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Detroit Motor Show: Amerikas Wiedergeburt

Totgesagte leben länger. Die Automesse in Detroit hat (fast) wieder den Glanz alter Tage. Besonders die "Großen Drei", vor einem Jahr noch so gut wie pleite, verbreiten Optimismus.

Von Michael Specht, Detroit

Es ist keine zwei Jahre her, da prophezeiten Pessimisten nicht nur das Aus für die Detroit Motor Show. Die Daumen senkten sich auch für die taumelnden US-Giganten General Motors, Ford und Chrysler. Heute wissen wir: Selten hat man so falsch gelegen. Das Tempo, mit dem die Autoindustrie aus der Krise fuhr, übertraf selbst die kühnsten Prognosen der Branchenexperten. Gemeldet werden Rekordabsätze und Milliardengewinne.

Große Sprüche von Chrysler

Detroit is back. Die Motor Show ließ sich, was die Wichtigkeit von internationalen Messen angeht, nicht von Los Angeles ins Abseits drängen Die Stände in der Cobo-Hall leuchten wieder wie in guten Zeiten. Die "Big Three" nutzen ihre Heimatstadt für den großen Auftritt, strotzen förmlich vor Selbstbewusstsein und fangen schon wieder an, mit Superlativen um sich zu werfen.

Ein Motorradfahrer will kräftig angeben und blamiert sich heftig.

Am weitesten aus dem Fenster lehnt sich dabei Chrysler - mittlerweile von Fiat geführt - und präsentiert die zweite Generation des 300 C. Eine Milliarde Dollar habe man sich die Renovierung kosten lassen, spricht von einer "Ikone des Automobilbaus" und beim Innenraum von einem "neuen Maßstab in der Branche". Im Frühjahr geht die Limousine in den USA in den Handel. Nach Deutschland kommt der 300 C im Herbst, dann allerdings klebt am Blech das Lancia-Label.

Nicht weniger zurückhaltend: Buick, früher so etwas wie die Rentnermarke von General Motors. Man sei mit plus 52 Prozent die "am schnellsten wachsende Automarke der USA" und habe 41 Prozent der Kunden von anderen geräubert. Den neuen Verano, nichts anderes als die Stufenheckversion des Opel Astra, präsentieren die Manager nicht nur als das "leiseste Kompaktmodell im Markt", sondern auch als "another cool Buick".

Ford präsentiert "Weltauto" Focus

Ford fokussiert seinen Messeauftritt einzig auf den Focus. Statt wie einst harte Cowboys von dicken Pick-ups springen zu lassen, rollt nun leise und sparsam die automobile Vernunft auf die Bühne. Auf die sogenannte globale C-Plattform, auf der mehr als zehn Focus-Derivate basieren, setzt Ford große Hoffnungen. Jährlich sollen zwei Millionen Exemplare weltweit von den Bändern laufen.

Porsche zeigt wieder Flagge

Welch hohen Stellenwert Detroit bei den deutschen Autoherstellern einnimmt, zeigt besonders der Volkswagen-Konzern. Zunächst schickte der Wolfsburger Vorstand die Order an Porsche - nachdem sich dieser vier Jahre lang von der Messe ferngehalten hatte - wieder Flagge zu zeigen. Man gehöre schließlich zur Familie. Die Zuffenhausener parierten und überraschten mit der schicken Rennwagenstudie Porsche 918 RSR. Die Flunder soll zeigen, wie man sich in Zukunft einen Langstrecken-Supersportwagen vorstelle. Der RSR fährt mit einem Achtzylinder im Heck und dem Schwungmassen-Hybridantrieb des Carrera GT3 R.

Neuer Passat "Born in Amerika"

Volkswagen selbst ließ nun endlich jene Katze aus dem Sack, die seit mehr als einem Jahr mit dem Kürzel NMS (New Midsize Sedan) angekündigt wurde. Die Auflösung heißt schlicht Passat. Aber nicht, wie wir ihn kennen. Die Stufenheck-Limousine - einen Kombi wird es nicht geben - ist knapp fünf Meter lang und ausschließlich für den amerikanischen Markt bestimmt. Preis: ab 20.000 Dollar. Kaum zu glauben, aber wahr. Möglich macht dies Volkswagens brandneue Fabrik in Chattanooga, die VW-Amerika-Chef Jonathan Browning nicht nur als die modernste und umweltfreundlichste auf dem Kontinent anpreist, sondern gleichzeitig auch betont, insgesamt 12.000 Jobs im Land geschaffen zu haben. So etwas kommt an in Amerika und ist für den Verkaufserfolg des Passat schon die halbe Miete.

Die Themen "Born in the USA" und "job creating" macht sich auch BMW zu nutze, um Punkte beim Publikum und weiter Marktanteile im Land zu sammeln. "Amerika ist unsere zweite Heimat", heißt es aus München. Schließlich produziere man seit fast 20 Jahren BMW-Modelle in Spartanburg in South Carolina. Allein die Fertigung des neuen X3 hätte 1600 Menschen einen neuen Job gebracht. Weltpremiere feierte anschließend das bildschöne 6er Cabrio, dem die sechsfache olympische Goldmedallien-Gewinnerin im Schwimmen, Nathalie Coughlin, entstieg.

Mercedes' Heimlichtuerei

Auf weiblichen Sexappeal setzt in Detroit auch Mercedes. Die Stuttgarter engagierten Colbie Caillat. Die kalifornische Sängerin trat bereits am Vorabend der Messe in einem Hotel auf. Dort präsentierte Mercedes erstmals die überarbeitete C-Klasse. Allerdings nur einem ausgewählten Publikum. Auf dem Stand fehlte das neue Auto am nächsten Tag. Grund: Man wolle die amerikanischen Händler nicht verärgern. Schließlich würde die neue C-Klasse in den USA erst im Herbst eingeführt. Und bis dahin möchte man noch so viele alte Modelle wie möglich verkaufen.

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