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"WWE Raw European Survivor Series": Schlag mich!

Wrestling-Kämpfe sind eine skurrile Angelegenheit. Noch unwirklicher sind knapp bekleidete Kampfamazonen, die an einer Spielkonsole daddeln. Dabei ist nur letzterer Wettbewerb echt.

Von Udo Lewalter

Zwei Wrestling-Meisterschaften führen mich nach England - in die Arbeiterstadt Manchester. Was nach einer Sportgeschichte klingt, wird durch den ersten der beiden Wettbewerbe zu einer Computer-Story: Der Videospielentwickler THQ veranstaltet im Paparazzi-Club eine Meisterschaft an der Spielkonsole. Hier treten die weltweit besten Wrestler im Wettstreit gegeneinander an.

Ich betrete den Club. An einem Tisch sitzt eine junge Amerikanerin. 27 Jahre alt, dunkelbraune Haare, 1,70 Zentimeter groß, 54 Kilo leicht - Candice Michelle Beckman ist eine ganz normale junge Frau. Ich setze mich zu ihr. Sie wirkt offen, freundlich und bescheiden. Dabei ist sie in den USA ein großer Star.

Candice erzählt mir von ihrer Vergangenheit. Sie sagt, dass sie mit 19 Jahren ihre Heimatstadt Milwaukee in Richtung Los Angeles verließ. "Ich träumte davon, Filme zu machen. Mit Hollywood-Größen vor der Leinwand zu stehen.", begründet sie ihre damalige Entscheidung. Ihren Traum hat sie noch nicht erreicht. "Bislang habe ich in verschiedenen Soaps mitgespielt und Werbespots gedreht.", sagt Candice. Und trotzdem ist sie glücklich. Und berühmt. Und reich. Ihr geschätztes Jahreseinkommen von rund einer Million Dollar verdient sie als eine von 14 so genannten Diven, die seit rund zehn Jahren eine kleine, aber nicht unbedeutende Rolle im Wrestling-Zirkus spielen. Im Zirkus des amerikanischen Wrestling-Verbandes WWE (World Wrestling Entertainment).

Moderne Gladiatoren

Seit 19 Jahren locken die Kämpfe der beiden Verbandsligen "Raw" und "Smackdown!" wöchentlich zehntausende Menschen in amerikanische Sportarenen. Die Helden heißen John Cena, Triple H, Chris Masters oder Rick Flair. Obwohl jeder dieser Athleten über ein millionenschweres Jahreseinkommen verfügt, sind die Namen hierzulande nahezu unbekannt. In den USA sind sie dagegen absolute Megastars. Die Ballacks, Van der Vaarts oder Kahns der jungen sportbegeisterten Generation. Stählerne Hünen, von denen nur wenige unter 100 Kilogramm wiegen. Muskelbepackte Kolosse, deren Oberarme nicht selten doppelt so dick sind wie die Oberschenkel eines durchtrainierten Hobbysportlers. Sie sind die Gladiatoren unserer Zeit.

Die Optik macht's

Candice ist schnell vorangekommen in der WWE. "Ich bin erst ein Jahr dabei. Aber gemeinsam mit meiner Partnerin Victoria kämpfe ich derzeit schon um den Weltmeistergürtel im Tag-Team", erklärt sie mir stolz. Ein Tag-Team ist ein Doppel. Zwei Amazonen gegen zwei. Die Kämpfe sind genauso artistisch und spektakulär wie die der Herren. Doch Diven haben noch einen weiteren Job im Ring. Ihre aufreizende Bekleidung sorgt für gute Stimmung beim größtenteils männlichen Publikum. So genannte "Best Body"-Wahlen stellen den Höhepunkt einer Veranstaltung dar. Dabei wählt das Publikum die schönste Sportlerin aus. Einfach nur laut grölen, wenn der Auftritt gefällt.

