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Cebit in Hannover eröffnet So sexy wie Buchhaltungs-Software

Sie erwarten von der Cebit in Hannvover neue Trends? Coole Gadgets? Tech-Spielereien? Vergessen Sie's. Wenn Sie schicke neue High-Tech-Produkte sehen wollen, gehen Sie besser in den Elektronikmarkt.
Von Gerd Blank

Wie spannend klingen die Themen "Push Your Business", "Intelligent Transport Systems" und "E-Government"? Alles IT-Schwerpunkte, die derzeit auf der Cebit vorgestellt und diskutiert werden. Das zeigt deutlich: Die Cebit ist nicht cool, sie war es nie, und sie wird es nie sein. Seit 1986 findet die weltgrößte Messe für Informationstechnik jedes Frühjahr in Hannover statt. Wäre es eine coole Veranstaltung, wäre der Schauplatz wahrscheinlich eher Berlin oder - global gedacht - London, Paris oder New York. Aber Hannover?

Der Begriff Cebit steht für "Centrum für Büroautomation, Informationstechnologie und Telekommunikation". Und genauso langweilig, wie sich dies anhört, ist es auch, auf dem Messegelände unterwegs zu sein. Mehr als 4000 Hard- und Softwarehersteller zeigen in diesem Jahr ihre neuesten Produkte. Doch wer glaubt, TV-Geräte, Hifi-Anlagen und Digitalkameras zu entdecken, sollte sich den Weg sparen. Selbst Mobiltelefone findet man eher in den Taschen der Fachbesucher als auf den Messeständen.

Den neuesten Spielkram fürs Wohnzimmer entdecken? Pustekuchen, nicht auf der Cebit. Wer an SAP-Lösungen, Funktechnologie und Serverleistung interessiert ist, sollte allerdings unbedingt nach Hannover fahren. Alle anderen können zum Elektronikfachmarkt ihres Vertrauens gehen. Wenn eine Messe Auskunft über die technische Grundausstattung von Lebensräumen gibt, dann ist es die Ifa, die jeden Spätsommer in Berlin stattfindet.

Aber warum hält sich hartnäckig der Mythos, die Cebit sei die Trendmesse für Technik-Interessierte? Um das zu erklären, muss man ein wenig zurückblicken. Bereits 1950 war der Bereich "Büroindustrie" ein Teil der Hannover Messe. Die Bedeutung dieses Themengebietes wuchs im Laufe der Jahre, schließlich ist Deutschland ein Dienstleistungsland und Bürotechnik damit wichtigster Baustein unseres Arbeitsalltages. Ob Lohnbuchhaltung oder EDV-Systeme: Jedes Unternehmen war schon immer auf stets moderne Technik angewiesen. Der Platzbedarf für die Ausstellungsfläche wurde immer größer, 1986 wurde schließlich die erste Cebit als eigenständige Messe eröffnet. Übrigens fiel der Cebit-Startschuss fast zeitgleich mit der Veröffentlichung der ersten Version von Microsoft Windows.

Arbeit statt Spaß

Bürotechnik klingt nach Arbeit und nicht nach Spaß. Es war eigentlich immer klar, dass nur Fachpublikum etwas auf der Cebit zu suchen hat. Informationstechnologie war Ende der 80iger Jahre nur etwas für Nerds. Erst als Windows die Homecomputer und AOL das Internet eroberte wurde die IT-Messe auch für eine breitere Masse interessant. Ganze Schulklassen fuhren nach Hannover, um sich mit Anstecknadeln, Aufklebern und Kugelschreibern zu versorgen. Ein stimmiges Bild, denn für viele Erwachsene war private Computertechnik eh nur Spielkram für Kinder.

