse, natürlich. Für sehr viel Stress zum Beispiel auch. Die neue S-Klasse von Mercedes ist nicht nur das wichtigste Auto des Konzerns, weil sie das internationale Aushängeschild schlechthin ist. Sie kann aber auch - wieder ein großes S - eine Art Sorgenkind werden. Harte Informationen gibt es wenig, aber deutliches Geraune. Man kann nicht recht einschätzen, wie viel Wahrheitsgehalt daran ist, wenn man hört, dass das Auto mit heißer Nadel gemacht worden sei, weil es zeitlich angeblich überall geklemmt haben soll. Oder sogar: Das Auto sei nicht wirklich fertig. Fragt man im Konzern nach, dann hört man zum Beispiel dies: "Alles Unkenrufe von Leuten, die keine Ahnung haben."

Kann durchaus sein. Denn es melden sich natürlich zuvorderst Leute, die nicht mehr im Unternehmen sind, aber noch ihren Senf dazu beitragen wollen. Es kann aber auch genau anders herum sein, dass vieles von dem Geraune stimmt. Zum Beispiel dies: Ein Zulieferer, der Ingenieure wegen der S-Klasse ins Mercedes-Werk gesandt hat, schlägt sinnbildlich die Hände überm Kopf zusammen und spricht davon, "dass in Sindelfingen Chaos herrscht, was die S-Klasse betrifft". Andere wünschen sich sogar, dass sich die neue Lulatsch-Limousine zum Mühlstein für Vorstandchef Dieter Zetsche entwickeln möge, weil "der es nicht kann". Offen sagt das natürlich niemand. Hintenrum, unerkannt in der Deckung, aber mit Verve.

Geht es um Eitelkeiten oder nur um üble Nachrede?

Worum geht es eigentlich in dem schwäbischen Intrigantenstadl? Um ein Auto, um Eitelkeiten oder nur um üble Nachrede? Wahrscheinlich um eine Mischung daraus. Viele wollen ihr Mütchen kühlen an Zetsche. Auch wegen der A-Klasse, dem Golf von Mercedes, der manchen Granden des Hauses nicht gefällt. Peinlich ist es aber schon, dass dieses Auto, das Massen erreichen soll, beim diesjährigen Wettbewerb "Car of the year" nicht in der Spitzengruppe, sondern unter ferner liefen landete. Oder die Sache mit dem Citan, dem Lieferwagen, der eigentlich ein Renault ist. Der Wagen hat kürzlich bei einem Crashtest nur drei von fünf Sternen bekommen, was für einen Mercedes mit üblicherweise höchsten Sicherheitsansprüchen gar nicht geht.

Aber, so will eine gut unterrichte Quelle wissen: Im Lastenheft des Autos steht, dass nur drei Sterne angestrebt worden sind. Warum also die Aufregung? Das Lastenheft ist ein Konvolut, in dem steht, welche Anforderungen ein Auto erfüllen muss. Und überhaupt, die Anforderungen des europäischen Crashtests sind vor zwei, drei Jahren verschärft worden, so dass es kein Wunder ist, dass eine ältere Konstruktion wie der Renault Kangoo um einen Stern schlechter abschneiden musste. Andererseits hat man wohl um die Schwächen des Autos gewusst und auf Maßnahmen verzichtet, die jene Probleme behoben hätten. Angeblich aus Kostengründen. Nun aber werden die wenigen tausend verkauften Stück zurück ins Werk beordert und nachgerüstet. Die Millionen dafür hätte man wohl besser vorher ausgegeben und sich damit ein Medien-Debakel erspart.

Der Fünf-Meter-Lulatsch

Und nun die S-Klasse. Der Fünf-Meter-Lulatsch hat nichts mehr von dem Panzer, den Mercedes vor mehr als 20 Jahren mit zwei Peilstäben links und rechts auf den Kofferraumecken ins Freie gelassen hat. Man hat sie in einer Art Notoperation dort eingefügt, weil kleinere Fahrer beim Rückwärtsparken sonst das Heck nicht gesehen hätten. Damals, es war die Hochzeit der Anti-Auto-Bewegung, kam den Gegnern solch ein Schwergewicht gerade recht. Es soff nicht nur Unmengen, es passte auch auf keinen Autoreisezug. Skandale grande. Heute ist das anders.

Die neue S-Klasse, die ab sofort bestellt werden kann, ist zwar nicht klein und auch nicht schlank, doch sie wirkt optisch bei weitem nicht so wuchtig wie der Apparat mit den Peilstäben. Sie ist, das muss auch gesagt werden, sehr elegant. Und der Wagen hat einen derartigen Packen Technik an Bord, dass man sich fragt: Wer soll das bedienen? Aber gut, vieles geht ja auch automatisch. Wie zum Beispiel bei diesem Leckerbissen, von dem man kaum glauben mag, dass es ihn gibt: Der Wagen hat ein Radar an Bord, das 15 bis 20 Meter vorausschaut, um Straßenunebenheiten zu erspähen. Sind welche erkannt worden, stellt es in Echtzeit das Fahrwerk darauf ein, dass das Schlagloch nicht oder kaum zu spüren ist. Vor solch einer Erfindung kann man eigentlich nur den Hut ziehen. Denn es kann ja sein, dass es diese Komforttechnik eines Tages auch in der A-Klasse gibt, nachdem sie die S-Klasse-Kunden bezahlt haben.

Macht Daimler seit Jahren Milliarden-Miese? Nein!

Alle erwarten nun, dass der Wagen ohne Qualitätsprobleme auf die Welt gekommen ist und dass diese Modellreihe wie eh und je der größte Gewinnbringer für die Firma bleibt. Sonst wird der hochpolierte Stern des Unternehmens schnell matt und der Spielraum für Dieter Zetsche noch enger, als er seit der Gewinnwarnung vor wenigen Wochen ohnehin schon ist. Aber andererseits ist es auch so, dass man angesichts der fast durchweg schlechten Schlagzeilen für das Unternehmen in den letzten Monaten glauben könnte, Daimler mache seit Jahren Milliarden Miese. Das Gegenteil ist der Fall. Nur nicht soviel Gewinn wie der Erzkonkurrent BMW.

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