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T. Ammann: Mobile Zeiten: Tesla hat gewaltigen Ärger, doch es könnte noch schlimmer werden

Die Marke Tesla profitierte lange von seiner Strahlkraft. Nun gerät der Elektroautopionier zunehmend unter Druck: Die Börsenaufsicht brummt Elon Musk eine Millionenstrafe auf, deutsche Hersteller schlagen mit einer neuen Generation von E-Autos zurück. Für Musk könnte es ungemütlich werden, meint Thomas Ammann.

Tesla-Gründer Elon Musk gerät unter Druck

Tesla-Gründer Elon Musk gerät unter Druck

Man muss schon ziemlich verrückt sein, um sich einen Tweet mal eben 20 Millionen Dollar kosten zu lassen, und man muss ziemlich verrückt sein, um auf eigene Kosten Raketen ins All zu schießen, mit denen irgendwann der Mars erobert werden soll. Beides leistet sich Elon Musk - und auf die Frage: "Warum?" ist vermutlich die passende Antwort: "Weil er es sich leisten kann."  

Mit seinen verrückten Ideen hat der 47-Jährige die Welt bislang schon ganz schön aufgemischt. Mit PayPal schuf er den universalen Bezahlstandard im Netz, mit SpaceX macht er der US-Raumfahrtbehörde Nasa ernsthaft Konkurrenz, mit Hyperloop will er Passagiere in unterirdischen Röhren mit mehr als 1000 Stundenkilometern durch die Gegend schießen, und mit seiner E-Autofirma Tesla zeigt er den versammelten etablierten Autokonzernen, was eine Harke ist. Während sie noch über Konzepten für die Elektromobilität gebrütet hatten, war Musk schon mal vorgeprescht.

Seine irritierende Ankündigung, dass er Tesla von der Börse nehmen will - was wohl als Witz gemeint war - hat ihm jetzt 20 Millionen Dollar Strafe von der US-Börsenaufsicht SEC eingebracht, und dem Unternehmen gleich nochmal soviel. Eine Teilentmachtung als Chairman von Tesla für die nächsten drei Jahre muss er auch noch in Kauf nehmen, was den Mann mit dem übergroßen Ego erheblich mehr schmerzen dürfte als die Millionenstrafe. Die kann der Multimilliardär leicht verkraften. Und außerdem ist der Börsenkurs von Tesla nach der Ankündigung der Personalie erstmal kräftig nach oben geschossen.

Tesla lebt von der Strahlkraft

In gewöhnlichen Zeiten ist Tesla an der Börse etwa so viel Wert wie der BMW-Konzern, was in etwa das Problem beschreibt, das die altehrwürdigen, teils mehr als hundert Jahre alten Autofirmen mit dem Newcomer aus dem Silicon Valley haben. Tesla hat in den knapp anderthalb Jahrzehnten seines Bestehens zwar noch nie einen Dollar Gewinn gemacht, dennoch entwickelte die Marke eine unglaubliche Strahlkraft, und das nicht nur, weil es Hollywoodstars eine Zeit lang schick fanden, mit dem Tesla S am Roten Teppich vorzufahren. Von der Sportlimousine wurden seit der Vorstellung 2012 rund 250.000 Exemplare verkauft, das familientaugliche Model X fand bislang rund 100.000 Käufer.

Die Elektroautos von Tesla standen und stehen in Kalifornien, dem US-Staat mit den strengsten Abgasregeln, für all das, was die etablierten Konzerne lange Zeit nicht bieten konnten: Null Emissionen durch Elektromotoren, Nachhaltigkeit, Vernetzung und Digitalisierung. Teslas waren so cool und begehrt wie Apples iPhone. Dass gelegentlich ein Tesla in Flammen aufging oder im autonomen Fahrbetrieb einen tödlichen Unfall produzierte, konnte den Glanz der Marke nicht weiter trüben. 

Tesla gerät unter Druck

Wenn allerdings nicht alles täuscht, kommt Tesla jetzt nicht nur durch die Börsenaufsicht SEC unter Druck. Die großen Autofirmen wie Jaguar, Mercedes, Volvo und Audi haben jetzt endgültig die Jagd auf den respektlosen Neuling eröffnet, der ihnen lange genug auf der Nase herumgetanzt ist. Auf dem Pariser Automobilsalon, der in dieser Woche eröffnet wird, schlägt das Imperium zurück, um einen etwas abgelutschten Begriff zu bemühen.

Denn auch wenn sie es immer weit von sich gewiesen haben: Tesla war in den Entwicklungsabteilungen der großen Konzerne die "Benchmark", der Wettbewerber (zuweilen auch Angstgegner), an dem sie sich orientierten. Einige Teslas dürften von den Konkurrenten bis auf die letzte Schraube zerlegt worden sein, Mercedes ging ja offenbar so weit, sich verdeckt ein Auto zu mieten, um nicht zugeben zu müssen, dass man auch in Stuttgart Nachholbedarf in Sachen Elektromobilität hat.

"Hatte", muss man sagen, denn in Paris kommt Mercedes jetzt mit dem ersten E-Auto einer neuen Generation, dem EQC, Audi stellt den e-tron vor, und Jaguar hatte schon vor einigen Monaten den i-Pace vorgestellt. Alles drei Modelle, die schon in der Grundausstattung zwischen 70.000 und 80.000 Euro kosten und damit immer noch etwas günstiger sind als die Spitzenmodelle von Tesla, und die alle ein Grundkonzept teilen: Es sind SUV mit einem mehr oder weniger konventionellen Karosseriekonzept. Das hat seinen Grund, denn die weichgespülten Geländewagen sind die derzeit weltweit am besten zu vermarktende Fahrzeugkategorie. Die Zeit der Nischenfahrzeuge, wie zum Beispiel der skurrile BMW i3, so scheint es, ist vorbei.

Die Preise werden purzeln

Sie haben lange gebraucht, aber jetzt kommen sie mit Macht. Sie können auch gar nicht anders, weil immer strengere gesetzliche Vorgaben bei den CO2-Emissionen sie dazu zwingen. Reine Elektroautos werden mit "zero emission" berechnet und gleichen die Bilanz der Hersteller aus, die ihre schweren Modelle mit Verbrennungsmotoren noch eine ganze Zeitlang bauen werden.

Dennoch: Weitere neue E-Modelle von Mercedes, Audi, Porsche und Volkswagen werden bald folgen, und spätestens mit dem Einstieg der Massenhersteller werden auch die teilweise exorbitanten Einstiegspreise purzeln. Und wenn die neue Generation der E-Autos in Fahrleistungen, Reichweite und Ladezeiten nicht nur mit den Teslas, sondern auch mit herkömmlichen Antrieben konkurrieren können oder, besser noch, ihnen überlegen sind, dann könnte sich das Blatt rasch zugunsten der "alten" Hersteller wenden.

Tesla wird dann noch mehr unter Druck geraten. Elon Musk könnte sich bald sehnsüchtig an die Zeiten erinnern, in denen er "nur" die Probleme mit der Börsenaufsicht hatte.

Thomas Ammann

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