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Event zur Apple Watch: Apples Stunde Null

Sie kostet bis zu 18.000 Euro und muss jeden Tag an die Steckdose: Mit der Apple Watch wagt Apple den Spagat zwischen glitzerndem Luxus und dröger Technik. Was Sie über die schlaue Uhr wissen müssen.

Von Christoph Fröhlich

Als Tim Cook im vergangenen September die Apple Watch vorstellte, blieben viele Fragen offen. Sechs Monate ließ er die Technikwelt auf neue Informationen zur ersten schlauen Uhr des iPhone-Herstellers warten, am Montagabend legte er nun alle Karten auf den Tisch. Der stern sagt, was die Apple Watch kann, wann sie in Deutschland erscheint - und was das schicke Schmuckstück kostet.

Zwei Größen, drei Modelle

Die Apple Watch gibt es in zwei verschiedenen Größen (38 und 42 Millimeter) aus drei verschiedenen Materialien und mit diversen Armbändern. Das Einsteigermodell - die Apple Watch Sport - hat ein eloxiertes Aluminiumgehäuse und eine Front aus gehärtetem Ion-X-Glas. Das Armband besteht aus Fluorelastomer und ist in fünf Farben erhältlich: grün, blau, rot, weiß und schwarz. Kostenpunkt: 399 Euro für das 38mm-Modell, 449 Euro für das größere 42mm-Modell.

Die Grundversion besitzt ein Edelstahlgehäuse, das Display wird von kratzfestem Saphirglas geschützt. Hier beginnt das billigste Modell bei 649 Euro. Kombiniert mit dem teuersten Armband, einem Gliederkettenband, steigt der Preis auf satte 1249 Euro. Richtig gelesen: Die normale Apple Watch ist dann teurer als das aktuelle iPhone 6 Plus in der Premium-Variante. Spätestens an dieser Stelle zeigt sich, dass Apple seine neue Uhr eher als Mode-Statement denn als Technik-Gadget versteht.

Nur etwas für Gutbetuchte ist die limitierte Watch Edition: Das teuerste Modell besteht aus 18 Karat Gelb- oder Roségold und hat ein Display aus poliertem Saphirglas. Das Spitzenmodell mit feschem Lederarmband kostet in Deutschland stolze 18.000 Euro - bei gleichem Funktionsumfang wie beim Billig-Modell, wohlgemerkt.

Die Uhren fühlen sich überraschend leicht und trotzdem robust an. Der Coup der Apple Watch sind aber die Armbänder. Deren Bandbreite reicht von grellem Kunststoff bis hin zu Leder, das Design wirkt stets durchdacht. Das sehr schicke Milanaise-Band etwa klammert sich mit einem Magnetverschluss ans Handgelenk und sitzt dadurch sehr fest, ohne dass es einengt. Beim Metallarmband lassen sich wiederum einzelne Glieder herausnehmen und so die Länge individuell anpassen. Die Bänder tragen dabei nie dick auf und wirken nicht protzig. Die Verarbeitungsqualität ist Apple-typisch sehr gut. Ob sie bis zu 500 Euro wert sind - das steht auf einem anderen Blatt.

Dreh die Krone

Die größte Innovation der Apple Watch ist das Betriebssystem. Während viele Android-Uhren bislang krampfhaft versuchen, ein Smartphone auf ein winziges Display zu pressen, setzt Apple auf ein geschrumpftes, extrem reduziertes iOS. Wie Blasen schwirren die kreisrunden App-Symbole auf dem Display. Die Anwendungen werden über einen eigenen App Store auf dem iPhone auf die Uhr geladen, zum Start reicht die Bandbreite von Nike und Instagram über BMW, Twitter, Ebay bis hin zu Shazam.

Ob eine bildlastige App wie Instagram auf dem Winz-Display der Apple Watch wirklich Spaß macht, darf bezweifelt werden. Deutlich praktischer wirkte aber beispielsweise die App von American Airlines. Ändert sich etwa das Abflug-Gate am Flughafen, teilt das die Apple Watch mit. Während des Flugs kann man sich zudem die verbleibende Reisezeit auf einer Karte und nach der Landung die Nummer des Gepäckbands oder Infos zum Anschluss-Flug anzeigen lassen.

