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Mille Miglia: Rasende Kaffeefahrt der Millionäre

Fans pilgern zur Mille Miglia wie Moslems nach Mekka. Das historische Straßenrennen durch Italien gehört noch immer zu den alljährlichen Highlights der Oldtimer-Szene. 1000 Meilen Fahrtwind und Fliegen im Gesicht. Am Wochenende durften Männer wieder Männer sein.

Vergessen wir mal für ein paar Tage so moderne Worte wie Klimadebatte, Katalysator und Kohlendioxid. Verdirbt einem eh nur den Spaß. Den wollen nicht nur 375 Männer und Frauen in ihren sündhaft teuren Kisten haben, sondern auch hundert Tausende entlang der Strecke durchs schönste Italien. Brescia-Rom-Brescia. 1600 Kilometer oder 1000 Meilen. Deswegen heißt sie Mille Miglia.

Jeden Mai herrscht Ausnahmezustand südlich der Alpen. Dieses Rennen zieht das halbe Land in seinen Bann. Auch wenn es kein richtiges Rennen mehr ist. So wie es früher einmal war. 1927 wurde die Mille Miglia ins Leben gerufen. Bis 1957, dann war Schluss. Ein Ferrari flog in die Zuschauer und riss zehn Menschen mit in den Tod. Längst waren die Autos zu schnell und die Straßen zu schmal geworden. Stirling Moss schaffte 1955 die Tour in etwas mehr als zehn Stunden. Unvorstellbar.

Heute nimmt sich der Oldtimer-Tross dafür zweieinhalb Tage Zeit. Sehen und gesehen werden. Wer gewinnt, ist nicht so wichtig. Meist ist es eh ein Italiener und meist heißt dieser Cané. Neun Mal siegte der Mann schon, ist so etwas wie der Schumi der Tifosi. Aber keiner beschwert sich. Jedenfalls nicht so richtig. Hauptsache, man ist dabei.

Ein wenig so wie damals

Wie damals sitzen auch heute noch die Menschen vor ihren Häusern, Kinder bekommen schulfrei, Bauern unterbrechen ihre Feldarbeit. Sie alle winken, erfreuen sich an den wunderschönen Autos, die sich vom langweiligen Einerlei der heutigen Zeit so wohltuend abheben wie Gründerzeitvillen von Plattenbauten. In jedem Quadratzentimeter Blech steckt noch die Leidenschaft des Designers und die geschickte Hand des Karosseriebauers. Jedem Oldtimer-Liebhaber geht hier das Herz auf. Forza, forza, schneller, schneller, hört man es von allen Seiten. Die Aston Martin und Ferrari, die Maserati und Mercedes können nicht laut und nicht nah genug an den Zuschauern vorbeidonnern.

Fieser Crash beim Driften

"Du hast beim Vorbeifahren einen Kloß im Hals, dir steht das Wasser in den Augen, im Menschen-Spalier berühren dich tausende Hände, schlagen dir aufmunternd von hinten gegen den Helm, mit sanfter Andacht, als seien wir Heilige", berichtet ein Teilnehmer. "Deine Gänsehaut ist noch das harmloseste."

Stilvoll Geld verlieren

Für dieses Gefühl kommen sie aus aller Welt, aus Nordamerika, Australien, Chile, Japan, Qartar und selbstverständlich aus ganz Europa. Skurrile Typen, Mittelmeer-Verdiener, Geld- und Autoadel, bisweilen auch richtiger Adel, Spinner, Schrauber, Enthusiasten und Exzentriker. Sie alle warten in Brescia brav auf die technische Abnahme ihrer Autos und auf die begehrte Startnummer. Stets wollen mehr als doppelt so viele dabei sein, wie zugelassen werden können. Deswegen wird ausgewählt, nach welchen Kriterien, weiß keiner so genau. Einzigartiges Auto, Vorjahressieg, was auch immer. Für alle gilt: Kein Auto älter als 1927 und jünger als 1957. Manche, so hört man, sollen versuchen, schon vorab ihre Nennung mit einem Blanko-Scheck zu garnieren, um mitfahren zu können. Denn Geld ist das letzte, was auf der Mille Miglia eine Rolle spielt.

