VERKEHR »Fahrende Geschosse« im Rückspiegel


Rasende Kleintransporter auf der Autobahn. Wenn die Mini-Laster im Rückspiegel auftauchen, kann man es schon mit der Angst zu tun bekommen.

Jeder kennt das beklemmende Gefühl dicht neben, hinter oder vor einem schweren Lastwagen zu fahren. Was, wenn der Brummi-Lenker nicht aufpasst, unvermittelt ausschert oder gar eine Vollbremsung einlegt? Einem außer Kontrolle geratenen LKW ist man als betroffener Autofahrer beinahe hilflos ausgeliefert. Inzwischen ist die Angst vor der Konfrontation mit einem LKW um eine Facette reicher. Rasende Kleintransporter sorgen bei vielen Autofahrern für einen Adrenalinstoß. Wenn die Mini-Laster mit ihren leistungsstarken Turbodiesel-Triebwerken auf der Überholspur heranpreschen, sind auf Deutschlands Autobahnen 160 Stundenkilometer und mehr keine Seltenheit mehr. Für den Verkehrsexperten der Autobahn-Polizeidirektion Karlsruhe, Frank Bohlender, können diese Fahrzeuge zu »fahrenden Geschossen« werden.

Zeit ist Geld

Vor alle kleine Kurierunternehmen nutzen die leichten Transporter, um eilige Sendungen schnell ans Ziel zu bringen. Zeit ist in der Branche mit den schnellen Paketen Geld, Verspätungen sind teuer. Geschwindigkeitsbegrenzungen scheint es deshalb für viele der Fahrer nicht zu geben. Jüngste Kontrollen bestätigen nun, dass sich ein nicht unbeträchtlicher Teil der mit Bleifuß gefahrenen Transporter zu Problemfällen für Polizei und Versicherungen entwickelt haben. So wurden in den ersten beiden Dezemberwochen auf der Autobahn 5 (Heidelberg-Karlsruhe) 1564 Fahrzeuge unter die Lupe genommen. Die Kontrollliste reichte vom gewerblich genutzten Van bis zum 3,5-Tonner. Das ernüchternde Ergebnis: Jeder dritte Fahrer hatte gegen Verkehrsbestimmungen verstoßen.

Zu wenig Erfahrung

Hauptgründe sind laut Bohlender Raserei, mangelhaft gesicherte Ladung und Missachtung der Arbeitszeitvorschriften. Allein 140 Mal wurden die »kleinen Kapitäne der Landstraße« wegen überhöhter Geschwindigkeit und 64 Mal wegen gefährlicher Überholmanöver zur Kasse gebeten. Im Gegensatz zu den großen Trucks können Kleintransporter auch von ungelernten Kräften mit einem normalen Autoführerschein gefahren werden. Diesen Fahrern fehlt meist neben einer fachkundigen Ausbildung auch jede Menge Erfahrung im Umgang mit großen Transportern und deren Ladung. Ungesicherte Ladung hat nach Angaben der Polizei vor einem Jahr einem Kleinlaster-Fahrer auf der A 8 bei Pforzheim das Leben gekostet. Bei einem Auffahrunfall wurde er von seiner eigenen Ladung erschlagen.

Studie soll Fakten schaffen

Da die zunehmenden Crashs mit Kleinlastern bislang nicht extra in der bundesweiten Verkehrs-Unfallstatistik ausgewiesen sind, plant der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft nach Angaben Bohlenders eine Studie. Dabei sollen noch in diesem Jahr in Bayern alle Unfälle dieser Art mit Verletzten genauer analysiert werden. Die Autobahnpolizei Karlsruhe will für dieses Pilotprojekt ebenfalls Daten beisteuern.

Geschwindigkeitsbegrenzer

Das Problem ist auch den Politikern in Brüssel bekannt. Nach einem Bericht des in Stuttgart erscheinenden Magazins »auto motor sport« (ams) will der EU-Verkehrsministerrat ab 2004 alle neuen leichten Lastwagen ab 3,5 Tonnen an die Kandare nehmen. So genannte Tempobegrenzer, die bei 90 Stundenkilometer automatisch abriegeln, sollen zur Pflicht werden. Nach Oktober 2001 zugelassene Fahrzeuge müssen bis Ende 2005 nachgerüstet sein.

Problem: leichte Transporter

Allerdings würde dieses Verbot nur die größeren Transporter betreffen. Die echten Raser sind aber mit Kleinlastern bis 3,5 Tonnen Gesamtgewicht unterwegs. Die haben eine PKW-Zulassung und fallen so nicht unter den Einfluss der Geschwindigkeitsbegrenzer.


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