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Boom von Elektofahrzeugen: "Altlast Verbrennungsmotor"

China legt bei Elektroautos den Turbogang ein, verliert Deutschland den Anschluss? Nein, wenn man alte Autozöpfe abschneidet und wenn man ohne den Ballast von 100 Jahren Autogeschichte denken kann, sagt Gernot Spiegelberg, Leiter des Forschungsprojekts Elektromobilität bei Siemens.

Von Christoph M. Schwarzer

Das Elektroauto fordert die Maschinenbauer heraus. Stromfahrzeuge werden nicht nur über den steigenden Ölpreis international erfolgreich. Der stärkste Impuls geht von China aus: Die Masse der Bevölkerung ist – ähnlich wie bei uns in den 1950ern – auf dem Sprung vom Fahrrad über den Roller zum Auto. Und zwar mit Ladekabeln statt Einfüllstutzen, dafür sorgt die chinesische Regierung.

"Von den 23 Millionen Elektrofahrrädern und Rollern, die 2008 verkauft wurden, wurden 21 Millionen in China verkauft", erklärt Gernot Spiegelberg, Leiter des Forschungsprojekts Elektromobilität bei der Siemens AG. Gemessen an der Gesamtzahl von 1,3 Milliarden Menschen ist das zwar wenig. Aber es zeigt, wohin die Reise geht. Diese Zweiradfahrer wollen aufsteigen und umsteigen ins Auto. Ein Wunsch, den der chinesische Staat fördert, und zwar "mit 6.800 Euro, was mehr als 10.000 Dollar entspricht" – aber nur, wenn man auf ein Elektroauto umsteigt. Für Freunde des Verbrennungsmotors gibt es nichts. Gleichzeitig, so Spiegelberg, würden mehr als 90 Prozent der Weltproduktion von Batterietechnologie aus dem Reich der Mitte kommen, während der Anteil Deutschlands kaum messbar sei.

Verliert Deutschland den Anschluss?

Damit Deutschland konkurrenzfähig bleibt, wäre Strommann Spiegelberg eine staatliche Unterstützung durchaus recht. Die 500 Millionen Euro, die im Konjunkturpaket II bereits vorgesehen sind, dürften aber kaum reichen. Zur Erinnerung: diese Summe wurde benötigt um den Kleinserienelektrorenner Tesla auf die Räder zu schicken. Denkt man in die Zukunft hätte man die fünf Milliarden Euro für die Abwrackprämie sinnvoller in die Elektromobilität investiert.

Natürlich wünscht ein Konzern wie Siemens mehr Elektrofahrzeuge. Aber hier zeigt sich auch der kulturelle Riss zwischen den klassischen Maschinenbauern mit ihren Verbrennungsmotoren und den in Kabeln und Platinen denkenden Elektroingenieuren. Spiegelberg formuliert das positiv, wenn er sagt, "wir haben keine Altlasten mit der Verbrennungsmaschine und können uns die Zukunft der Mobilität ohne Einschränkung ansehen." Während in den Entwicklungsabteilungen der Autobauer mit Start-Stopp und anderen Tricks krampfhaft um jedes Gramm CO2 gerungen wird, setzen die Elektrotechniker aufs Kabel statt auf Hydraulikschläuche. Die Vision ist das vollelektrische Auto, das alles abdeckt, außer der Langstrecke. Die überlässt man großzügig dem Diesel.

Holzweg Hybrid

Wie tief die Trennlinie zwischen Maschinenbauern und Elektrotechnikern ist, zeigt die Argumentation für den Radnabenantrieb. In ihm, so Siemens-Mann Spiegelberg, könne man Antrieb, Schaltung, Bremsen und Federn vereinen. Alles was dem Autobauer lieb und teuer ist –und worin seine technische Kompetenz besteht – fliegt einfach raus. Vom Auto bleiben Reifen, Gehäuse, Batterie, Nabenmotor und fertig. Gebremst würde dann über die Rekuperation. Die klassische Scheibe wäre überflüssig und der Bremssattel auch. Eine Idee, die klassischen Sportfahrern das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Ein Motorradfahrer will kräftig angeben und blamiert sich heftig.

Vom Hybridantrieb, also der Kombination aus einem Verbrennungsmotor mit einer Elektromaschine, hält man bei Siemens wenig: "Generell ist ein Hybridsystem eine eierlegende Wollmilchsau", sagt Spiegelberg, denn es versuche, sowohl Kurzstrecken als auch Langstrecken abzudecken. Mit geringen Vorzügen und doppeltem Nachteil: Im Stadt- und Pendelverkehr würde unnötiger Ballast herumgeschleppt werden, der zusätzlich auch noch Bauraum koste. Auf der Autobahn wiederum wäre die Rekuperation, also die Rückgewinnung von Bremsenergie, faktisch nicht vorhanden – und wieder schleppt man teure Technik herum, die nicht gebraucht wird. In Deutschland, schätzt Spiegelberg, würden 9,5 Millionen Autos schon heute nie mehr als 60 Kilometer am Tag bewegt. Sie alle könnten komplett durch E-Autos ersetzt werden.

Frankreich zahlt 5.000 Euro

Den Rahmen zur Einführung elektrischer Mobilität kann nur der Staat setzen. In China kann man die Turbovariante zur Einführung der Elektroautos erleben. Zuerst kam die Verpflichtung der Hersteller, dann enorme Investitionen in Großserienfertigung und Forschung, es folgen jetzt finanziellen Anreize. Sobald die Elektro-Modelle in ausreichender Zahl vom Band rollen, werden gesetzliche Vorgaben wie Fahrverbote für Verbrennungsmotoren für den nötigen Absatz sorgen. China steht dabei nicht allein. Frankreich hat bereits ein Bonus-Malus-System eingeführt. Wer ein Auto baut, das weniger als 60 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstößt, bekommt dafür 5.000 Euro. Ein Wert, der aktuell nur mit teil- oder vollelektrischem Fahren erreicht wird. Das Geld dafür zahlen in Frankreich alle, die ein Auto mit Power fahren wollen: Sie müssen bis zu 2.600 Euro für die Zulassung ihrer Fahrfreudenmaschine abdrücken. Erfreulicher Nebeneffekt: diese Subvention kostet den Staat keinen Euro, weil der Porschefahrer den Elektrowagen bezuschusst. In Deutschland ist ein so klarer Schritt in Richtung der Elektromobilität nicht zu erwarten.

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