HOME

Unterwegs in Sibirien: Land ohne Ketten und Eis

"Wo es endet, wissen nur die Zugvögel", schrieb Anton Tschechow über Sibirien. Der 'Landstrich', der einen Wald von der Größe Indiens beherbergt, strotzt vor überwältigenden Naturschönheiten.

Matthias Schepp

Sibirien und Motorradfahren, das sind zwei Worte, die nicht in einen Satz gehören. Sibirien, das klingt nach ewigem Frost und Verbannung. Das ist eigentlich ein eigener Kontinent, der die beiden Kontinente Europa und Asien miteinander verbindet. Der Dichter Maxim Gorki beschrieb die gewaltige Masse als "Land von Ketten und Eis". Denn im Gulag, dem vom sowjetischen Diktator Stalin errichteten Lagersystem, krepierten mehr als 20 Millionen Menschen. Die durchschnittliche Überlebensdauer der zur Zwangsarbeit unter mörderischen Bedingungen verurteilten Oppositionellen, Kriminellen und Intellektuellen betrug weniger als zwei Jahre.

Es macht Spaß mit der "Yangste" durch die Weiten zu gleiten

Motorradfahren hingegen riecht nach Vergnügen und sonnigen Landstraßen. Nach Freiheit statt Lager, nach Muße statt nach Zwangsarbeit. Und tatsächlich haben wir großen Spaß, wenn wir mit unseren chinesischen Seitenwagengespannen der Marke "Yangtse" durch die Weiten gleiten.

Meistens scheint die Sonne. Die wenigsten Menschen im Westen wissen, dass es im südlichen Teil Sibiriens, entlang der Route, die wir gewählt haben, um von Peking nach Berlin zu kommen, im Sommer bis zu 35 Grad heiß wird, der Winter erst im September und Oktober beginnt und richtig viel Schnee meist nur im Januar und Februar fällt.

Die Schönheit der Landschaft entschädigt für die Strapazen der Fahrt. Sibirien mit seinen 53.000 Flüssen und mehr als einer Million Seen, den atemberaubenden Naturwundern des Baikalsees und der Halbinsel Kamtschatka mit ihrer gottvergessenen Vulkanlandschaft, ist eines der letzten unberührten Gebiete der Erde. "Und an der Alster balgen sie sich um ein paar Plätze am Rasen, wenn mal die Sonne herauskommt", sagt unser Fotograf Gerd George. Auf der Strecke von Chita zum Baikalsee zählten wir mehr als hundert Seen an einem Tag, einer schöner als der andere.

Der Fahrer des Ford Mustang macht ganz schön auf dicke Hose

Wo Sibirien endet wissen nur die Zugvögel

Wie eine endlose Kette gleiten die Wälder mit Birken, Tannen, Zedern und Lärchen an uns vorbei. Ab und an ein kleines Dorf. Dazwischen Landschaft pur so weit das Auge reicht. Der Schriftsteller Anton Tschechow schrieb über Sibirien: "Wo es endet, wissen nur die Zugvögel." Das Motorradfahren wird zur Meditation. Shang, unser chinesischer Mechaniker, fährt plötzlich Schlangenlinien. Unsere Hupen reißen ihn aus den Sekundenschlaf.

Sibirien erstreckt sich siebentausend Kilometer von Ost nach West, reicht vom Pazifik bis zum Uralgebirge. Von Nord nach Süd misst es 3500 Kilometer. Die Taiga ist der größte Wald der Erde, größer als der brasilianische Regenwald. Sie bedeckt fünf Millionen Quadratkilometer, eine Fläche so groß wie Indien. "Wir müssen aufpassen, dass wir mit unserem Raubbau nicht die Zukunft unserer Kinder ruinieren", sagt uns Petr Rjatschenko, den wir an einer Verladestation für Holz an der Transsibirischen Eisenbahn treffen. Kein Land exportiert mehr Holz als Russland, die größten Abnehmer sind China und Japan.

Jenseits der Städte und Dörfer entlang der Transsib wohnen nur wenige Menschen. Ganz Sibirien hat mit knapp 30 Millionen Menschen gerade mal doppelt so viele Einwohner wie der Großraum Moskau. Moskau, die Hauptstadt, aber frisst achtzig Prozent des sibirischen Steuereinkommens. Wieder einmal kommt der Wohlstand, der in Russlands europäischem Westen wächst, aus dem Wilden Osten des Landes. Dort sind die Erdölvorräte so groß wie auf der Arabischen Halbinsel. Russland hat inzwischen Saudi-Arabien als weltgrößten Erdölproduzenten abgelöst. Dort liegen fünfundzwanzig Prozent aller bekannten Gasvorräte unter der Erde und dreißig Prozent des Kohlevorkommens. "Das Geld wird hier bei uns in Sibirien verdient, die in Moskau geben es aus", schimpft Petr an der Holzverladestation.

Vor und nach den Städten fahren wir an riesigen Kasernen vorbei, sehen hunderte von T-76 Panzern und Fliegerhorste mit Mig-21 und Su-27 Jägern. Ich denke an den Geschichtsunterricht in der Schule. Sibirien war die Wiege der imperialistischen Großmacht Russland, die Waffenschmiede im Zweiten Weltkrieg und das Rückgrat für Stalins und Chrustschows Wettrennen mit Amerika. Die Geschichte seiner Eroberung ist so spannend wie die Erschließung des Wilden Westens. In Amerika waren es Cowboys und Trekker, in Russland Kossaken und Siedler, die das unbekannte Land unterjochten. Sie bildeten die Vorhut, die reguläre Armee half mitunter nach.

Die Kosaken kamen 1639 bis zur Pazifikküste

Den Grundstein zur Expansion nach Osten hatte im 16. Jahrhundert Zar Iwan, der Schreckliche, gelegt. Er eroberte Kasan und Astrakhan von den Mongolen zurück, die Russland im 13. Jahrhundert mit ihrem Reiterheeren unter Dschingis Khan unterjocht hatten. Die Kossaken, angetrieben vom lukrativen Pelzhandel, erreichten 1580 den Ob, der bis damals das östliche Ende der damals bekannten und durchdrungenen Welt darstellte. 1620 kamen sie bis zur Lena, 1639 bis zur Pazifikküste.

Peter, der Große, sandte im 18. Jahrhundert eine Expedition mit dem dänischen Offizier Vitus Bering nach Osten, nach dem bis heute die Seestraße zwischen Russland und dem nordamerikanischen Kontinent benannt ist. Bering eroberte Alaska für den Zaren. Die Russen erreichten 1804 Honolulu. Im Jahre 1806 segelten russische Schiffe bis nach San Fransisco. In Fort Ross brachten die Offiziere eine Inschrift an, auf der bis heute zu lesen steht: Land des Russischen Reiches. Im Südosten drangen die Russen bis nach Nordchina vor, besetzten Port Arthur, das heutige Dalian.

Das Zarenreich war auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen. Zar Nikolaj verbannte den Revolutionsführer Lenin, den Mann, der den Grundstein für den Aufstieg der Sowjetunion legte, nach Abakan, eine Stadt in Südsibirien.

"Es ist eine bittere Ironie der Geschichte", erzählt uns ein Lehrer in Nowosibirsk, der größten Stadt Sibiriens, dass Lenins Nachfolger Stalin das Zwangsarbeiter System so ausbaute, dass es zum Rückgrat der sowjetischen Wirtschaft wurde. "Er hat sein eigenes Volk versklavt", schimpft er. Die Zahl der exilierten Zwangsarbeiter stieg von 30.000 im Jahr 1928 auf acht Millionen im Jahr 1938. Von den Dramen, die Vorbild für Alexander Solschenitzyns Werk "Der Archipel Gualg" waren, ist nichts zu spüren, wenn wir mit unseren Motorrädern durch Wälder Sibiriens fahren. Wir fühlen uns eher wie im Dr. Schiwago Film.

Wissenscommunity