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Autobahnunfall Polizei geht gegen Gaffer vor - und schlägt sie mit ihren eigenen Waffen

Die Polizei will gegen filmende Gaffer bei Unfällen vorgehen. Für viele Gaffer sind Verkehrsunfälle eine willkommene Gelegenheit, ihre Erinnerungen auf fragwürdige Art festzuhalten. "Vorbeifahrende Autofahrer bremsen abrupt ab und schleichen dann im Schritttempo an der Unfallstelle vorbei, halten das Handy aus dem Fenster, filmen und fotografieren drauflos. Das ist leider mittlerweile üblich." - Stefan Pfeiffer, Leiter der Verkehrspolizeiinspektion Feucht   Dieses Treiben will Pfeiffer nicht mehr länger hinnehmen. Wann immer es die dünne Personaldecke zulässt, ziehen die Beamten die filmenden und fotografierenden Autofahrer aus dem Verkehr, sprechen sie auf ihr zweifelhaftes Verhalten an und verhängen Bußgelder. Doch oft können die Beamten vor Ort gar nicht alle erwischen. Deshalb greifen sie nun zu einem Trick: Die Polizisten postieren sich an der Unfallstelle und greifen selbst zur Kamera, um Beweise für das Gaffen zu sichern. Die Polizei schlägt zurück - mit den Waffen der Gaffer.
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Für Schaulustige ist es die Gelegenheit, fragwürdige Erinnerungsfotos zu schießen: Ein Lkw kracht gegen einen anderen, es gibt Verletzte - so geschehen auf der A9 bei Nürnberg. Doch die Polizei überführt die Gaffer mit einem Trick.

Es hat wieder einmal gekracht auf der Autobahn 9 südlich von Nürnberg: Am Dienstag fuhr ein Sattelschlepper auf einen anderen Lkw auf, der mit einer Reifenpanne liegengeblieben war. Der Fahrer des Pannen-Lkw wurde beim Reifenwechsel auf den Boden geschleudert, der Lenker des Unfalllasters wurde im stark beschädigten Führerhaus eingeklemmt. Per Rettungshubschrauber kamen beide Männer mit schwersten Verletzungen ins Krankenhaus.

Besonders spektakulär: Einer der Lastwagen hatte Bierdosen geladen, unzählige Büchsen verteilten sich durch den Unfall auf der Straße, das Bier floss über den Asphalt. Die Polizei musste die betroffenen Fahrspuren stundenlang sperren.

Schaulustige sind traurige Routine

Das alles ist traurige Routine für Stefan Pfeiffer. Seit fast zehn Jahren leitet der 52-Jährige die Verkehrspolizeiinspektion mittelfränkischen Feucht, er ist fast täglich bei Verkehrsunfällen im Einsatz. Er hat dabei Autowracks gesehen, tote, schwerverletzte und leidende Menschen.

Traurige Routine ist inzwischen aber auch das, was er im Gespräch mit dem stern schildert: "Vorbeifahrende Autofahrer bremsen abrupt ab und schleichen dann im Schritttempo an der Unfallstelle vorbei, halten das Handy aus dem Fenster, filmen und fotografieren drauflos. Das ist leider mittlerweile üblich."

Auch der Lastwagenunfall auf der A9 war für die Gaffer eine willkommene Gelegenheit, ihre Erinnerungen auf diese fragwürdige Art festzuhalten.

Stefan Pfeiffer hat beschlossen, dieses Treiben nicht mehr länger hinzunehmen. Wann immer es die dünne Personaldecke zulässt, stellt er bei Unfällen jetzt regelmäßig Kollegen ab, um gegen die Schaulustigen vorzugehen, so auch am Dienstag: Schon an der Unfallstelle zogen die Beamten die filmenden und fotografierenden Autofahrer aus dem Verkehr, sprachen sie auf ihr zweifelhaftes Verhalten an und verhängten Bußgelder.

Die Polizei schlägt zurück - mit den Waffen der Gaffer

Doch es waren zu viele Schaulustige - wieder einmal. Die Beamten konnten vor Ort gar nicht alle erwischen und griffen deshalb zu einem Trick: Kurzerhand postierten sich Polizisten an der Unfallstelle und griffen selbst zur Kamera, um Beweise für das Gaffen zu sichern. Die Polizei schlägt zurück - mit den Waffen der Gaffer.

Die Rechtslage dabei ist klar: Das Benutzen des Handys während der Fahrt, ist eine Ordnungswidrigkeit, selbst wenn der Fahrer niemanden gefährdet. "Die Strafe beträgt fast 90 Euro inklusive Verwaltungsgebühr, dazu gibt es einen Punkt in Flensburg", sagt Pfeiffer. Mit Gefährdung des Verkehrs können sogar 150 Euro fällig werden. Über zwei Dutzend Autofahrern soll jetzt ein Bußgeldbescheid ins Haus flattern – allein wegen des Unfalls vom Dienstag.

Höhere Strafen könnten abschreckender wirken, glaubt Stefan Pfeiffer. Viel wichtiger sei ihm aber die Einsicht der Gaffer: "Was treibt die Leute an, so etwas aufzunehmen?", fragt sich der Polizeidirektor. "Das grenzt schon an Geschmacklosigkeit. Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären schwerverletzt und andere filmen die Szene, um das Video dann im Freundeskreis herumzuzeigen oder bei Facebook hochzuladen."

