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Oldtimer-Restauration wie im Kriminallabor: CSI Oldtimer

Gundula Tutt päppelt Oldtimer wieder auf, ohne ihre historische Substanz zu übertünchen. Die Methoden der Diplom-Restauratorin ähneln dabei der Kriminal-Forensik.

Durch das Mikroskop offenbaren Lacke und Materialien ihre Geheimnisse

Durch das Mikroskop offenbaren Lacke und Materialien ihre Geheimnisse

Jedes Fahrzeug ist für Dr. Gundula Tutt ein neuer spannender Fall. Unter den Lackschichten der historischen Karosserien verbergen sich oft interessante Geheimnisse, denen sie auf den Grund gehen will. Deswegen ist es kein Wunder, dass das Büro der Diplom-Restauratorin auch in jedem Forensik-Krimi als Kulisse dienen könnte. Ein Mikroskop steht auf einem schlichten Tisch und in den Regalen dahinter viele sind vollgepackt mit Ordnern und jede Menge Reagenzgläsern. "Fast 600", schmunzelt die Oldtimer-Restauratorin. Die Gläser sind die Datenbank, unerlässlich für die Arbeit der Frau mit den wachen Augen hinter den runden Brillengläsern. In den meisten Behältern befinden sich Lackreste alter Autos, aber auch Spuren von Polsterungen oder Reste von Lederbezügen. Dieses Wissen, diese Erfahrung, helfen Gundula Tutt alte Lacke und Cockpits wiederherzustellen und vor allem Fälschungen zu erkennen.

CSI Oldtimer
Durch das Mikroskop offenbaren Lacke und Materialien ihre Geheimnisse

Durch das Mikroskop offenbaren Lacke und Materialien ihre Geheimnisse

Der Job der promovierten Restauratorin ist es, Oldtimer-Lack aufzupäppeln und die wertvollen Automobile für die Zukunft zu konservieren. Wer jetzt ein "wie neu" lackiertes und blank poliertes Fahrzeug erwartet, wird bitter enttäuscht. Patina ist "in". Der Zahn der Zeit hat an dem Lack genagt und das sollen die Bewunderer des Oldtimers auch sehen dürfen. Die rollenden Preziosen sollen nicht mehr aussehen, wie aus dem Ei gepellt. Es geht um Erhaltung und Koservervierung der historischen Farbsubstanz und natürlich auch des Bleches darunter. Wenn der Lack aufplatzt, dann könnte das Metall zu rosten anfangen. Wer für seinen Wunschtraum mehrere Hunderttausend Euro hinlegt, für den ist das natürlich ein Albtraum.

Diese feine Arbeit erfordert viel Fingerspitzengefühl, Erfahrung und Durchhaltevermögen. Das war schon im Studium gefragt, als Tutt stundenlang mit sicherer Hand die Farbschichten von alten Bildern entfernte, um den Gemälde auf den Grund zu gehen - im wahrsten Sinne des Wortes. "Um diese Arbeit zu machen, ist eine gewisse Demut und Einfühlungsvermögen nötig, man muss Ideen eines anderen, nämlich des ursprünglichen Herstellers und Handwerkers, annehmen und quasi in seine Intentionen eintauchen", erklärt die Restauratorin die Intention ihrer Arbeit. Neben dieser empathischen Komponente sind handfeste wissenschaftliche und handwerkliche Fertigkeiten nötig. Mit der Infrarotspektroskopie, einem Teilgebiet der Spektroskopie, das die Wechselwirkung elektromagnetischer Strahlung aus dem infraroten Spektralbereich untersucht, wird der Farbcode des Autos entschlüsselt. Diese Methodik, die auch in der Kunstgeschichte bei der Restauration alter Gemälde angewendet wird, half Tutt auch bei der Analyse von Farbproben eines Egger-Lohner C2 Porsche, Baujahr 1898, der im Porsche-Museum in Stuttgart steht.

