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Trend Elektro-Motorroller Ach, wenn wir doch ein wenig wie China wären...

Hau weg, den Scheiß! Aufgrund des katastrophalen Smogs in der chinesischen Metropole Guangzhou, ließ Peking einfach mal alle Motorroller mit Benzinmotor beschlagnahmen und verschrotten. Das Bild zeigt nur einen winzigen Ausschnitt aus dem riesigen Schrottplatz mit zehntausenden Motorrollern. Nach einem Jahr ging die Feinstaubbelastung um 80 Prozent zurück. 
Hau weg, den Scheiß! Aufgrund des katastrophalen Smogs in der chinesischen Metropole Guangzhou, ließ Peking einfach mal alle Motorroller mit Benzinmotor beschlagnahmen und verschrotten. Das Bild zeigt nur einen winzigen Ausschnitt aus dem riesigen Schrottplatz mit zehntausenden Motorrollern. Nach einem Jahr ging die Feinstaubbelastung um 80 Prozent zurück. 
© Zhu Min/DPA / Picture Alliance
Wer ihn fährt, schwört auf ihn: den Motorroller. Doch die Dinger sind lärmende Umweltschweine und rollende Gesundheitsrisiken. Was man am besten aus ihnen macht, zeigen die Chinesen. Zum Wohle aller!

Von Henry Lübberstedt

Was ist praktisch im Stadtverkehr, stinkt, ist laut und eine echte Umweltsau? Richtig, der Motorroller. Die Zweitakter pusten so viel Schadstoffe aus ihren Auspuffröhrchen, dass selbst ein alter Diesel mit dem Umweltengel ausgezeichnet werden müsste. In so manchen Moped-Städten in Asien und Südeuropa sind längst nicht mehr Autos oder Lastwagen die Hauptschuldigen am Smog, sondern die zehntausenden kleinen Zweiradstinker. Nach Untersuchungen des Schweizer Paul-Scheerer-Instituts entfallen etwa in Bangkok nur zehn Prozent des Treibstoffverbrauchs auf Zweiräder, sie verursachen aber 60 Prozent des Feinstaubs. Vom Lärm ganz zu schweigen. So manche chinesische Stadt ist an ihnen im Wortsinn erstickt, bis Peking die Reißleine zog. So wurden in Guangzhou sämtliche Scooter verboten, wodurch die Feinstaubbelastung um 80 Prozent sank. Der Elektro-Motorroller wurde Pflicht.

Im Gegensatz zu Rom knattern heute in den größeren chinesischen Städten keine Roller mit Verbrennungsmotoren mehr durch die Straßen, in China wird gesurrt und gesäuselt. Millionenfach. Allein im vergangenen Jahr wurden im Reich der Mitte 20 Millionen E-Motorroller verkauft. Ohne staatlichen Druck hätte der umweltfreundliche Antrieb wahrscheinlich noch Jahre bis zum Erfolg gebraucht. Kein Wunder also, dass die größte Innovationskraft in Sachen Motorroller-Antrieb gerade aus China kommt.

E-Auto Nissan Leaf, E-Motorroller Niu N1s und ein E-Tretroller.

Der E-Roller als sauberes Pendler-Mobil

Und auch für so manche europäische Stadt könnten die wendigen Stromer die Lösung im Kampf gegen verstopfte Straßen, Parkplatznot, Lärm und Feinstaub sein. E-Roller füllen die Lücke zwischen Auto und  Fahrrad, also jenen Strecken um die zwölf Kilometer, die zu kurz für das Auto und zu anstrengend mit dem Rad sind.

Der E-Roller hat gegenüber seinen Altvorderen das Zeug zum perfekten Pendler-Mobil: keine stinkenden Abgase, praktisch kein Lärm, 80 Cent Stromkosten auf hundert Kilometer, sehr wartungsarm da die vielen beweglichen Teile eines Verbrennungsmotors fehlen. Ein Parkplatz ist schnell gefunden und fast alle Rollermodelle lassen sich dank der tragbaren Akkus an der heimischen Steckdose aufladen. Innerhalb der Stadt fällt auch das Reichweitenproblem kaum mehr ins Gewicht. Die meisten E-Roller schaffen mit einer Akku-Ladung 50 tatsächliche Kilometer. Zudem reicht ein Autoführerschein oder der Führerschein der Klasse M, da die meisten E-Scooter technisch auf 45 km/h begrenzt sind.