Die Polizei will gegen filmende Gaffer bei Unfällen vorgehen. Für viele Gaffer sind Verkehrsunfälle eine willkommene Gelegenheit, ihre Erinnerungen auf fragwürdige Art festzuhalten. "Vorbeifahrende Autofahrer bremsen abrupt ab und schleichen dann im Schritttempo an der Unfallstelle vorbei, halten das Handy aus dem Fenster, filmen und fotografieren drauflos. Das ist leider mittlerweile üblich." - Stefan Pfeiffer, Leiter der Verkehrspolizeiinspektion Feucht   Dieses Treiben will Pfeiffer nicht mehr länger hinnehmen. Wann immer es die dünne Personaldecke zulässt, ziehen die Beamten die filmenden und fotografierenden Autofahrer aus dem Verkehr, sprechen sie auf ihr zweifelhaftes Verhalten an und verhängen Bußgelder. Doch oft können die Beamten vor Ort gar nicht alle erwischen. Deshalb greifen sie nun zu einem Trick: Die Polizisten postieren sich an der Unfallstelle und greifen selbst zur Kamera, um Beweise für das Gaffen zu sichern. Die Polizei schlägt zurück - mit den Waffen der Gaffer.
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Es geht um Sicherheit und Respekt auf Autobahnen

Darüber hinaus belaste die ständige Filmerei die Einsatzkräfte, wenn sie bei jedem Handgriff davon ausgehen müssten, wenig später in einem Internetclip aufzutauchen oder gar verhöhnt zu werden. "Eine Frau filmte uns und lachte sogar in Richtung der Helfer." Diese Szene von der A9 geht dem 52-Jährigen nicht aus dem Kopf. 

Was die Gaffer antreibt, darüber hat sich auch der ADAC Gedanken gemacht. Er erklärt deren Verhalten unter anderem mit Neugier und einem Anerkennungsbedürfnis, spricht von "gefährlichem Voyeurismus im Verkehr": "Schaulust gab es zwar schon immer. Doch durch die Informations- und Bilderflut im Fernsehen und im Internet ist die Hemmschwelle gesunken, selber Bilder schrecklichen Inhalts zu verbreiten." Der Automobilclub appelliert an die Autofahrer: "Wer vor einer Unfallstelle im Stau steht, muss für die Einsatzfahrzeuge eine Rettungsgasse bilden und bei Erreichen der Unfallstelle zügig weiterfahren, sofern keine Hilfeleistung erforderlich ist."

Damit viele Autofahrer dazulernen, müssen einige Modelfiguren leiden. Denn dieser Unfall soll Leben retten. Weil die Rettungsgasse nicht funktioniert, kommen die Rettungsfahrzeuge nicht durch. Und weil solche Fehler auf echten Straßen nur zu häufig vorkommen, haben die Tüftler des Hamburger Miniaturwunderlandes nun dieses Lehrvideo gedreht. 41 Prozent der Führerscheinbesitzer wissen nicht, wie man eine Rettungsgasse richtig bildet. Das ergab kürzlich eine repräsentative Forsa-Umfrage. 1000 Stunden Arbeit haben die Bastler des Miniaturwunderlandes hineingesteckt, um dagegen etwas zu tun. Wer also nicht mehr genau weiß, wie das mit der Rettungsgasse richtig funktioniert: Jetzt gut aufpassen."
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Dazu ruft auch Polizist Pfeiffer auf, allein schon wegen der möglichen Lebensgefahr für Gaffer und Unbeteiligte. Unaufmerksamkeit sei eine der Hauptunfallursachen auf den Autobahnen. "Wer aufs Display schaut, kann eben nicht den Verkehr im Auge behalten."

Längst reagieren auch Behörden in anderen Bundesländern auf das zunehmende Gaffen. Auch sie wollen die Schaulustigen zur Kasse bitten, das Beispiel der Verkehrspolizei in Mittelfranken macht Schule. "Lange wurde das Problem nicht wahrgenommen, aber das Phänomen belastet uns", sagt der Leiter der Verkehrsinspektion in Feucht. Die Kontrollen seien notwendig, obwohl er eigentlich gar nicht genug Personal für die Kontrollen habe. "Das fehlt dann woanders."

Den Kampf gegen Gaffer werden Pfeiffer und seine Kollegen trotzdem weiterführen. Es geht um unser aller Sicherheit. 

Und um Respekt vor Opfern und Helfern.

In einer filmreifen Aktion haben mutige Passanten einem Autofahrer wahrscheinlich das Leben gerettet. Auf einer englischen Autobahn bricht ein Fahrer am Steuer seines Wagens bewusstlos zusammen. Einem LKW-Fahrer gelingt es das führerlose Auto abzudrängen. Er klemmt es zwischen seinem langen Anhänger und der Leitplanke ein und bringt es so zum Stehen. Ein Rettungssanitäter außer Dienst ist zufällig anwesend und eilt herbei. Nach dem Einschlagen der Seitenscheibe kann er dem Mann Erste Hilfe leisten. Die mutige Aktion hat für Begeisterung und Anerkennung gesorgt. Für seine Tat erhielt der LKW-Fahrer bereits eine Auszeichnung.
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