Einen Lack zu erhalten ist deutlich aufwendiger, als die Farbe neu anzumischen und das Auto damit zu lackieren. Damit die originale Substanz auch möglichst umfangreich erhalten bleibt, greift die Restauratorin zu kreativen Mitteln. Lackstücke werden mit Klebenadeln oder mit einem Bügeleisen wieder fixiert. Für diese diffizile Arbeit an der jahrzehntealten Farbschicht ist neben viel Erfahrung natürlich auch jede Menge Geschick nötig. Die exakten Handbewegungen gleichen denen eines versierten Chirurgen. Dass so ein Bugatti oder alter Alfa Romeo nicht antiseptisch sind, spürt Gundula Tutt oft genug am eigenen Leib. Mehr als einmal hat sie sich an scharfen Blechen, wenn sie an schwer erreichbaren Stellen hantiert, die Haut aufgeritzt.

Nach der Analyse des Lackes kommt die eigentliche Arbeit: Für das Anmischen des Lackes verwendet Gundula Tutt eine selbst entworfene Farbmischmaschine. Auf die Frage, was das Geheimnis hinter dieser Apparatur ist, gibt es als Antwort ein freundliches Lächeln und den Satz "Sorry, Betriebsgeheimnis". Der Weg zu diesem Know-how kam nicht über Nacht, sondern war ein steiniger und harter. Eines der ersten Projekte war ein Bugatti T43, bei dem der Lack von der Zeit gezeichnet war, der Boden der Karosserie gefehlt hat und die Innenausstattung beschädigt war. "Damals war ich etwa sechs Wochen unter Hochspannung und habe nachts teilweise sogar von der Arbeit an dem Auto geträumt", erzählt Gundula Tutt.

Fieser Crash beim Driften

Als die Restauratorin verschiedene Sattler abklapperte, um die Innenausstattung mit Rosshaar und Stahlfedern, aber ohne Kleber und Tackerklammern wieder in Schuss zu bringen, erntete sie verständnisloses Kopfschütteln. "Die haben mich angeschaut, als wäre ich geistesgestört", lacht sie heute. Abhilfe schaffte das Buch "Polsterlehrgang" aus dem Jahr 1950. Mit dieser Anleitung zum Selbermachen, brachte Gundula Tutt das Interieur in Eigenregie wieder auf Vordermann. Sogar das Leder färbte sie selbst und nutzte dazu ein Rezept aus den 1930er Jahren. Das Lackieren kleiner Flächen erledigte Tutt mit einer Airbrushanlage, für die großen "Baustellen" fand sie einen Lackierer, der das Handwerk mit den alten Farben nach ihren Vorgaben hinbekam. Heute verfügt Gundula Tutt über ein funktionierendes Netzwerk, das ihr einige Aufgaben abnimmt.

Um die automobilen Preziosen wieder schick zu machen, sind intensive Untersuchungen des Lacks notwendig. Schließlich geht es zunächst darum, den Original-Lack zu identifizieren. Der verbirgt sich manchmal unter mehreren Schichten und bisweilen stellt sich heraus, dass der angebliche Originallack eine Überlackierung darstellt. Um die entsprechende Schicht herauszufinden, helfen Lichtquellen. Die Fans der CSI-Serien kennen das Prozedere, wenn die Ermittler, die zu untersuchenden Flächen mit verschiedenfarbigen Lichtquellen beleuchten und mit den passenden Filtern die Farbübergänge sichtbar machen. Das Mikroskop kommt zum Einsatz, um anhand der Zellen die Holzart der Fahrzeugaufbauten zu identifizieren. "Auf diese Weise konnte ich an einigen nie bearbeiteten Fahrzeugen nachweisen, dass im Karosseriebau früher beileibe nicht \'alles Esche\' war", erklärt die findige Restauratorin. Gundula Tutts Expertise ist mittlerweile weltweit gefragt. Die Restauratorin ist ein Teil der Arbeitsgruppe der Fédération Internationale des Véhicules Anciens (FIVA), die die Charta von Turin verfasst hat, welche die Leitsätze für Nutzung, Unterhalt, Konservierung, Restaurierung und Reparatur von historischen Fahrzeugen zusammenfasst.

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