 Wenn es so viele Vorteile gibt, warum haben sich die E-Roller nicht längst durchgesetzt? Das liegt am Preis. Peugeot brachte bereits 1995 einen E-Scooter auf den Markt, doch die große Gegenliebe beim Kunden blieb aus. Rund 3800 Euro waren ein Wort, wenn man damals einen Verbrenner für die Hälfte bekam. Kaum einer der großen europäischen Hersteller durchbricht bis heute diese Kalkulation.

Vespa-Erfinder Piaggio peilt für seine elegante Vespa Elettricia 5000 Euro an. Den ganz auf den Geist der 50er Jahre getrimmten edlen "Kumpan" der "e-bility"-GmbH aus Deutschland gibt es ab rund 3900 Euro. In die gleiche Design-Kerbe schlägt Emco mit dem Nova zum Preis von 3800 Euro aufwärts. Ostalgie-Fans können auf einer Elektro-Schwalbe cruisen, sofern sie rund 5000 Euro-(West) dafür übrig haben. Und wer in den 80er Jahren im Westen der Republik aufgewachsen ist, dürfte sich über die Wiederauferstehung der Kultmarke Kreidler in Form der e-Florett 3.0 freuen, für die 3900 Euro verlangt werden. Für den Meijs Motorman, ein schickes E-Mopped ganz im Stil der 30er Jahre Motorräder, erwartet der Hersteller satte 5700 Euro vom städtischen Hipster.

Unu und Niu - günstig und gut

Doch es kommt derzeit ordentlich Bewegung in den Markt. So bietet das Berliner Startup Unu seinen schicken City-Roller schon ab 1800 Euro an. Unschlagbar, hat allerdings einen Haken: Für den Preis gibt es nur die 1000-Watt-Variante. Die fährt zwar auch in der Spitze 45 km/h, doch der Weg dahin dauert mit 17 Sekunden ewig. Insbesondere wenn der Fahrer mehr als 85 Kilo wiegt. Mehr Spaß bringen da eindeutig das Standard-Modell mit 2000 Watt für 2300 Euro oder die Premium-Ausstattung mit 3000 Watt für 2800 Euro. Für alle, die in Gegenden mit ordentlichen Steigungen wohnen, verbieten sich ohnehin Motorisierung von unter 1500 Watt: Man käme so manchen Hügel nicht mehr hoch.

Während sich Uno am klassischen Roller-Design orientiert, geht der chinesische Hersteller Niu in der Formensprache mutigere Wege. Klare Kanten, reduziertes doch gefälliges Design, kein Spielkram oder übertrieben futuristischer Look. Das 2015 gegründete Start-Up Niu sieht sein Gefährt als Ausdruck eines Lebensgefühls der Digital-Natives. So ist die mitgelieferte App eine Art Roller-Tracker. Sie zeichnet Fahrverhalten und zurückgelegte Strecken auf und alarmiert den Besitzer, wenn der Roller in seiner Abwesenheit bewegt wird. Dank GPS-Sender wird der Standort des Rollers angezeigt.

Der knapp 2700 Euro teure Niu N1s hat als einer der wenigen Roller seinen Akku um Fußraum, damit bleibt unter der abschließbaren Sitzbank Platz für den Helm, Taschen oder gar kleine Einkäufe. Da der E-Motor direkt das Hinterrad antreibt, sind alle Roller recht fix am Start. Der Niu ist jedoch eine Rakete. Schon ein kleiner Dreh am Gasgriff und der 95-Kilo-Scooter schießt nach vorn. Das treibt einem an der Ampel das Grinsen ins Gesicht, doch im Stopp-and-Go-Verkehr wird es anstrengend. Der erst vor wenigen Wochen vorgestellte Niu M1 ist noch reduzierter und wiegt nur noch 58 Kilo. Reichweite bis zu 80 Kilometer mit einer Akkuladung. Niu hat als einer der wenigen chinesischen Hersteller klar den europäischen Markt im Visier. 

Einer freut sich fast immer: Bosch

Ob nun Uno oder Niu – einer freut sich über jeden verkauften Roller der beiden Marken: Bosch. Die Stuttgarter stellen die Motoren und Steuergeräte her. Der Zulieferer hat sich in Sachen E-Mobilität längst in Position gebracht. Bereits 2012 stiegen die Schwaben in das Gemeinschaftsunternehmen Ningbo Polaris ein, die vor allem den riesigen chinesischen Markt mit E-Motoren für Roller beliefert. Und über seine Tochter Coup zusammen mit dem E-Roller-Hersteller Gogoro aus Taiwain zieht Bosch eine Flotte von Miet-Rollern in Berlin und Paris hoch.

Wäre doch schön, wenn auch deutsche Großstädte ein wenig mehr wie China wären. Also, nur von den E-Rollern her.


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