"Baumunfälle" Mörder am Straßenrand


Rund 1000 Autofahrer sterben in Deutschland pro Jahr beim Aufprall auf einen Baum. Aber selbst der ADAC will nicht die Alleebäume der Verkehrssicherheit opfern. Mit Schutzplanken und Tempolimits allein wird man das Risiko jedoch nicht entscheidend mindern können.
Von Kai Behrmann

Deutschlands Autofahrer sind von Mördern umgeben. Sie stehen sich in Abständen von wenigen Metern gegenüber und flankieren schnurstracks geradeaus führende Asphaltpisten. Bäume, links und rechts, die sich zu Alleen zusammengerottet haben. Besonders viel Angst und Schrecken verbreiten sie in den neuen Bundesländern. Was auf den ersten Blick erhaben und romantisch aussieht, kann schnell zur tödlichen Gefahr werden. Dann nämlich, wenn ein Autofahrer von der Fahrbahn gerät und gegen einen der hölzernen Meuchler prallt. Pro Jahr sterben in Deutschland rund 1000 Menschen auf diese Weise.

Aufprall mit fatalen Folgen

Seit Einführung der "Baumunfallstatistik" im Jahr 1995 haben fast 20.000 Menschen ihr Leben bei einem Zusammenprall mit einem Baum verloren. "Mit knapp 30 Prozent ist das die häufigste Einzelfallursache von tödlichen Verkehrsunfällen", rechnet Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), vor. In manchen Bundesländern ist der Anteil noch deutlich höher, zum Beispiel in Brandenburg (61 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (46 Prozent). Doch kann ein Baum tatsächlich ein Mörder sein, also die Ursache für den Tod eines Autofahrers? Wohl kaum. Wenn kein technischer Fehler des Fahrzeugs Schuld ist, sind es andere Faktoren wie Alkohol, Drogen, Leichtsinn oder Unaufmerksamkeit die ursächlich dafür sind, wenn ein Auto von der Fahrbahn abkommt.

Die fatalen Folgen eines Zusammenstoßes mit einem Baum bleiben dabei unbestritten. Die UDV hat diese jetzt noch einmal auf dem DEKRA-Testgelände im schleswig-holsteinischen Neumünster demonstriert. Ein Auto rast auf einen Pfahl zu und gerät ins Schleudern. Glas zersplittert, die Seitenfront des Wagens wird eingedrückt. Ein typisches Unfall-Szenario auf deutschen Landstraßen. Trotz Seitenairbags und anderer Maßnahmen in der Fahrzeugstruktur, die zur Abmilderung des Aufpralls dienen, hätten die Insassen bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 55 Kilometern pro Stunde schwerste bis tödliche Verletzungen erlitten. Gar keine Überlebenschance hätten sie bei noch höherer Geschwindigkeit gehabt. "Bei einem Crash mit 90 km/h zerteilt oder zerfetzt der Baum das Auto regelrecht", sagt UDV-Leiter Brockmann.

Keine Neupflanzungen ohne Schutzplanken

Laut Brockmann ließe sich die Zahl der Todesopfer nach einem Zusammenprall gegen einen Baum allerdings deutlich reduzieren. "Mehrere hundert Menschen pro Jahr müssten in Deutschland nicht sterben, wenn wirksame Maßnahmen an Straßen mit Bäumen ergriffen würden", sagt er. Diese beinhalten für Brockmann Überholverbote, Kurvenbegradigungen und eine Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit auf 80 km/h sowie deren konsequente Überwachung an besonders kritischen Stellen. Insbesondere plädiert er aber für mehr Schutzplanken.

Auf diese Weise könne der Einsatz von Axt und Kettensäge verhindert werden, sagt Brockmann. Neupflanzung von Bäumen solle es jedoch nicht mehr ohne Schutzplanken geben. De facto würde das allerdings bedeuten, dass die Alleen auf diese Weise mit der Zeit schwinden würden, weil Bäume auf natürliche Weise absterben. Für die Kommunen, die für den Straßenschutz zuständig sind, wären die Kosten dagegen enorm, wollten sie jeden Baum eins zu eins mit einer Schutzplanke ersetzen.

Landstraßen sind keine Formel-1-Pisten

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wie mit anderen Hindernissen am Fahrbahnrand umgegangen wird. Zum Beispiel mit Brückenpfeilern oder Häusern in Ortschaften. Müssten diese der Argumentation des UDV folgend nicht ebenfalls "verplankt" werden? Wer sich in ein Auto setzt, geht damit bewusst ein gewisses Risiko ein. Freie und großzügige Auslaufzonen wie Kiesbetten in der Formel 1, die mit Autoreifen am Rand zur Minderung der Aufprallwucht ausstaffiert sind, gibt es im normalen Straßenverkehr nicht.

"Auf einer schönen Straße kann man schon mal die Gefahr vergessen"

Zwar befürwortet auch Andreas Hölzl vom ADAC den Einsatz von Schutzplanken und Tempolimits, "um Autofahrer dazu zu bringen, an gefährlichen Stellen vorsichtiger zu fahren". Ihn erster Linie liegt das Problem seiner Ansicht nach aber nicht bei den Bäumen sondern bei den Verkehrsteilnehmern. "Das Entscheidende ist immer der Autofahrer und dessen Aufmerksamkeit", betont er. Zwar schließt er nicht aus, dass Bäume möglicherweise das Risikobewusstsein senken, weil sie im Gegensatz zu unter anderem Betonwänden emotional positiv besetzt sind. "So kann man auf einer schönen Straße schon mal die Gefahr etwas vergessen und fährt unbewusst etwas schneller als angebracht", räumt Hölzl ein. Hinzu komme, dass gerade dicht bepflanzte Alleen, die häufig auch noch sehr eng sind, das Risiko bergen, "dass eine gewisse Monotonie eintritt". Grundsätzlich gehe es allerdings um den Erhalt von Alleen. "Die sind etwas Wichtiges und Schönes", stellt Hölzl klar. Und so gefährlich sind sie auch wiederum nicht - vorausgesetzt alle Autofahrer setzten sich verantwortungsvoll hinters Steuer.


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