Während Candice mir von ihrem WWE-Engagement berichtet, geht es ein paar Meter weiter auf der Showbühne des Paparazzi-Clubs heiß her. An einer PlayStation2-Spielkonsole wird die "European Superstar Challenge" ausgetragen - eine Meisterschaft, die vom Videospielhersteller THQ ins Leben gerufen wurde. Das Unternehmen veröffentlicht schon seit fünf Jahren Wrestling-Simulationen. Die Spiele gelten als die besten Sporttitel in diesem Genre. "WWE Smackdown vs. Raw 2006" ist der aktuelle Serien-Ableger.

Begeisterung an der Konsole

Ich schaue gespannt auf das bizarr wirkende Szenario: Da stehen die Kolosse vor einem kleinen Bildschirm. Die Joypads verschwinden in den riesigen Pranken der Hünen. Mit grellen Urschreien, die mich ängstigen, kündigen die Kontrahenten ihre Aktionen an. Ihre Gesichtszüge wirken konzentriert, ein wenig verkrampft. Genau wie im Ring. Gerade kämpfen im Halbfinale WWE-Champion John Cena und die Diva Victoria gegeneinander. "Ich habe heute zum ersten Mal gezockt und werde es ganz bestimmt wiederholen", sagt Candice, während sie den Kampf ihrer Partnerin verfolgt. "Die Kämpfe auf der Konsole wirken echt. Das ist cool". Aber eine Konsole will sie sich nicht zulegen. "Wrestling-Kollege Kane hat eigentlich immer seine PlayStation 2 dabei. Ich werde gegen ihn spielen, wenn wir auf Tour sind", führt Candice fort. Und unterwegs sind die Wrestler eigentlich ständig. Rund 280 Tage im Jahr verbringen sie miteinander im Bus. Da bleibt genügend Zeit zum Spielen.

Das virtuelle Turnier auf der PlayStation 2 läuft weiter. Im Spiel kann jeder jeden schlagen. Alles ist offen. Anders als im realen Wrestling-Sport, wie ich einige Stunden später in der Arena erkennen werde.

Ich bin einer von 15.000 Zuschauern, die an diesem Abend in die Manchester Evening News Arena strömen. Alle wollen die Hünen aus Amerika sehen. Auch ich freue mich auf die spektakulären Kämpfe, die ich bislang nur im Fernsehen verfolgt habe. Ein paar zumindest. Vor einigen Jahren.

Viele der Menschen sind verkleidet und geschminkt wie ihre Vorbilder. Als Rheinländer muss ich gleich an Karneval denken. Allerdings wirken die Leute in Manchester weniger fröhlich. Das mag daran liegen, dass man hier deutlich weniger Alkohol konsumiert als im jecken Köln zur fünften Jahreszeit. Vielleicht sind aber auch die gesalzenen Eintrittspreisen Grund für die bösen Blicke? Immerhin hat meine Karte 45 britische Pfund gekostet. Das sind umgerechnet rund 70 Euro - und das für einen durchschnittlichen Sitzplatz.

Des Rätsels Lösung

Beim Betrachten des Event-Plakates wird klar: Die Fans eifern nicht nur mit der Kostümierung ihren Vorbildern nach, sondern sie ahmen auch deren düstre Blicke und Gesten nach. Zu wem die Zuschauer halten, das entscheidet zu einem großen Teil die WWE selbst. Unbewusst lassen sich die Anhänger von einer Geschichte leiten, die vom Verband rund um die Wettkämpfe gestrickt wird. Sie treibt die Menschen in die Hallen und an die Verkaufsstände.

Die Story ist simpel. Der Kampf "Gut gegen Böse" steht in der Regel im Vordergrund. Mal beschimpft ein Kämpfer rüde den Manager eines Kontrahenten. Ein anderes Mal schlägt ein Wrestler die Frau seines Kollegen. Im Ring trifft man sich dann zum Rachenehmen. Die Geschehnisse sind irgendwie nett verpackt. Es ist ähnlich reizvoll diese Story-Verläufe zu verfolgen wie die Geschichten einer Telenovela.

