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Automarkt China: Die Wagen des Drachens

China trumpft in der Krise auf. Wo andere Automärkte zusammenbrechen, legt China zu. Hersteller von Luxusfahrzeugen finden hier ihr letztes Wachstumsreservat. Bei Elektroantrieben will das Land die Nummer Eins werden. Dafür braucht der chinesische Autohersteller BAIC das Know-how von Opel.

Der Chinesische Autohersteller BAIC greift nach Opel und ruft in Deutschland vor allem Verwunderung hervor. Hierzulande sieht man sich selbst als Zentrum der Autowelt und nimmt die chinesischen Autobauer nicht wirklich ernst. China gilt als das Autoland, das mit dreisten Plagiaten und kuriosen Eigenkreationen glänzt. Und dessen Exportanstrengungen regelmäßig am Rammbock deutscher Crashtests scheitern.

Dabei ist der chinesische Markt inzwischen die Nummer Eins in der Welt. China hat im ersten Halbjahr 2009 die USA als weltgrößten Automarkt abgelöst, das sagen die vorläufigen Zahlen des chinesischen Händlerverbandes CAAM. Diese Ablösung war zu erwarten, die weltweite Finanzkrise hat sie allerdings beschleunigt.

Entscheidend an diesem Datum ist, dass es sich nicht um die kurzfristige Blüte einer Abwrackprämie handelt, sondern um einen langfristigen Trend. "China ist und bleibt der wichtigste Wachstumsmarkt in der Welt. Nachdem dort im letzten Jahr 5,6 Millionen Pkw verkauft wurden, rechnen wir 2009 mit einer leichten Abkühlung, die aber deutlich geringer sein wird als in anderen Märkten", sagte Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen und Professor für Automobilwirtschaft. Nach den neuesten Zahlen konnte der chinesische Automarkt mitten in der Krise noch ein Plus von 14,29 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verbuchen. Und zeigte sich damals wesentlich robuster, als prognostiziert. Die Schätzungen Anfang des Jahres schwankten zwischen etwa 5 Prozent Minus und gingen im besten Fall bis 5 Prozent Plus.

Andere Autohersteller muss die BAIC-Offerte für Opel bis ins Mark erschüttern. Beim Interesse von Fiat wie auch von Magna bestand der Verdacht, dass sich angeschlagene Konzerne mit Regierungsbürgschaften Liquidität fürs eigene Überleben sichern wollen. Wie belastbar das Angebot aus China ist, muss sich noch zeigen. Aber offenbar ist BAIC bereit, mehr Jobs zu erhalten, als andere Opelbieter. Als Gegenleistung wollen die Chinesen geringere Regierungsbürgschaften beanspruchen und außerdem erhebliche Eigenmittel aufwenden. Während westliche Hersteller in einer Liquiditätsklemme stecken, müssen solche Mittel bei BAIC offenbar verfügbar sein.

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Letzte Hoffnung China

Den deutschen Nobelherstellern rettet China die Bilanz. Während Märkte wie Russland komplett weggebrochen sind und in den USA die Luxusklasse doppelt so stark nachgibt wie der Rest des Marktes, laufen die Geschäfte in China ausgezeichnet. Mercedes kann mehr S-Klassen im Reich der Mitte absetzen als in Nordamerika. BMW legt fast um die Hälfte zu (5.893 Einheiten, ein Plus von 44,3 Prozent). Volkswagen und Audi sind seit langem gut auf dem chinesischen Markt aufgestellt. Hält die Entwicklung in China an, werden sich neben den atemberaubenden Prozentzahlen der Steigerungen auch substantielle Stückzahlen gesellen. Schon jetzt ist klar: Der Erfolg der Fahrzeuge gehobener Klasse wird zukünftig in China entschieden.

Die originären China-Autos werden in Deutschland wegen veralteter Technik und schlechten Crashtest-Ergebnissen schnell abgefertigt. Die deutschen Fachmedien legen dabei eine hohe Latte an. Wer mit einem gebrauchten Mercedes der ersten M-Klasse unterwegs ist, fühlt sich nicht untermotorisiert. Im Preiskracher-SUV von CEO soll die gleiche Maschine plötzlich unzumutbar sein. Die Crashtest-Ergebnisse eines Brilliance können nicht mit neuen europäischen Limousinen mithalten. Dass der Großteil der zugelassenen Fahrzeuge in Deutschland älteren Baujahrs ist und ebenfalls Sicherheitsdefizite aufweist, fällt dabei unter den Tisch.

In China selbst haben die heimischen Autobauer bereits einen Marktanteil von rund einem Viertel erobert, Tendenz steigend. Dank weitreichender Kooperationen steckt unter dem Blech oft westliche Technik, häufig nicht ganz auf dem aktuellen Stand, meist aber auch nicht von vorgestern. Die Irritationen wegen der Plagiatsvorwürfe lenken nur von der Substanz der chinesischen Hersteller ab. Deren Lernkurve verläuft extrem steil. Nur wenige Jahre liegen zwischen Modellen, die man nur als Witz verstehen konnte, und den jetzigen Fahrzeugen, die etwas hinterherhinken. Die chinesischen Hersteller setzen andere Prioritäten. Der verwöhnte, komplizierte und übersättigte Markt Westeuropas steht bei ihnen nicht im Vordergrund, sondern die Massenmotorisierung der Schwellenländer. Auch deutsche Hersteller müssen sich den Gewohnheiten anpassen, wenn sie in China Erfolg haben wollen. Bei Geschäftswagen sitzen meist Chauffeure am Steuer. Selbst Mittelklasse-Modelle sollten also tunlichst als Stretch-Variante mit komfortablen Fond angeboten werden. Auf der Shanghai Autoshow wurden China-Autos mit einer ganz eigenen Formsprache gezeigt. Die Studie Tiger GT von Geely erinnert den Europäer vielleicht an einen Operetten-Sportwagen. An dieses Barockdesign wird man sich gewöhnen müssen. Vermutlich wird der chinesische Markt und die chinesische Kultur stark genug sein, eigene ästhetische Modelle dauerhaft gegen westliche Vorgaben durchzusetzen.

China setzt auf Strom

Im Bereich der alternativen Antriebe kann sich China ganz schnell an die Spitze setzen. "Das Zukunftsthema Elektromobilität und Hybrid werden die Chinesen schneller umsetzen, als wir uns das vorstellen", glaubt Dudenhöffer. Einen wachsenden Verkehrswildwuchs können sich Chinas Millionenstädte nicht leisten, den Ausweg sieht die Regierung in Elektroantrieben. Einer der Gründe, warum BAIC mit Opel einen Zugriff auf die Stromtechnik von GM haben will. "Für die Industrialisierung eines Entwicklungslandes wie China braucht man Zugang zu geistigem Eigentum", begründet BAIC seinen Opel-Vorstoß. So verlangt das Unternehmen von GM Lizenzen für alternative Antriebe. Die Chinesen sind dabei keine Laien in dem Bereich alternativer Antriebe. Der Autobauer BYD ist von Haus aus Batterie-Hersteller und hat bereits einen Plug-In Hybrid namens F3DM im Programm. Im Westen springen die Käufer bislang nur sehr zurückhaltend auf alternative Antriebe an. In China gibt es dagegen ganz andere Möglichkeiten, den Wunsch der Regierung nach ökologischen Autos Wirklichkeit werden zu lassen. Die Elektro-Vision für China sieht in etwa so aus: Anders als im Westen werden chinesische Elektromobile ein programmierter Erfolg werden. Sobald die alternativen Antriebe in den geplanten Stückzahlen vom Band laufen, werden die gesetzlichen Rahmenbedingungen etwa für den Verkehr in den Innenstädte angepasst, damit die Elektroflitzer den gewünschten Absatz finden.

Gernot Kramper mit Press-Inform

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