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Neuanfang bei Volkswagen Diese Mammut-Aufgaben warten auf VW-Chef Matthias Müller

Matthias Müller ist rings von Baustellen umgeben.
Matthias Müller ist rings von Baustellen umgeben.
© John MacDóuglas/AFP
Volkswagens neuer Boss Matthias Müller muss beide Ärmel hochkrempeln, damit VW nicht im Diesel-Morast versinkt. Er soll sich gegen Management, Mitarbeiter und Regierungen durchsetzen, darf es sich aber mit keiner Gruppe verscherzen. Und nebenbei muss er noch elf Millionen Lügen-Motoren sanieren.

Die erste Herkulesaufgabe von Matthias Müller heißt Vergangenheitsbewältigung. Der Großtanker Volkswagen muss aus den Klippen des Dieselskandals herausmanövriert werden. Gelingt das nicht, wird es auch keine Ära Müller geben. Doch vor den Visionen kommt die Pflicht - und die ist schwer genug.

 Aufräumarbeit I: Technik

Zunächst muss Volkswagen den Betrugsmotor in einen normgerechten Zustand versetzen: Schadstoffe müssen runter, aber ohne, dass der Verbrauch hoch geht und ohne, dass die Leistung leidet. Noch hüllt sich der Konzern in Schweigen, wie diese Nachbesserungen geschehen sollen. Ob dieses Wunder mit einem einfachen und billigen Software-Update zu schaffen ist, kann man bezweifeln. Bekanntgeben wurde nur ein recht üppiges Zeitfenster: nämlich das gesamte Kalenderjahr 2016. Das ist deutlich zu großzügig. In einzelnen Welt-Regionen wird sich Volkswagen sicher mehr sputen können. Länder wie die Schweiz oder der Bundesstaat Kalifornien haben ein Verkaufsverbot erlassen. Bevor das gelockert wird, muss Volkswagen die Nachbesserung liefern. Bis dahin werden Hunderttausende Problemautos aus Leasingverträgen zurück an die Händler gegeben, die diese nicht weiterverkaufen können. Eile ist also angebracht.

Aufräumarbeit II Verfahren

Nachdem juristische Verfahren gegen den Konzern eröffnet worden sind, muss Müller das Wolfsburger Schweigekartell zerschlagen - und zwar so schnell es geht. Die Manipulationen an den Motoren sind schon schlimm genug, aber sollte der Vorwurf hinzukommen, der Konzern versuche die Ermittlung der Behörden etwa in den USA zu behindern, sähe es ganz düster aus.

Aufräumarbeit III Lobbyarbeit

Hauptaufgabe des Konzernchefs wird es aber sein, die rechtlichen Folgen für den Konzern zu begrenzen. Dass die Motoren nicht das leisten, was sie sollten, und dass das Vertrauen von Millionen Kunden missbraucht worden ist, ist schlimm - aber nicht mehr zu ändern. Volkswagen kann jetzt versuchen, darauf einzuwirken, wie staatliche Institutionen auf den Skandal reagieren. Dort scheint alles möglich. Das Wolfsburger Ideal-Szenario: Die betroffenen Fahrzeuge dürfen weiter betrieben und gehandelt werden. Für eine Nachbesserung gibt es großzügige Fristen und auch bei etwaigen Problemen wie Leistungseinbußen nach einer Neujustierung der Motoren stellen sich die Behörden nicht quer. Im Autoland Deutschland wäre so eine Lösung, bei der alle Augen ganz fest zugedrückt werden, denkbar. In Ländern ohne VW-Werke aber mit scharfem Verbraucherschutz sind auch Schreckensszenarien denkbar. Diese wären: Verkaufsverbot der Autos, Widerruf der alten erschlichenen Betriebsgenehmigungen, Erteilung einer neuen Genehmigung nur nach Maßgabe der heute gültigen, weit strengeren Werte. 