Ausgerechnet ein Element aus der analogen Ära macht die Apple Watch zu etwas Besonderem: Bedient wird die Uhr mit einer digitalen Krone an der rechten Seite. Dreht man an dem Rädchen, scrollt man je nach Anwendung etwa durch Bildergalerien und Listen oder zoomt in eine Karte. Mit einem Druck kommt man zurück auf den Homescreen, wo man die Apps mit einem Fingerdruck auswählen kann. Über einen zweiten Knopf an der Uhr ruft man jederzeit eine Liste der wichtigsten Freunde auf, denen man direkt Nachrichten schicken kann. Das geht intuitiv von der Hand, nahtlos kann man mit Wischbewegungen und der Krone zwischen einzelnen Apps hin- und herwechseln.

Apple Watch muss jeden Tag an die Steckdose

Außerdem dient die Uhr als MP3-Abspielgerät, Navigationsdienst oder Nachrichtenzentrale. E-Mails und SMS kann man etwa mit dem Sprachassistenten Siri diktieren. Ein weiteres spannendes Feature: Die Apple Watch ist drucksensitiv. Das heißt im Klartext: Die Uhr kann Tippen von Drücken unterscheiden. Dafür sorgen winzige Elektroden unter dem Display, die den Druck erkennen und dadurch unterschiedliche Aktionen auslösen können. Auf der Display-Rückseite befindet sich ein Herzfrequenzsensor, der beim Sport den Puls misst.

Zwingend erforderlich ist ein modernes iPhone (iPhone 5 oder höher), ohne Smartphone macht die Anschaffung einer Apple Watch keinen Sinn. Geräte mit Android und Windows Phone werden nicht unterstützt. Gekoppelt sind die Geräte via Bluetooth 4.0. Geladen wird die Uhr kabellos via Induktion über einen Magnetanschluss, wie man ihn auch vom Macbook kennt. Die Akkulaufzeit gibt Apple mit 18 Stunden bei normaler Nutzung an, die Apple Watch muss also jeden Tag an die Steckdose. Da ist manches Konkurrenzprodukt schon weiter.

Die Apple Watch ist außerdem spritzwassergeschützt, man kann mit ihr also auch durch den Regen joggen oder sogar duschen. Dank NFC-Unterstützung kann man mit ihr auch an einigen Kassen, die den Bezahldienst Apple Pay unterstützen, seine Einkäufe zahlen - vorerst allerdings nicht in Deutschland.

Ungewöhnlich ist die Art, wie die Apple Watch auf eingehende Mitteilungen aufmerksam macht: Sie stupst den Träger behutsam an, als würde jemand sachte mit dem Finger auf das Handgelenk tippen. Je nachdem, ob eine Kurzmitteilung oder eine E-Mail eintrifft, unterscheidet sich das Rütteln am Handgelenk - eine äußerst raffinierte Methode. Eine weitere Funktion lässt ein wenig Knight-Rider-Charme aufleben, denn mit der Apple Watch kann man auch telefonieren. Den Gesprächspartner hört man über einen winzigen Lautsprecher im Gehäuse, das iPhone kann man dann einfach liegen lassen, es muss sich nur in Bluetooth-Reichweite befinden.

Apple will Bedürfnisse wecken

Die Funktionsvielfalt der Apple Watch ist schon jetzt beeindruckend, das Gesamtpaket wirkt sehr stimmig. Mit neuen Apps wird das Spektrum an Möglichkeiten in den kommenden Monaten noch weiter wachsen. Kreative Anwendungen pfiffiger Entwickler dürften das ganze Potenzial der Uhr entfalten. Schließlich wurde auch das iPhone erst mit dem App Store so vielseitig einsetzbar, wie es heute ist.

Doch braucht man überhaupt eine Smartwatch? Diese Frage würden derzeit sicherlich viele Nutzer verneinen. Denn immerhin hat man mehr Apps, einen größeren Bildschirm, einen schnelleren Prozessor und einen größeren Akku längst in der Hosentasche. Und ist die Bequemlichkeit, nicht für jede SMS das Smartphone aus der Hosentasche zu kramen, wirklich 400 Euro und mehr wert?

Doch Apple geht es gar nicht darum, dass man die Uhr unbedingt braucht. Man soll sie nur haben wollen. Weil sie schön ist, praktisch - oder eben exklusiv. Apple positioniert die Uhr nicht als Nerd-Gadget, sondern als hippes Lifestyleprodukt, gar als edlen Schmuck. Apple will Bedürfnisse wecken, die es bei den Menschen noch gar nicht gibt. Das hat beim iPhone geklappt, beim iPad - und vielleicht gelingt es dem Konzern erneut, einen ganzen Markt umzukrempeln und ein Nischenprodukt zum Bestseller zu machen.

Die Apple Watch kann ab 10. April vorbestellt werden und erscheint in Deutschland am 24. April.