Auch für diesen ergrauten Paul-Newmann-Verschnitt mit seiner locker hängenden Zigarre im Mundwinkel nicht. Fünf, vielleicht sechs Ferrari stehen daheim, so genau weiß er das im Augenblick nicht. Seinen Maserati, Wert mehrere Millionen Euro, hat er einfliegen lassen – für "lumpige 10 000 Dollar." Geld verdienen sei für ihn keine Herausforderung mehr. Viel interessanter ist es, die Dollars auf stilvolle Weise wieder loszuwerden. Und da ist die Mille Miglia doch ein wunderbarer Anlass.

Die größte Oldtimershow der Welt

"Was hier in drei Tagen auf dich einstürmt, erlebst du in hundert anderen Oldtimer-Rennen nicht", erzählt auch Hernandez aus Puerto Rico, der seinen seltenen Ferrari 225 S von 1952 weiter zur Abnahme schiebt. "Es ist das größte überhaupt. Mit Zuschauermassen, nach denen sich die Veranstalter der meisten klassischen Rennen die Finger lecken würden."

Klar, dass auch die Autohersteller die Werbewirksamkeit der Mille Miglia erkannt haben. Mercedes ist seit Jahren offizieller Sponsor und sichert sich dadurch natürlich so einige nette Startplätze, die unter anderem mit Promis besetzt werden können. Die Stuttgarter warten mit einer ganzen Armada an historischen Fahrzeugen auf, von denen besonders die monströsen Kompressor-Ungetüme aus der Nazi-Zeit für Aufsehen sorgen. Wesentlich eleganter sind da die zahlreichen Flügeltürer der Fünfziger Jahre. Eine offene Rennversion dieses Typs steuert Ex-Formel-1-Pilot Jochen Mass, der, wie er sagt, zum 16. Mal dabei ist.

Auch Audi kann das

Prominenz hat auch BMW zu bieten, die zumeist mit eleganten Vorkriegsmodellen der Serien 327 und 328 an den Start gehen, unter anderem pilotiert von Prinz Leopold von Bayern. Was die können, können wir schon lange, sagte sich ein dritter deutscher Premium-Hersteller: Audi. Schließlich haben auch die Ingolstädter Autobauer eine Renntradition und berühmte Namen wie zum Beispiel Bernd Rosemeyer (starb 1938) vorzuweisen. Einen von ihm gefahrener Auto-Union-16-Zylinder ließ Audi im VIP-Zelt von Chopard ausstellen. Fürs Rennen holte die "Audi Tradition" unter anderem einige wunderschöne Wanderer WK 25 aus dem Museum – und "verpflichtete" neben der belgischen Rennlegende Jacky Ickx auch Wetten-dass-Mann Thomas Gottschalk, einen dieser eleganten, offenen Zweisitzer (Baujahr 1938) 1000 Meilen durch Italien zu steuern. Gottschalk, bekennender Oldtimer-Fan ("Neue Autos haben für mich keine Erotik mehr") ließ sich das nicht zweimal sagen und erschien in verwaschenen Jeans, weißem T-Shirt und Strandmütze. "Ob er nicht Angst hätte, seinen Hut zu verlieren", fragte eine Zuschauerin. "Gegenwind ist mein Leben", antwortete der Entertainer und harrte geduldig der vielen Fotografen, die ihn umlagerten.

Wann kommt Paris?

Vielen Teilnehmern ist der Promifaktor bei der Mille Miglia mittlerweile schon zu hoch geworden. Ihnen geht es schlicht um ihr Hobby, nicht um Show-Business. Kommendes Jahr könnte es noch schlimmer kommen. Die Gerüchteküche brodelt. So war zu hören, dass ab 2008 eine Event-Agentur die komplette Organisation der Mille Miglia übernehmen wolle. Bislang lief das historische Rennen stets über den Automobilclub Brescia. Die Agentur soll im Minimum den doppelten Umsatz versprochen haben. Und sie will für noch mehr Prominenz sorgen. Die Mille Miglia könnte dadurch schnell ihren ursprünglichen Charakter verlieren – spätestens dann, wenn Paris Hilton am Start in Brescia auftauchen wird.

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