Fiat-Renaissance Ungewohnte Glücksgefühle

Bei Fiat ist man Kummer gewohnt, doch seit einiger Zeit laufen die Dinge verdächtig gut. stern.de sprach mit dem deutschen Fiat-Chef Manfred Kantner über das Gefühl, ein Auto anzubieten, das jeder liebt. So viele wollen den 500er besitzen, dass man auf die Schnelle gar mehr abbekommt.

Herr Kantner, mit dem 500er bieten sie ein hoch begehrtes Fahrzeug an. Ein Auto-Highlight, bei der Markteröffnung ging es bei vielen Händlern zu wie auf einem Volksfest. Können Sie bei FIAT derartige Gefühle überhaupt verarbeiten?

Es gab Zeiten, da kannten wir solche Gefühle tatsächlich nicht. Mit dem neuen 500er haben wir eines der Highlights. Ein Wagen, der in die Zeit passt, mit seinem Design, mit seinem sexy Aussehen, mit ihm treffen wir viele junge Menschen ins Herz. Wir sind sehr glücklich und freuen uns auf das Auto.

Wann durften sie das erste Mal den 500er sehen? Sollte man nicht lieber etwas Neues entwickeln als die Vergangenheit zu plündern? Macht man es sich nicht mit dem Retro-Look etwas einfach?

Vor zwei Jahren habe ich ihn gesehen, ich war sofort angetan vom Design. Es ist gar nicht so einfach, im Design eine Reminiszenz an die Vergangenheit zu realisieren, das ist ein schmaler Grat. Der neue Fiat 500 trifft bestimmte Details aber sehr genau, zum Beispiel die Front mit ihren Leuchten. Andere Details wie der Instrumententräger sind dagegen ganz modern gestylt. Der Wagen folgt zwar den Proportionen seines Urahnen, er ist aber deutlich größer geworden. Auch ein Kultauto kann man nicht einfach eins zu eins nachbauen. Das ist nicht der 500 von vor 50 Jahren - diese Gratwanderung ist gelungen.

Müssen Sie nicht befürchten, dass man denkt, der Wagen sei auch technisch einfach nur ein Nachbau?

Das Fahrzeug bietet soviel Substanz wie kein anderes seiner Klasse, der 500er hat sieben Airbags und ist das sicherste Auto seiner Klasse. Wir treffen mit unseren Motoren schon jetzt die künftige Euro 5 Normen und haben hervorragende CO2 Werte. Wir spüren wahnsinnige positive Reaktionen, weil unter der schönen Hülle modernste Technik steckt.

Der 500er hat viele Herzen erobert. Aber nun bluten die Herzen, wenn sie feststellen, dass man gar nicht so leicht einen bekommt.

Ja, der 500er ist eines der ganz wenigen Fahrzeuge, die zum Verkaufsstart teils teurer gehandelt wurden als in der Preisliste. Das zeigt die Begehrlichkeit des Fahrzeuges. Es gab Kunden, die ihn "blanko" gekauft haben, obwohl die genauen Preise noch nicht feststanden. Das ist ein sehr tolles und für uns bei Fiat auch ganz neues Gefühl. Die Kundschaft wartet auf das Fahrzeug. Richtig, wir werden damit viele Herzen und viele Kunden erobern.

Die jetzt eben gern ein Fahrzeug hätten …

Der 500er ist vor allem ein Imageträger und steht für die Werte der Marke, für die Kreativität und Leistungsfähigkeit von Fiat. Im Vordergrund steht also, dass wir viele Menschen für die Marke Fiat begeistern wollen, die dann sehen, was wir nach dem Turnaround des Konzerns zu bieten haben. Die Lieferzeit für den Fiat 500 wird dabei etwas über dem üblichen Rahmen bei etwa 3 Monaten liegen.

Nun ja, Huaptsache der Imageträger lockt die Leute erstmal zum Händler. Was unterscheidet die Geburt des Fiat 500 von der Premiere eines anderen Fahrzeugs?

