Pariser Autosalon Generation Spaß


Früher gab es den Golf. Den hatte jeder, der war solide und verlässlich. Und bieder. Heute verlangt der Kunde, dass der Wagen sein Ego pimpt. Metall-Kreationen sollen die Ödnis der Vorstädte ins mobile Abenteuerland verwandeln. Den Generalangriff auf das Nutz-Prinzip führen die Koreaner an.
Von Gernot Kramper

Der Pariser Autosalon hat seine Halbzeit erreicht. Zeit festzuhalten, welche Visionen nett anzusehen sind und welche die Autolandschaft tatsächlich verändern werden. Zunächst gebührt Frankreich und seinen Autoherstellern Dank. Sie wissen noch zu träumen und ihre Gäste mit großen Gesten zu beeindrucken. Die Top-Studien Metisse und Nepta stellen Autos aus einer Traumwelt da, als wären die sechziger Jahre nie vergangen. Trauminstrumente zum Wegfliegen und keine Alltagsbegleiter. So schön und andächtig streicht der Blick über sie, wie zuletzt damals beim Autoquartett.

Kein Gewinn mit Nutzmaschinen

Im Land der Träume hält man sich gern auf. So gern, dass man gar nicht mehr aufwachen will. Darin liegen Problem und Chance für die Autohersteller. Der Kunde will von seinem Blechgefährten nicht ins Büro transportiert werden, sondern in der immerwährenden Illusion von Image und Markenwerten gewiegt werden. Praktische Erwägungen stehen da ganz hinten an. Oder sie sind knallhart. Anderslautenden Unkenrufen zum Trotz ist das heutige Auto fast unkaputtbar. Seitdem Rost und Kolbenfresser besiegt wurden, kann man einen Wagen locker über zwölf Jahre fahren. Regelmäßige Wartung und normale Laufleistung vorausgesetzt. Wenn man eigentlich keinen neuen Wagen braucht oder eine Spardose wie der Dacia Logan alle Transportbedürfnisse erfüllt, wollen Träume verkauft werden.

Träume der Touristenklasse

Die Premiumhersteller machen das seit Langem vor, in ihrem Reich spielt Geld nur eine untergeordnete Rolle. Für die Masse bezahlbare Träume anzubieten, fällt schwerer. Erfahrungen im Geschäft der billigen Illusionen besitzen die Automobilbauer aus Korea. Zu Erinnerung: Die deutschen Hersteller hielten den SUV-Trend entweder für einen wirren Irrweg oder sie wollten entsprechende Fahrzeuge nur einer Klientel vorbehalten, die mindestens 45.000 Euro bezahlen konnte. Schon diese Chance ergriffen Kia und Hyundai beherzt. Santa Fe, Sorento und Tucson machten die Gattung SUV für den Reihenhaus-Cowboy erschwinglich und die Marken salonfähig. Nebenbei bemerkt boten ihre Fahrzeuge eine Rettung aus dem Imagesumpf der heutigen Familie. Sie schlucken klaglos die Kinderkarre, ohne das wenig abenteuerliche Pappi- oder Mutti-Bild zu transportieren. Nun folgt der Angriff auf die Kompaktklasse gleich mit einem Doppelschlag. In Paris rollen Hyundai den Arnejs und Kia den Cee’d in Position.

Beide Modelle basieren auf der gleichen Konzern-Plattform. Noch ist der Arnejs eine Studie, aber schon im nächsten Frühjahr soll er die Hyundai-Modelle Accent und Elantra beerben. Modellwechsel gibt es allenthalben, aber der Arnejs zeigt die neue Hyundai-Formensprache. Und die hat es in sich, sie wurde im europäischen Designzentrum Rüsselsheim unter der Leitung von Thomas Bürkle entwickelt. Auch der neue Kia Cee’d ist für Europa gedacht und wird in der Slowakei gefertigt. Zusammen mit dem neuen Nissan Qashqai sieht man, wohn die Reise geht. Einen bulligen Auftritt, eine breite Spur und eine vergleichsweise lichte Kabine. So kommt Abenteuer in den Alltag der Kompakten.

Im Crossover zeigt sich die Verschmelzung von Kompaktklasse, SUV und Minivan in konsequenter Vereinigung praktischer Nachteile. Aber breites Schuhwerk und schmale Kanzel sehen auch in bescheidenen Fahrzeugklassen nach Kraft und Spaß aus. In der Praxis wird man es nicht so weit treiben wie Ford mit dem Iosis X - ein Fahrzeug, das nur aus Bereifung zu bestehen und wie aus der Lego-Katalog entsprungen zu sein scheint. Für den Hauch des Abenteuers geht man Kompromisse ein. Die alte, ehrliche Kompaktklasse war stets einfacher gebaut und zumeist wohl auch billiger. Der Mini-Van vom Schlage des Touran erinnert zwar an eine rollende Pampers-Packung ist aber enorm praktisch und bietet extrem viel Stauraum. Böse gesagt: Mit dem Cross-over-Trend wird der SUV-Unfug für weitere Kundengruppen erschwinglich.

Zu spät, zu halbherzig

Da mit einem Auto viele irrationale Wünsche befriedigt werden, steht zu erwarten, dass dieser Trend die Kompaktklasse vollkommen umkremplen wird. Und - wie schon bei den SUVs - fahren die Europäer hinterher. Vorne weg cruisen Japaner und Koreaner. Ihre Modelle glänzen durch ein makelloses Design, das wahlweise in Europa oder Amerika erstellt wird, günstige Preise und ein immer besseres Image. In Deutschland tut man sich da schwerer. Audi und VW werden einen kleinen SUV herausbringen, fraglich aber, ob diese überfälligen Modelle im Wettbewerb des immer kurzlebigeren Autodesigns vorne mitschwingen können. Opel und Ford müssen passen. Ein Wagen wie der Antara antwortet jetzt auf die SUV-Welle, wo die Koreaner bereits die zweite Generation ihre Modelle anbieten. Und mit Maßnahmen wie dem "CrossPolo" oder "CrossGolf" kann man Verkäufe erzielen. Aber ein angeschraubtes Stylingpaket ab Werk wird keinen Trend setzen können.


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