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Ab jetzt sind Winterreifen Pflicht: Auszeit für Sommerreifen

Ab sofort gilt die Winterreifenpflicht. Ob damit Unfälle verhindert werden, weiß niemand. Doch wer den rechtzeitigen Wechsel verpennt hat und jetzt vergeblich nach Winterreifen sucht, ist selbst Schuld.

Von Dirk Vincken und Gernot Kramper

Für Autofahrer gibt es keine Ausreden mehr: Seit Samstag sind bei Schnee, Eis und Matsch Winterreifen Pflicht. Die langerwartete Neuregelung in der Straßenverkehrsordnung (StVO) wurde am Freitag im Bundesgesetzblatt veröffentlicht und gilt damit ab dem Folgetag. Wer jetzt trotzdem noch mit Sommerreifen unterwegs ist und erwischt wird, muss 40 statt bisher 20 Euro Bußgeld zahlen.

Der Wagen muss also stehen bleiben, selbst die Fahrt zum Reifenwechsel zur Werkstatt muss warten, bis Schnee und Eis abgetaut sind. Die Eilverordnung von Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) sagt klipp und klar: "Bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte darf ein Kraftfahrzeug nur mit Winter- oder Allwetterreifen mit dem M+S-Symbol unterwegs sein". Mit etwas mehr Aufmerksamkeit hätte sich jeder Betroffene diese Unbequemlichkeit ersparen können.

Eine Knappheit an Winterreifen, vor der der Bundesverband des Reifenhandels derzeit warnt, kann der ADAC zwar nicht feststellen. Doch Probleme für die Nachzügler sieht Sprecher Christian Buric schon. Wie jedes Jahr nach dem ersten Schneefall müsse man ein paar Tage auf einen Werkstatttermin warten. Regional komme es zu Engpässen und einzelne Reifen sind schwer zu beschaffen. Wer als letzter kommt, aber ausgerechnet den Preis-Leistungs-Sieger in einem der großen Reifentests montieren möchte und den günstigsten Preis erwartet, hat kaum Chancen fündig zu werden. Seltene Reifengrößen muss man ohnehin immer bestellen und kann nicht zum Wechsel spontan beim Händler vorfahren.

Kein nachweisbares Plus an Sicherheit

Sommerreifen hat Peter Ramsauer im Winter von den Felgen verbannt. Das hört sich nach einem dicken Plus bei der Verkehrssicherheit an. Aber wird es nun, wo alle nur mit Winterreifen unterwegs sind, weniger ernste Unfälle mit schweren Verletzungen oder gar Todesfällen geben? Kurze Antwort: Das weiß niemand. Denn trotz der jahrelangen Beschäftigung des Ministeriums mit dem Thema weiß keiner, ob jemals Sommerreifen an einem Unfall im Winter die Schuld trugen oder umgekehrt ein Unfall mit Winterpneus hätte vermieden werden können. Der Grund ist ganz einfach: Niemand hat eine Untersuchung zum Thema "Reifen und Unfälle" in Auftrag gegeben. Die verfügbaren Daten gehen in eine andere Richtung. Das Statistische Bundesamt in Berlin kann seit 1979 belegen, dass in den klassischen Schneemonaten Januar und Februar die Zahl der Getöteten und Schwerverletzten jeweils deutlich zurückging. Trend ungebrochen bis heute. Hintergrund: Das Geschwindigkeitsniveau auf verschneiten Straßen ist deutlich niedriger als an klaren warmen Sommertagen, Unfallfolgen fallen also spürbar milder aus. Überhöhte Geschwindigkeit und nicht der Schnee ist der große Killer auf den deutschen Straßen.

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Reifenstest bieten Orientierung

Reifenkäufer sollten sich nicht auf die Aussagen des Ministers verlassen. Die Verordnung schreibt unter dem Signum "Winterreifenpflicht" keine echten Winterreifen vor, sondern lediglich Reifen mit einer "M+S"-Kennung. Dabei ist das Kürzel ein purer Etikettenschwindel, es ist rechtlich nicht geschützt, es sagt schlicht überhaupt nichts aus.

Es wird von manchen Herstellern sogar bei Sommerreifen angebracht. Die Gesetzeslücke schamlos ausgenutzt – nicht nur durch die von den "Premium-Herstellern" oft bezichtigten "bösen Chinesen". Viele der ab Werk auf die modernen und sehr beliebten SUV (Sport Utility Vehicle – eine Art Soft-Geländewagen) montierten Marken-Reifen tragen das M+S-Symbol. Die Besitzer fahren diese Sommerpneus im guten Glauben sommers wie winters.

Nur "echte" Winterreifen bieten auf Schnee erhebliche Vorteile, sie lassen sich besser kontrollieren, das Auto bleibt länger beherrschbar und Hängenbleiben am Hang ist eher die Ausnahme. Etwas mehr Sicherheit beim Kauf bietet das Schneeflockensymbol. Ihm liegt immerhin ein genormter US-Test zu Grunde. Wer einen guten Winterreifen will, kann auf die staatlichen Normen nichts geben, er muss sich an die Tests von ADAC und Autozeitschriften halten (Hier finden Sie die Ergebnisse des Winterreifentest vom ADAC) . Peter Hülzer vom Bundesverband Reifenhandel: "Die meisten Autofahrer kaufen ohnehin moderne Marken-Winterreifen; No-Name-Produkte vom Baumarkt oder von der Auspuff-Reparatur-Kette finden im Winter kaum Nachfrage."

Es gibt keinen optimalen Reifen

Leider herrscht diese Einsicht nur bei Privatfahrern, die windelweiche Ramsauerverordnung wird bei Lkw und Bussen keinen Fortschritt bringen. Aus Kostengründen werden echte Winterreifen weiterhin gemieden werden, stattdessen werden Pneus mit der wertlosen "M+S"-Kennung auf der Antriebsachse montiert. Aufpassen müssen auch die Fahrer von Mietfahrzeugen. Sie und nicht der Vermieter sind verantwortlich, wenn ein Fahrzeug ohne Winterreifen bei winterlichen Straßenverhältnissen unterwegs ist.

Aber auch Winterreifen sind keine Alleskönner. Die Tests der etablierten Fachzeitschriften, allen voran die ADAC-Motorwelt, beweisen, dass moderne Marken-Winterreifen auf Schnee die Sommergummis in jeder Hinsicht ausbremsen. Auch auf Raureif und Eis sind sie Sommerreifen überlegen. Fällt das das Thermometer aber nicht unter Null Grad, wären auf trockenen oder nur nassen Winterstraßen Sommerreifen die bessere Wahl. Diese haben anders als die Winterpneus keine Lamellen (bis zu 1500 feine Einschnitte im Profil, die sich mit dem Schnee verkanten und für Grip sorgen) und deshalb Vorteile beim Bremsen auf freiem Asphalt. Erst wenn es draußen friert, verhärtet Sommerreifengummi wie Honig im Kühlschrank und die Haftung bricht ein. Umgekehrt taugen Winterreifen bei warmen Wetter nicht viel, weil sie dann viel zu weich werden und beim Bremsen heftig zu schmieren beginnen. Der Autofahrer geht also immer einen Kompromiss ein, wenn er die Reifen nicht mehrfach in der Saison wechseln will, "den" optimalen Reifen für das ganze Winterhalbjahr gibt es nicht.

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