Der neue Fiat 500 wurde am 4. Juli 2007, exakt 50 Jahre nach der Premiere des alten 500, vorgestellt. Es gibt also einen starken Link in die Vergangenheit. Andererseits wurden hier erstmals die Kunden lange vor der Einführung in die Entwicklung einbezogen: Auf der website "500 wants you" haben sich Millionen Interessenten informiert und aktiv an Aktionen wie "baby boom" beteiligt. Hier kamen sehr viele Anregungen, besonders für die Individualisierungen.

Fahrzeug-Indivdualiserung kennt man aus der Oberklasse und dem Premium-Kult-Modell "Mini". Wie wollen Sie als Massenhersteller das hinbekommen?

Es gibt tausende Varianten, die der Kunde zusammenstellen kann. Wichtig ist, dass man das in der Produktion abbilden kann. Beim 500er lag es nahe, denn auch in die historischen Modelle haben die Kunden viel Fantasie gesteckt, viele Umbauten und Erweiterungen realisiert. Dieses Auto regt dazu an, der 500er lädt dazu ein, aktiv zu werden. Wir sind stolz darauf, solche Möglichkeiten als erster Hersteller in einem Wagen in dieser Preisklasse anzubieten. Es gibt tatsächlich so viele Möglichkeiten, dass wirklich jeder seinen individuellen 500er bauen kann.

Profitiert Fiat davon, dass italienischer Style und italienisches Lebensgefühl so gefragt sind?

Italien ist sehr stark im Design, in der Mode. Die Deutschen neigen sehr zum italienischen Lebensgefühl, und heute trifft Fiat diesen Nerv wieder. Wir hatten dieses Gefühl leider eine Zeitlang verloren, aber in den letzten drei Jahren arbeiten wir gezielt daran. Unsere Fahrzeuge knüpfen am italienischen Flair an. Design spielt bei uns eine große Rolle, ist ein Stärke des Konzerns und überhaupt eine Stärke der Italiener. Design ohne Substanz führt aber nicht zum Erfolg, es muss auch Qualität dahinterstehen - dafür steht der 500.

Sie konzentrieren sich also auf das Image vom Schönen aus Italien?

Sicher nicht allein. Auch beim Thema "Umwelt" zeigen wir Flagge. Bei den Flottenverbräuchen sind wir ganz weit vorn, ohne dass bestimmte Forderungen an uns herangetragen werden, ohne einen großen Hype darum zu machen. Es ist eine ganz normale Erntwicklung, schonend mit den Ressourcen umzugehen. Letztendlich profitiert der Kunde davon. Wir zeigen, dass man mit moderner, umweltgerechter Technik auch schick unterwegs sein kann. Und das Ganze zu bezahlbaren und vernünftigen Preisen.

Aber zumindest beim 500er mit Lieferschwierigkeiten, oder kommen die Ihnen ganz gelegen?

Die Produktion läuft auf Hochtouren, aber wir wollen auch das Besondere am 500er erhalten. Wir wollen die Produktionskapazität natürlich der Nachfrage anpassen – bei der Qualität werden wir aber keine Kompromisse machen. Und die Preiswürdigkeit des Wagens soll erhalten bleiben.

Das sind schöne Vorsätze von Fiat. Einer Marke, die durchaus auch mal Wagen mit Rabatten an den Mann gebracht hat.

Wir bewegen uns alle in einem schwierigen, harten Marktumfeld, dem können auch wir uns nicht entziehen. Letztendlich geht es jedoch darum, dem Kunden in Angebot, Preis und Service ein faires Angebot zu machen.

Was macht die Politik in Deutschland falsch?

Die deutsche Politik muss die Unsicherheit der Konsumenten durch klare Aussagen und Perspektiven in der Steuerpolitik beseitigen. In Italien wurde eine klimaabhängige Steuer und gleichzeitig eine Verschrottungsprämie für besonders Umwelt belastende Autos eingeführt. Hier gibt es Klarheit für die Kunden und einen klaren Kauf-Anreiz. Ergebnis: Der Markt in Italien wächst. Wir haben bei Fiat in Deutschland diese Idee aufgegriffen, bieten unseren Kunden eine Umweltprämie, die nach den Abgaswerten des Gebrauchtwagens gestaffelt ist. In Deutschland gibt es auf den Straßen noch 12 Millionen Fahrzeuge mit Euro 1 und schlechter. Diese Alt-Stinker müssen weg, das bringt wirklich etwas für die Umwelt.


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