Ende der 90iger, zu Zeiten des Web 1.0, wurden fast minütlich neue Internetfirmen gegründet. Der Boom sorgte dafür, dass tatsächlich Menschenmassen nach Hannover strömten, um sich ein Bild von dem Trendthema Internet zu machen. Auch Hersteller von Unterhaltungselektronik stellten damals in den Hallen aus. Den Höhepunkt erreichte die Cebit im Jahr 2001: Rund 830.000 Besucher wollten erleben, wie die digitale Welt aussieht. Doch dann kamen die Terroranschläge vom 11. September 2001. Die Wirtschaft strauchelte, die Internetblase platzte. Das bekam auch die Cebit zu spüren: Die Besucherzahlen gingen zurück, und auch Aussteller blieben der Messe fern. Ein Trend, der sich fortsetzte, im vergangenen Jahr waren es nur noch 4300 Aussteller, etwa halb soviel wie vor zehn Jahren. Und in diesem Jahr wird dieser Wert sogar noch unterboten. Und weniger Aussteller brauchen auch deutlich weniger Platz. In den Hallen tun sich Lücken auf, die mit Pflanzen und Ruhezonen kaschiert werden.

Wichtiger Marktplatz

Natürlich ist die Cebit noch immer der wichtigste Marktplatz, um Käufer für neue Technologien zu begeistern. Allerdings handelt es sich um Großkunden, also Messebesucher, die hinter verschlossenen Türen teilweise Millionendeals aushandeln. Für das "normale" Publikum fehlt den Messeveranstaltern allerdings jede Strategie. Am liebsten wäre es der Cebit-Leitung, wenn nur das Fachpublikum aufs Gelände käme. Dabei waren es ja gerade Schulklassen und Technikfreaks, die die Hallen füllten und für werbewirksam hohe Besucherzahlen sorgten. Dennoch versuchen die Cebit-Verantwortlichen alles erdenkliche, um "Tütengrabscher" fernzuhalten, angefangen bei der Auswahl des Mottos. Das diesjährige Leitthema heißt "Connected Worlds", das klingt so sinnlich wie "Telefonvermittlung". Innovative Unternehmen wie Apple und Nokia stellen ihre publikumswirksamen Produkte erst gar nicht auf der Cebit aus und veranstalten lieber eigene Events.

Ist die Cebit also eine reine Fachmesse? Nicht ganz, denn große Aussteller brauchen und wollen großes Publikum, um ihren eigentlich überhaupt nicht sinnlichen Themen ein wenig Leben einzuhauchen. So ist für Microsoft die Cebit der ideale Schauplatz, um neue Produkte einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Und um junge Menschen zu motivieren, Informatik zu studieren und damit den IT-Standort Deutschland zu stärken, wie Achim Berg betont. Der Chef von Microsoft-Deutschland findet noch mehr positive Worte für die Messe: "Die Cebit ist ein Glücksfall für Deutschland", sagt Berg. Ginge es nach seinen Wünschen, würde die Cebit sogar um einen Tag verlängert werden. Auch andere Hersteller versuchen mit Aktionen eher ein breites Publikum anzusprechen. So findet auf der Cebit traditionell ein großer Event der Computerspielliga statt - der immerhin vom Chip-Riesen Intel ausgerichtet wird. Doch bleiben Aktionen dieser Art die Ausnahme, wodurch die Cebit für das breite Publikum weder Fisch noch Fleisch ist.

Wer sich für neue Technik interessiert und sich einmal ein Bild davon machen möchte, wie ein Server aussieht, wie ein digitaler Arbeitsplatz eingerichtet sein sollte und was die Industrie zu Cloud Computing präsentiert, hat auf der Cebit sicher eine tolle und informative Zeit. Für alle anderen Liebhaber elektronischer Technik gibt es mit der Computerspielmesse Gamescom in Köln und der Ifa in Berlin, eine spezielle Messe für Home Entertainment, deutlich bessere Alternativen. Aber natürlich gibt es dennoch schöne Gründe, die niedersächsische Hauptstadt zu besuchen: In Hannover gibt es einen herrlichen Zoo.

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