So schreit das Publikum auch an diesem Abend jedes Mal fanatisch auf, wenn einer ihrer Helden - begleitet von einer aus den Boxen donnernden Hymne und einem pyrotechnischen Feuerwerk - in die Arena einläuft. Ich sitze inmitten des Wahnsinns und bin irgendwie begeistert. Es hat schon fast etwas Majestätisches, wenn der Wrestler, von einem Lichtkegel begleitet, durch die ansonsten stockdunkle Halle schreitet. Ohrenbetäubend lärmen die Schreie, wenn der Gladiator seinen Fans zuwinkt.

Die Stimmung schlägt um

Weniger begeistert werden die so genannten "Bad Guys" der WWE empfangen. Die Zuschauer buhen, pfeifen und schimpfen, wenn die Bösewichter die Arena betreten. Selbst WWE-Neulinge wie ich lassen sich von dieser beeindruckenden Atmosphäre anstecken. Zumindest bis der Gong zum Kampfbeginn ertönt. Plötzlich weicht meine Begeisterung totaler Ernüchterung. Fragend betrachte ich das Schauspiel im Ring.

Mit dem Kampfbeginn fühle ich mich zurückversetzt in meine Kindheit. Da hüpfen starke Männer wie Clowns in einer Manege umher. Die "Kämpfe" sind eine einzige Akrobatik-Show. Wie im Zirkus. Zugegeben, spektakulär. Jedoch einstudiert bis ins letzte Detail. Schläge und Tritte erreichen den gegnerischen Wrestler nie mit voller Wucht. Kurz vor dem Körper wird ein Angriff abgebremst oder man schlägt daneben. Wer hier gewinnt, das bestimmt das Drehbuch bzw. die Vermarktbarkeit eines Athleten. John Cena lässt sich offenbar sehr gut verkaufen. Er ist der aktuelle WWE-Champion. Auch an diesem Abend gewinnt der Hüne ein Meisterschafts-Match, welches spektakulär inszeniert in einem Stahlkäfig ausgetragen wird.

Das Publikum ist während der der dreistündigen Veranstaltung absolut aus dem Häuschen. Die Fans schreien frenetisch. Ich kann diese Gefühle nicht teilen. Aber ich will es verstehen. Worin liegt der Reiz der vorbestimmten Kämpfe? Ich frage meinen Sitznachbar. "Es sind die genialen Geschichten, die mich Woche für Woche an den Fernseher fesseln", sagt der etwa dreißigjährige Mann. Sein Freund neben ihm fügt hinzu: "Die Kämpfer sind klasse". Doch im nächsten Satz bringt er auch Kritik an: "Früher waren die Geschichten besser. Und auch die Charaktere sind mittlerweile austauschbarer geworden". Dann jubelt er wieder.

Die Kehrseite der Medaille

Am Ende der Veranstaltung schlägt die frenetische Stimmung jedoch plötzlich um. Der Champ John Cena greift sich ein Schild aus dem Publikum und hält es hoch. Auf der Tafel steht: „R.I.P. - Eddie Guerrero!“. Der Wrestler verstarb am 13. November im Alter von 38 Jahren an einem Herzversagen. Wie viele seiner Kollegen. Jährlich sterben zwischen drei und neun Wrestler, die im Schnitt 35 Jahre jung sind. Die Todesursache ist in fast allen Fällen ähnlich: Herzversagen ausgelöst durch Drogen, Alkohol oder muskelaufbauende Substanzen (Steroide, Hormone, etc.). Spricht man mit Fans darüber, so wird diese Tatsache zumeist verharmlost: "Im Fußball sterben doch auch ab und an Spieler", sagt mir ein Anhänger. "Na ja, so viele Wrestler sind es nun auch wieder nicht", spielt ein anderer die Situation herunter. Das dieses Thema jedoch sehr wohl ein heikles ist, bemerke ich an der Reaktion der Athleten. So möchte Candice erst gar nicht darüber sprechen. Sie erklärt mir nur, dass sie sich bislang beim Ausüben ihres Berufes noch nicht verletzt hat. Ihre Miene wirkt dabei nicht mehr so freundlich wie zuvor. Das echte Leben ist halt doch kein Spiel.

Udo Lewalter