Ebenfalls wird es überlebenswichtig sein, dass der Skandal wie eine normale Rückrufaktion bei einem Produktmangel behandelt wird. Man könnte die ganze Geschichte ja schließlich auch so sehen: Der ganze Skandal ist Komplott von VW-Managern und Technikern, die sich verschworen hätten, im internationalen Maßstab Behörden und Kunden zu betrügen und geltende Vorschriften zu missachten. Eine hochexplosive Mischung von organisierter Kriminalität und millionenfachem Betrug. Setzt sich diese Ansicht durch, muss man sich ernsthaft Sorgen um den Fortbestand des Konzerns machen.  Die Razzia am Donnerstag in Wolfsburg war der erste Vorgeschmack, was dem Konzern drohen könnte. Müllers Gegenstrategie: Er wird versuchen, den Skandal als Fehlverhalten einzelner darzustellen, von denen sich der Konzern distanzieren kann.

Ende der Führungs-Diktatur

Quasi nebenher muss Müller die bekannten strukturellen Probleme von Volkswagen lösen. Dazu gehört auch der furchteinflössende Führungsstil in Wolfsburg, den Piech und Winterkorn kultiviert haben. Nicht umsonst gibt es das Bonmot, Wolfsburg sei wie Nordkorea nur ohne Hungerlager. Matthias Müller hat sich bereits als Teamplayer geoutet, abzuwarten bleibt, wie schnell er die Kommandostrukturen bei Volkswagen umgestalten kann. Aber es sind keine rosige Zeiten für heimelige Teamgefühle, da Müller gleichzeitig Säuberungen im Management durchführen muss und der Belegschaft Opfer abverlangen wird. 

Die Mitarbeiter die Zeche zahlen lassen

Die bittere Wahrheit ist, dass auch bei Volkswagen die einfachen Mitarbeiter für die Umtriebe der Manager haften. VW war schon immer im Vergleich etwa zu Toyota renditeschwach, nun in der Krise werden zusätzliche Mittel noch dringender als zuvor gesucht. Für die Mitarbeiter wird es empfindliche Einschnitte bei Gewinnbeteiligung und Sonderzahlungen geben. Vor allem wird das Management aber versuchen, dauerhaft die Fertigungstiefe im Konzern zu reduzieren, also mehr Prozesse und damit Arbeitsplätze auszulagern. Traditionell wurden Vorstöße in diese Richtung von den Arbeitnehmervertretern verhindert, aber ironischerweise dürfte dieses Lieblingsprojekt der Manager in einer Krise, die von Managern verursacht wurde, verwirklicht werden.

Antriebs-Alternativen entwickeln

Beim Thema Stromanatrieb fuhr Volkswagen bisher hinterher. Das kann sogar klug gedacht gewesen sein, weil man sich so kostspielige Flops ersparte. Für das Image war diese Zurückhaltung aber schon immer ein Fehler. Da das Alternativprojekt, der super-saubere Diesel, Schiffbruch erlitten hat, muss Volkswagen sich jetzt als Konzern neu positionieren, damit man den Wolfsburgern zutraut, die Mobilität von Morgen zu meistern. Müller wird ein wahres Feuerwerk an Innovationen liefern müssen, bis der Diesel-Morast vergessen ist.

Den US-Markt nicht ganz verlieren

VW hatte in den USA noch nie einen guten Stand. Im Rhythmus von fünf Jahren wurden Strategien vorgestellt, mit denen VW in den USA mehr Autos absetzen wollte. Clean-Diesel gehörte dazu. Einem Ausbau der Markposition wird es sicher nicht geben, aber Müller wird sich etwas einfallen lassen müssen, damit VW nicht zu Exotenmarke in den USA schrumpft.

Die Kunden zurückgewinnen

Das Vertrauen der Kunden wurde missbraucht. Es zurückzugewinnen ist eine Herkules-Aufgabe. Zum Glück für den Konzern sind vielen VW-Fahrern die Nox-Werte vollkommen egal, solange sie vom Staat nicht bei der Steuer- und Schadstoffklasse schlechter gestellt werden. Aber für umweltbewegte Autofahrer dürfte VW lange Zeit ein rotes Tuch sei. VW-Fahrer, die in Kalifornien einen deftigen Aufpreis für die Clean-Schwindel-Technik zahlten, dürften wohl kaum jemals wieder zur Marke zurückfinden.

Eine Analyse von Gernot Kramper

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