US-Markt Minis statt Big-Foots


Pragmatismus zeichnet die Amerikaner aus. Seit die Hypothek fürs Häuschen nicht mehr zu halten ist und der Spritpreis täglich steigt, sind SUVs abgemeldet. Die US-Autokäufer reißen sich um die Kleinwagen.
Von Helmut Werb

"Sch….!", entfuhr es dem Jugendlichen, der seinen Pickup-Truck an der Raststätte an der kalifornischen I-5 auftankte, der Hauptverbindungsader zwischen Los Angeles und San Francisco. Während mein Toyota Yaris mit grade mal 45 Dollar vollgetankt war, klingelte bei meinem Truck-betankenden Sympathisanten die Kasse beim Stand von 80 Dollar noch kräftig vor sich hin. So etwas tut weh: 70 Cent für einen Liter Benzin kommt Europäern zwar vor wie ein paradiesischer Traum aus längst vergangenen Zeiten, für den Autofahrer in Barstow ist der Preis jedoch ein übler Schock. Noch vor zwei Jahren kostete der heftigst gefragte Sprit grade mal die Hälfte, und der ungeliebte Präsident Bush versuchte mit fernen Wasserstoff-Fantasien für sich zu punkten.

Mittlerweile sind die Verkäufe von Benzin-verschlingenden Ungeheuern, wie dengigantischen SUVs, gefahren meist von kleinwüchsigen Frauen, und Achtzylinder-getriebenen Luxuslimousinen, chauffiert vom männlichen Equivalent, dramatisch eingebrochen, George W. hin oder her. Die Verkäufer von Kleinwagen, ach was Kleinstwagen, hingegen reiben sich die Hände, denn die Strassenzwerge gehen weg wie sprichwörtliche warme Rennsemmel. Das will was heissen für die Amis, die kompaktere - und darob auch spritsparende - Transportmittel bis dato eher als mickrigen Kinderkram verschmähten. Al Gore und seine Erderwärmung, vor allem aber der für amerikanische Verhältnisse horrende Preis von vier Dollar pro Gallone Normal (wie in San Francisco), haben den US-Konsumenten jedoch eines besseren belehrt - und das kommt zumeist aus Japan.

Die Gewinner

Toyota Prius

+53,8%

Honda Fit

+54%

Toyota Yaris

+46%

Chevrolet Malibu

+43,3%

Ford Focus

+32,4%

Nissan Altima

+28,1%

Chevrolet Cobalt

+15,5%

Dramatischer Segment-Umschwung

Die Abverkäufe des Honda Fit (in Deutschland als Jazz auf dem Markt) stiegen in einem Jahr um atemberaubende 54 Prozent, der Toyota Yaris schaffte beachtliche 46 Prozent jährliche Zuwachsrate, und selbst der Ford Focus, eine eher biedere Gestalt im Feld der Benzingeizhälse, konnte 32 Prozent zulegen. Die Verkäufe des Chevrolet Silverados hingegen, eines Viertonnen-Trucks und bis vor kurzem bevorzugtes Transportmittel des wahren amerikanischen Mannes, brachen um fast 31 Prozent ein. Dem Konkurrenten von Ford mit seinem F-Serie Trucks, bis noch vor nicht allzu langer Zeit der Renner in Fords Modellpalette, ging es mit einem Eunbruch um 27 Prozent auch nicht viel besser.

Die Verlierer

Chevrolet Silervado

-30,5%

Ford F-Serie

-27%

Dodge Ram

-29,1%

Chevrolet Impala

-12,4%

Dodge, der Dritte im Bund der grossen US-Autohersteller, krachte mit 29 Prozent weniger verkaufter Dodge Ram Pickups ein, was dem schwäbischen Vorbesitzer einen grossen Seufzer der Erleichterung ob der rechtzeitigen Bestandsreduzierung entrungen haben dürfte: die roten Dodge-Zahlen können jetzt andere schlucken. "Das ist mit Abstand der dramatischste Segment-Umschwung, den ich in meiner 31jährgen Karriere erlebt habe", sagte George Pipas, Ford’s Chef-Verkaufsanalyst, der New York Times.

Erstaunliche Verkaufszahlen

So was geht ans Eingemachte, denn die fetten Pickup-Trucks bringen den Autofirmen entsprechende Gewinne, während das Klerinvieh zwar auch Mist macht, aber eben nur in deutlich kleineren Häufchen. So was hat aber auch Lichtseiten - vor allem für deutsche Autobauer mit ein wenig Weitblick. Die Vorbestellungen für den Smart, der nach langen Kämpfen endlich in die Verkaufsräume zwischen Los Angeles und New York kommt, sind vielversprechend, und sie wären noch um einige profitable Stückzahlen höher, hätte die amerikanische Presse nicht süffisant über nicht allzu glücklich verlaufende Crash-Tests berichtet. BMWs Mini brachte es in überraschend kurzer Zeit zu erstaunlichen Verkaufszahlen, und das obwohl der Preis des auch in den USA als Kultmobil verschrienen Schuhkartons die Höhe von Chevrolets Mittelklassemodellen locker überschreitet.

Die hohen Spritpreise haben - wen wundert’s, immerhin sind die Amis mitten in einem hart umkämpften Wahlkampf - nun auch die Politiker auf den populistischen Plan gerufen. Hillary Clinton plädierte in höchster Not für einen sogenannten "Gas Tax Holiday". Demnach soll in der amerikanischen Urlaubszeit von July bis Ende August die Benzinsteuer zusammengestrichen werden, um die Preise zumindest stabil zu halten - was im Herbst, nach den Wahlen passieren soll, liess die tapfere Frau erst mal offen. Ihr demokratischer Gegner Barak Obamawies den Plan als absurd zurück (wohl weil der im Vorwahlkampf die Nase recht weit vorne hat), eine Äusserung, die er eventuell bereuen könnte, wenn er im Sommer gegen den republikanischen Kandidaten McCain antreten wird, der wiederum den Plan Hillarys lautstark als seinen eigenen verkauft.

Spartrend

Für die Al Gores dieser Welt hat der neue Spartrend unter den amerikanischen Konsumenten jedoch etwas durchaus Erfreuliches. In Kalifornien alleine wurde nach Informationen des Oil Price Information Service, einem Informationsdienst der Ölindustrie, im Januar dieses Jahres vier Prozent weniger Benzin verkauft als im Jahr zuvor, was sich in beachtliche 220 Millionen Liter in den Tanks des Schwarzenegger-Staates übersetzen lässt. Selbst bei "nur" vier Dollar die Gallone kommt da ein hübsches Sümmchen zusammen.

(Verkaufszahlen im Monat April 08, verglichen mit dem Vorjahreszeitraum); Quelle: autodata


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker