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Veraltete Verkehrskonzepte Wilde Radler auf maroden Wegen


Auch wenn die Unfallzahlen sinken - Radfahrer leben gefährlich. Teilweise sind sie selbst schuld, Hauptproblem ist aber ein Verkehrskonzept, das die Radler nicht ernst nimmt.
Von Gernot Kramper

Wenn jeder Radfahrer das Auto nehmen würde, hätte das den sofortigen Verkehrsinfarkt zur Folge. Bei 14 Prozent liegt inzwischen der Radleranteil am städtischen Verkehr – Tendenz steigend. Gesundheitsbewusstsein, Umweltschutz, geringe Kosten und neue Technologien wie das Elektrorad fördern die Radbegeisterung. Doch wie sieht es mit der Sicherheit aus?

Der "Städtecheck 2011 Fahrradsicherheit" des alternativen Verkehrsclubs Deutschland (VCD) zeigt ein zwiespältiges Bild. Das Positive: Die Zahl der Unfälle geht zurück – im Bundesdurchschnitt in den vergangenen fünf Jahren um 2,5 Prozent. Und das bei zunehmendem Radverkehr. Negativ: Da die Zahl der Unfälle mit Verletzten insgesamt rückläufig ist, bleibt der Anteil verunglückter Radfahrer verglichen mit anderen Verkehrsteilnehmern sehr hoch. Sie verunglücken im Durchschnitt 2,3 mal so oft. Hinzu kommt, dass die Dunkelziffer von nicht erfassten Radunfällen sehr viel höher ist als bei Kraftfahrzeugen. Fast jeder Autounfall wird der Versicherung gemeldet.

Zumal die Unfallfolgen für Radfahrer häufig gravierend sind. "Ein Radfahrer ist leider ein ungeschützter Verkehrsteilnehmer", sagt Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer. "Wenn es zu einem Radunfall kommt, ist die Wahrscheinlichkeit schwerer Folgen sehr hoch." Eine Entwarnung kann also nicht geben werden.

Stellschraube Verkehrsplanung

Ein Rad wird auch in Zukunft nicht den Schutz bieten können, wie er im Auto selbstverständlich ist. Die Studie des VCD zeigt aber, dass die Kommunen die Gefährdung der Radfahrer deutlich verringern - oder auch massiv erhöhen können. Die Daten von 43 Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern wurden vom VCD ausgewertet. Sicher fahren die Radler in Oldenburg, Erfurt oder Hamburg. Hier sank der Anteil der verunglückten Radfahrer um je über sechs Prozent beziehungsweise 3,6 Prozent in Hamburg. In neun Städten leben Radfahrer allerdings gefährlicher als früher. Zu den rad-unfreundlichen Städten gehören München, Augsburg, Erlangen, Kassel und Osnabrück.

Damit das Radfahren sicherer wird, muss vor allem die Infrastruktur ausgebaut werden, fordert Anja Hänel, VCD-Verkehrsreferentin. In Städten, in denen das Rad als Verkehrsmittel angenommen wird, stoßen die vorhandenen Wege an die Grenzen. Dabei käme es nicht nur auf die Beläge und Schlaglöcher an, so Hänel. Häufig müsse die ganze Verkehrsführung auf den Prüfstand. "Radfahrer bewegen sich mit eigener Muskelkraft fort und reagieren empfindlich auf unnötige Stopps und Umwege", sagt Hänel. Streckenführungen mit drei Ampelstopps an einer Kreuzung provozieren Regelverstöße. "Bußgelder helfen wenig." Man müsse sich ansehen, warum die Verkehrsführung nicht funktioniere.

Nicht für die Zukunft gerüstet

Deutschland hat in dieser Beziehung deutlichen Nachholbedarf. Wie aktive Fahrradförderung aussehen kann, machen die Niederlande und die skandinavischen Länder vor. In Deutschland hingegen entsprechen viele ältere Radwege nicht einmal den bescheidenen gesetzlichen Standards. "Die alten schmalen Radwege sind enorm gefährlich, weil sie keine Möglichkeit zum Ausweichen lassen," kritisiert Hänel, "etwa wenn ein unachtsamer Autofahrer plötzlich die Tür öffnet."

Moderne Radwegkonzepte müssten berücksichtigen, dass Radfahrer unterschiedlich schnell unterwegs sind. 200.000 Fahrräder mit Elektroantrieb wurden allein im letzten Jahr verkauft. Die schnelleren E-Bikes beschleunigen auf 40 km/h, aber auch mit den langsameren Pedeldecs erreichen untrainierte Radler, die mit Muskelkraft höchstens 15 km/h schaffen, mühelos 25 km/h. "Sportliche Berufspendler und die Verbreitung von Pedeldecs mit Elektroantrieb werden zu sehr viel mehr Überholvorgängen als früher führen", warnt Hänel. Das sei im Moment in der Konzeption überhaupt nicht vorgesehen. Die Wege müssten daher entsprechend ausgebaut werden.

Um die Verkehrssicherheit der Radfahrer zu erhöhen, fordert der alternative Verkehrsclub zudem ein striktes innerstädtisches Tempolimit von 30 km/h, weil die Angleichung von Auto- und Radgeschwindigkeit die Unfallgefahr mindere.

Die Stammtischparolen von "Fahrradterroristen" deckt die Statistik übrigens nicht: Die meisten "gemischten" Unfälle und die mit den schlimmsten Folgen werden von Autofahrern und nicht von Radfahrern verursacht. Gleichwohl sieht der VCD einen Nachholbedarf bei der Verkehsrerziehung – auch bei Radfahrern. Eine Notwendigkeit, die auch die Unfallforscher der Versicherer betonen. In der öffentlichen Wahrnehmung ständen die Unfällle Rad vs. Auto im Fokus, so Siegfried Brockmann. Er verweist auf Studien in der Fahrradhochburg Münster. Kollisionen von Fahrradfahrern mit anderen Radlern sind dort keine Seltenheit. Häufig geschehen sie wegen des Befahrens der falschen Fahrbahn. Auch Anja Hänel moniert, dass Fahren unter Alkoholeinfluss bei Radlern nach wie vor als "Kavaliersdelikt" gilt.


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