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Betriebssystem Chrome OS: Google macht die Fenster zu

Suchmaschinenriese Google will ein weiteres Geschäftsfeld aufmischen: Die Ankündigung eines eigenen Betriebssystems namens Chrome OS ist ein direkter Angriff auf Microsoft und dessen System Windows. Und eine weitere Maßnahme, Menschen ins Web zu locken und damit zu potenziellen Google-Nutzern zu machen. Doch was erwartet den Nutzer wirklich?

Von Ralf Sander

Ohne den großen Rivalen konkret zu nennen, teilt Google bei der Ankündigung seines eigenen Betriebssystems ordentlich aus: Die Nutzer "möchten sofort auf ihre E-Mails zugreifen können und nicht erst lange darauf warten müssen, bis der Computer hochgefahren und der Browser gestartet ist. Die Computer sollen so schnell bleiben, wie sie es am Anfang waren", heißt es in der Ankündigung von Chrome OS. Auf wen die Anspielungen abzielen, ist klar: Microsoft mit seinem Betriebsystem Windows, das seit Jahrzehnten den PC mit einem Marktanteil von 90 Prozent dominiert. "Sie möchten nicht jedes Mal Stunden mit der Konfiguration ihres Computers zubringen müssen, wenn sie sich neue Hardware anschaffen, und sich nicht mehr ständig um Softwareupdates kümmern müssen", stichelt Google weiter. Doch auch ohne die verbalen Attacken ist klar: Googles Pläne für ein eigenes Betriebssystem sind ein direkter Angriff auf den Softwareriesen aus Redmond. Und eine weitere Maßnahme, Menschen ins Web zu locken und damit zu potenziellen Google-Nutzern zu machen.

Die Ankündigung von Chrome OS erfolgte im offiziellen Firmenblog. Sundar Pichai, der Vizepräsident des Produktmanagements, und Linus Upson, Engineering Director, versprechen viel in ihrem Postin, Konkretes und Details fehlen allerdings. So viel ist bekannt: Chrome OS soll ein schnelles, Ressourcen sparendes und schnell startendes Betriebssystem sein, das zunächst auf Netbooks zum Einsatz kommen soll. In der zweiten Hälfte 2010 würden die ersten Geräte mit dem vorinstallierten Betriebssystem auf den Markt kommen, heißt es in der Mitteilung. Diese besonders kleinen und günstigen Notebooks sind die zurzeit erfolgreichste Geräteklasse auf dem PC-Markt. Später wird Chrome OS wahrscheinlich auch für Laptops und Desktop-PCs angepasst werden.

Der Browser als Betriebssystem

Dass das Betriebssystem denselben Namen trägt wie der Ende 2008 veröffentlichte Webbrowser Chrome, ist kein Zufall. Die auf dem freien Betriebssystem Linux basierende Technik des Surfprogramms wird auch dem Betriebssystem zugrunde liegen, das Ende dieses Jahres nach dem Open-Source-Prinzip veröffentlicht wird und von jedermann weiterentwickelt werden kann.

Chrome OS ist ein konsequenter Schritt in Googles Bemühen, das so genannten Cloud Computing voranzutreiben und so viele Anwendungen wie möglich im Web ablaufen zu lassen und auf dem Rechnern des Nutzer nur noch die Ergebnisse auszuliefern. "Schnelligkeit, Einfachheit und Sicherheit sind die zentralen Aspekte von Google Chrome OS", propagiert das Unternehmen. Google verspricht, dass sein Betriebssystem bereits nach wenigen Sekunden bereit ist und der Nutzer sofort das Internet nutzen kann. Dort soll alles Weitere geschehen: Ob Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Bildbearbeitungen oder Terminkalender - Anwendungen für fast jeden Bedarf existieren inzwischen als Web-Versionen, die sich ohne Installation und häufig auch kostenlos nutzen lassen. Es gibt verschiedene Hersteller solcher webbasierten Applikationen, und Google verspricht, sich an alle Webstandards zu halten, sodass auch bestehende Angebote problemlos funktionieren sollen. Doch Google verfügt selbst über ein riesiges Portfolio in diesem Bereich und wird es Nutzern von Chrome OS verlockend leicht machen, diese auch zu nutzen. Denn Google lebt davon, dass möglichst viele Menschen möglichst lange das Web benutzen - und so Werbeeinnahmen für den Suchmaschinenriesen generieren.

Für Microsoft könnte dieser Schlag des großen Rivalen schmerzhaft sein. Die Windows-Betriebssysteme sind das Herzstück der Unternehmensumsätze, von ihrem Erfolg und ihrer Verbreitung hängt auch das Wohl der Office-Produktfamilie ab. Dass Firmen mit Tausenden von Windows-Arbeitsplätzen nun rudelweise zu Chrome OS umschwenken werden, ist wohl nur schwer vorstellbar. Bei kleinen Internetgeräten und Netbooks kann Chrome OS allerdings neue Impulse geben. Sollte Google sein Betriebssystem erwartungsgemäß kostenfrei abgeben, könnten Hardware-Hersteller die Windows-Lizenzgebühren einsparen und noch günstigere Geräte anbieten. Zusätzlich sind neue Gerätetypen, vielleicht besonders klein oder flach, vorstellbar, weil Chrome OS extrem geringe Hardwareanforderungen haben soll und die Rechenarbeit und die Datenspeicherung sowieso in der Datenwolke des Internet stattfinden.

Vorteile und Nachteile

Und der ganz normale Nutzer? Welche Vorteile könnte Chrome OS ihm bringen? Zum einen Sicherheit: Google verspricht, dass aufgrund der Architektur von Chrome OS Viren, Trojaner und andere Schadprogramme kein Problem mehr seien. Dass die Daten nicht auf dem Rechner, sondern auf einem Server im Netz abgespeichert werden, erspart Sicherheitskopien und lässt einen Verlust des Rechners nicht mehr so dramatisch erscheinen. Außerdem kann man seine Daten von jedem Internetzugang aus erreichen, zum Beispiel auch mit einem Mobiltelefon.

Aber auch einige Nachteile lassen sich bereits erkennen: Noch sind die Anwendungen im Web nicht so leistungsstark wie Programme, die direkt auf dem Rechner laufen. Der Zugang zum Internet, sei es über ein lokales Netzwerk, einen W-Lan-Hotspot oder UMTS, ist noch nicht allgegenwärtig. Zwar wird Chrome OS eine Technik eingebaut haben, die es ermöglicht, beispielsweise eine Online-Textverarbeitung auch dann weiterzunutzen, wenn die Internetverbindung abreißt. Doch das Grundkonzept von Chrome OS basiert nun einmal darauf, dass der Rechner online ist. Außerdem, und das ist der Wichtigste, müssen sich Firmen, aber auch Privatpersonen, darüber klar werden, welche ihrer Daten sie in einer diffusen Datenwolke irgendwo im Internet speichern wollen.