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Erich Bitter: Der alte Mann und das Auto

Erich Bitter liebt Pferde. Kraft, Zuverlässigkeit und Eleganz sind Eigenschaften, die er auch seinen Autos zuschreibt. Bei genauer Betrachtung ist es aber eher die Katze, die Bitters Biografie symbolisiert.

Von Axel F. Busse

Sieben Leben soll eine Katze haben. Das wievielte davon jetzt bei ihm gerade begonnen hat, weiß Erich Bitter wohl selbst nicht genau. Seine Energie ist ungebrochen. Bitter ist 74, mancher Mittfünfziger ist nicht so fit wie er. Ein Auto mit seinem Namen, seine Vision hat er wieder realsiert. Er ist Hersteller, er ist verantwortlich, er trägt das Risiko. Einst gehörte er zu den Top-Ten in Deutschland, dann kamen Rückschläge, Verluste, ein neuer Versuch vor drei Jahren. Als Brückenschlag zur eigenen Geschichte und Reminiszenz an das hinreißend schöne 70er-Jahre-Coupé "Bitter CD" nannte er es "CD 02".

Die Serienproduktion kam niemals in Gang, denn das Ursprungsfahrzeug, aus dem Bitter sein Coupé formen ließ, wurde eingestellt. Der Holden Munaro, ein australischer Sportwagenableger von General-Motors, drohte dem Konzern mehr Ärger als Gewinn einzubringen und so wurde das Auto aus dem Programm genommen. Kein Munaro, kein Bitter. Nun die Präsentation des Vero. Das italienische Wort steht für echt oder unverfälscht. Der wahre Bitter also? Statt eines Coupés ist eine wuchtige Oberklassen-Limousine zu bestaunen. Überhaupt ist die Präsentation irgendwie anders, als Hersteller sonst ihre Neuvorstellungen inszenieren. Statt an die Cote d'Azur ist die Motorjournaille an den Rand des Sauerlandes geladen, statt einer Fünf-Sterne-Herberge dient ein familiäres Tagungshotel als Anlaufpunkt und der Ort der feierlichen Enthüllung ist kein professionell ausgeleuchteter Schleiflack-Pavillon, sondern eine Reithalle.

Geschichten vom "Märchenonkel"

Abends hängen gestandene Fachjournalisten Bitter an den Lippen wie Kinder dem Märchenonkel. Der Mann kennt viele Geschichten. Manche klingen wie Märchen. "Ich hätte auf die Titelseite von Auto-Bild kommen können", sagt er, "aber ich wollte das Auto nicht vorher rausgeben." Früher war dieses Auto ein Australier, vom Holden Statesman hat in Europa aber kaum jemand etwas gehört. Jetzt ist es ein Vero. 5,20 Meter lang, Hubraum ohne Ende, das typische Gitter am vorderen Lufteinlass, wie es auch die Zweitürer der Siebziger hatten. Beinahe wäre der nächste Bitter eine verkleidete Corvette gewesen. Auch so eine Geschichte. "Ich hatte die Zusage von Bob Lutz", sagt er. Mit dem General-Motors-Patriarchen duzt er sich seit Jahrzehnten. "Ich wollte den Radstand verlängern und einen Viertürer draus machen", sagt der Mann, der bald 75 wird und von dem man sich fragt, wie er all die Rückschläge weggesteckt hat. Erst gab es Bedenken wegen des neuen Europa-Importeurs, den GM damals für die Corvette installierte, dann mochte Bitters Investor nicht mehr länger warten. Neuer Anlauf.

Von der Corvette blieb der Motor. Sechs Liter. Vom Holden die Karosseriestruktur. Den wuchtigen Vero wie einen anabolika-verseuchten VW Passat zu sehen, hieße, dem Auto bitter Unrecht tun. Die muskulösen Radausschnitte müssen sein, die verchromten 20-Zöller darunter vielleicht nicht unbedingt, das ist Geschmackssache. Statt einer Armada polierten Testwagen wie sonst stehen zwei Autos vor der Glastür des Hotels. Warten auf die Probefahrt.

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"In Australien braucht man keine Nebellampen"

"Der TÜV sagt, ein Alugitter am Kühlergrill darf nicht sein, also müssen wir ihn aus Plastik machen." Man hat nicht den Eindruck, dass Erich Bitter unter den Kompromissen leidet. Zu lange hat er auf die Verwirklichung seines Traumes gewartet. Die Kohlefaserhaube, die seitlichen Lüftungsschlitze, das dicke "B" tief unten über dem Asphalt - alles Original-Bitter. "Das Logo hat mir Butzi Porsche damals gezeichnet", sagt er. Auch so eine eherne Männerfreundschaft unter echten Car-Guys. Die Nebelschlussleuchten musste er extra bei einem deutschen Lieferanten bestellen, zwei brauchte er, eine kam mit der Post. "In Australien braucht man keine Nebellampen."

Aufpreisliste? Fehlanzeige

Knurrend verschafft sich das Sechs-Liter-Triebwerk Gehör. Wenn man daneben steht. Drinnen hört man fast nichts. Anschmiegsames Leder, wohin man sieht. Die Bezüge werden in Gera genäht, die Karosserieteile in Köln an- und umgebaut. Vielleicht kommt das geschwungene Bitter-Autogramm, das zwischen den Zylinderreihen prangt, auch noch auf den Deckel des Aschenbechers. Aufpreisliste? Fehlanzeige. Alles drin. Sogar das Entertainment-System mit Monitoren in den Kopfstützen. Luxuriös und Exklusiv waren Bitter-Autos immer. Rund 1000 hat er damals gebaut, als er vor mehr als 20 Jahren seine Produktion einstellte, verschaffte ihm und seinen 50 Leuten die Fertigung von VW-Prototypen ein Auskommen. Ein Sportwagen ist er nicht geworden, der Neue. Daran fehlen ihm die direkte Lenkung, das harte Fahrwerk. Dafür schaffen drei Meter Radstand ein gewaltiges Raumgefühl hinten, souverän gleitet die mit knapp 1900 Kilo erstaunlich leichte Fuhre durch den Verkehr. Der Tipp aufs Gaspedal entlockt dem V8 ein Fauchen, die vierflutige Abgasanlage lässt ein kerniges Röhren vernehmen. Der Druck auf die "Power"-Taste sorgt dafür, dass 530 Newtonmeter Schub ins Kreuz drücken und das Getriebe die Gänge bis über 6000 Touren ausdreht.

"Ich will ein kleines Restaurant bleiben"

Wer einen Bitter Vero besitzen möchte, braucht rund 122.000 Euro. Viel Geld. Bitter beschwichtigt: "Ein neuer Kotflügel kostet weniger als ein Viertel vom dem, was er zum Beispiel bei einem Maserati Quattroporte kostet", rechnet er vor. "Und den sieht man garantiert häufiger auf der Straße". Maximal drei Statesman pro Woche können seine Geschäftspartner umbauen. Siebzig Exemplare pro Jahr hält Bitter für realisiert, 30 braucht er, damit es kein Zusatzgeschäft wird. Exklusivität ist also garantiert. "Ich will ein kleines Restaurant bleiben", sagt er verschmitzt, "da kann ich nicht so viele Sitzplätze machen."

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