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Radfahren in Deutschland: Strampeln und leiden

Vergessen, weggehupt und geschnitten: Fahrradfahrer haben es hierzulande nicht leicht. Eine neue Studie zeigt, dass das Radfahren wichtiger wird - aber das Auto noch über allem thront.

Von Gernot Kramper

Das Fahrrad wird unterschätzt - immer noch. Die Verkehrsplanung drängt es an die Straßenränder, die öffentliche Wahrnehmung sieht im Rad ein Freizeitgerät, die Politik posiert ab und an mal gerne mit schicken Bikes, aber eine Lobby in Berlin hat das Rad nun wirklich nicht. Dabei wird es ein immer wichtigeres Verkehrsmittel: 41 Prozent der Deutschen fahren mehrmals pro Woche Fahrrad, 15 Prozent sogar täglich. Und das nicht nur zum Spaß: Rund zwei Drittel nutzen das Fahrrad für Einkäufe oder Erledigungen, 38 Prozent für den Weg zur Arbeit oder Ausbildungsstätte. Damit ist das Rad relevanter als Bus und Bahnen. Das sagt die "Studie Fahrrad-Monitor Deutschland 2011", die das Meinungsforschungsinstitut Sinus aus Heidelberg in Zusammenarbeit mit dem "Allgemeinen Deutschen Fahrradclub" (ADFC) erstellt hat. Bereits zum zweiten Mal wurde so die Situation der Radfahrer hierzulande untersucht.

"Für Radfahrer herrscht insgesamt kein angenehmes Verkehrsklima in Deutschland", sagte die stellvertretende ADFC-Bundesvorsitzende Sabine Kluth bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Von der Politik wünschten sie sich deshalb vor allem mehr und bessere Fahrradwege, aber auch Kampagnen für ein besseres Miteinander der Verkehrsteilnehmer. Großes Vertrauen besteht jedoch nicht: Nur zehn Prozent schätzen die Bundesregierung als fahrradfreundlich ein, fast ein Drittel als ausgesprochen unfreundlich. Dabei wurden nicht nur Radfahrer befragt, es handelt es sich bei der Studie um eine repräsentative Umfrage unter allen Deutschen.

Reichweitenproblem

Damit das Auto in Zukunft häufiger stehen bleibt, müsste einiges passieren. Die schlechten Akzeptanzwerte der öffentlichen Verkehrsmittel erweisen sich als Hemmschuh für das Ziel "weniger Auto". Der öffentliche Nahverkehr hinkt den Erwartungen hinterher. Auf die Frage, warum sie nicht mehr Rad führen, sagten die Befragten bei Wegen zur Arbeit 'zu weit' und 'zu langsam'. Kluth: "Um Autofahrer zum Umstieg zu bewegen, müssen daher bessere Angebote geschaffen werden: Mehr Fahrradstellplätze an Bahnhöfen, bessere Radwege oder ausreichende Fahrradmitnahmemöglichkeiten im Nahverkehr."

Auf dem Land begrenzt die Reichweite den Einsatz des Rades. Die durchschnittliche Wegstrecke, die in Deutschland nur mit dem Rad zurückgelegt wird, misst 5,4 Kilometer. Wenn das Radfahren aber mit Bus und Bahn kombiniert wird, steigt die Reichweite auf fast das Doppelte, nämlich auf 10,4 Kilometer. 41 Prozent der Befragten findet die Mitnahme des Fahrrads in Nahverkehrszügen daher sehr wichtig. Und bereits jeder Dritte kombiniert die Fahrt mit dem Fahrrad mit öffentlichen Verkehrsmitteln, doch zufrieden mit den Mitnahmemöglichkeiten und der Abstellsituation sind die Befragten nicht.

Fahrräder mit Elektromotor entschärfen die Reichweitenproblematik des Drahtesels auch ohne den Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr. Von deren Boom profitiert die Fahrradbranche seit Jahren, und weiteres Potenzial scheint unbegrenzt vorhanden zu sein: Fast jeder hat von den Elektro-Rädern gehört, aber nur acht Prozent haben jemals eins ausprobiert. Fast die Hälfte aller Befragten findet den Kauf eines E-Bikes interessant.

Fieser Crash beim Driften

Schlechtes Netz an Radwegen

In den Großstädten sieht die Lage anders aus, hier limitiert nicht die Reichweite den Einsatz des Rades, sondern der schlechte Zustand der Radwege. Kluth: "Wer in der Großstadt wohnt, kommt mit dem Fahrrad bei Entfernungen von bis zu fünf Kilometern am schnellsten ans Ziel. Die Städte sollten diese Möglichkeiten nutzen und den Radverkehr umfassend durch bessere Wege, fahrradfreundliche Ampelschaltungen und mehr Fahrradparkplätze fördern.“

Etwa die Hälfte der Radfahrer in Deutschland fühlt sich im Straßenverkehr unsicher. Sie wünschen sich mehr und bessere Radwege. Ob die Helmpflicht der richtige Weg ist, muss bezweifelt werden. Trotz des Schutzes sind Helme extrem unbeliebt. Nur jeder Achte trägt beim Radfahren konsequent einen Helm. In Großstädten gaben 61 Prozent der Befragten an, nie einen zu tragen.

Am liebsten mit dem Auto

Trotz der Akzeptanz ist das Rad nicht das Verkehrsmittel der Herzen. Die Studie weist aus, dass das Auto die Beliebtheitsskala der Verkehrsmittel mit der Note 1,6 unangefochten anführt. Fünf von sechs Bundesbürgern (86 Prozent) gaben an, das Auto sehr gerne oder gerne zu nutzen. Die Unkenrufe über das Ende des Autozeitalters sind zumindest verfrüht. Auch die Vorstellung, dass der Autofahrer ununterbrochen von Baustellen, Dauerstau und Parkplatznot gequält wird, findet in den Antworten der Befragten keine Entsprechung.

Das Auto wird weiterhin das Wunschverkehrsmittel der überwiegenden Mehrheit bleiben. Die Kostenersparnis spricht allerdings für das Rad – in Zukunft vermutlich noch mehr als heute. Das größte Eroberungspotenzial hat das Fahrrad bzw. das E-Bike jedoch gegenüber dem öffentlichen Nahverkehr. In der Beliebtheit liegt das Rad deutlich vor Bus und Bahn, mit ihnen fährt die Mehrheit nicht besonders gern, nur 40 Prozent geben den öffentlichen Verkehrsmitteln gute Noten.

mit Agenturen
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