HOME

Scheibes Kolumne: Bloß kein Meeting!

stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe stellt fest, dass mit zunehmendem Alter die Zeit immer schneller verfliegt. Umso wichtiger ist es, maßvoll mit ihr umzugehen und bloß keine wertvollen Stunden zu verschenken. Dies geht am einfachsten, indem man allen Meetings einfach aus dem Weg geht.

Ich sitze hier in Falkensee bei Berlin, weitab von den großen Medienstädten Hamburg und München. Dies hat mich in den letzten Jahren oft genug vor einer schrecklichen Neuerfindung bewahrt - den Meetings. Oft genug wurde ich eingeladen. Die lange Anreise war zum Glück immer Ausrede genug, um Meetings zu vermeiden. Aber sie bremsen mich auch so oft genug aus. Versuche ich, eine wichtige Kontaktperson zu erreichen, so höre ich oft genug: "Der ist gerade in einem Meeting". Und so ein Meeting, so lerne ich, kann gut und gerne einen halben Tag dauern.

Zwei Albträume verbinde ich mit Meetings. Vor mehr als zehn Jahren habe ich die Kundenzeitung eines großen Konzerns betreut. Ich wohnte damals in Berlin, die vermittelnde Firma in München und der Konzern wieder an einem anderen Ort. In jedem Monat musste ich mit dem Flieger nach München sausen - zum Produktionsmeeting. Da waren dann auch die Konzernleute anwesend. Ich stellte mein Konzept vor, alle nickten, keiner machte Verbesserungsvorschläge, und ich flog wieder nach Hause. Was für eine Verschwendung von Zeit, Geld und Ressourcen.

Früher gab es auch im Journalismus kurze Wege. Wie oft rief ich in meiner Anfangszeit frech bei den Chefredakteuren der PC-Magazine an, stellte ihnen ein Konzept vor und erhielt direkt am Telefon den Auftrag dafür, es doch einmal zu versuchen! Heute müssen Exposés eingeschickt werden, es gibt Meetings zur Auswertung der Vorschläge und noch mehr Meetings, um die Fotoauswahl, die Seitenlänge und alles anderes zu besprechen.

Mein Fazit: Meetings sind furchtbar. Vor allem die regelmäßigen, die nur deswegen angesetzt werden, weil man doch immer am Dienstag um 12 Uhr ein Meeting macht, um "alles Wichtige" zu besprechen.

Gegen die Langweile: Meeting-Bingo!

Vielen Meetings kann man einfach nicht entkommen, man muss an ihnen teilnehmen. Jeder kennt das Syndrom, das sich dann umgehend einstellt. Die Augenlider werden schwer, der Schlafimpuls setzt ein und 99 Prozent der eigenen Aufmerksamkeit wird eingesetzt, um zu verhindern, dass man einfach wegnickt. Wer keine Meetings kennt, braucht nur an Elternabende zu denken.

Beim Durchhalten hilft das Meeting Bingo, das in seiner Urversion nur in englischer Sprache vorliegt und 5 x 5 Begriffe in eine Bingo-Karte zum Ausdrucken zwängt. Kommen während des Meetings Wörter wie "Sales", "Benchmark" oder "Consumer" zum Einsatz, so kann man sich das Wort auf seiner individuellen Bingokarte ankreuzen. Wer eine senkrechte, waagerechte oder diagonale Reihe komplett hat, muss aufspringen und laut "Bingo" rufen. Da Unternehmen, die Meetings durchführen, sowieso x-mal so viele englische Begriffe in ihren Firmen-Wortschatz aufgenommen haben wie normale Anwender, lässt sich das englische Bingo sehr gut spielen.

Das Spiel gibt es als Bullshit Bingo aber auch auf Deutsch - ebenfalls mit einem 5 x 5 Raster. Hier kommen dann Wörter wie "Konsolidierung", "zielführend", "Outsourcing" oder "strukturell" zum Einsatz. Lustige Idee: Wer hier eine Reihe vollbekommt, muss aufstehen und laut "Bullshit" rufen - am besten als verbalen Kommentar auf den Vortrag des Kollegen, der gerade spricht.

Mir persönlich gefällt das Abkürzungs-Bingo am besten - zu finden im Web als "thalassos Bullshit Bingo". Hier entscheidet man sich unter "Wortliste" am besten für "IT Abkürzungen". Jetzt kommen endlich die Wörter zum Einsatz, die in den deutschen IT-Meetings besonders gern aufgesagt werden - "POP3", "SDK", "DSL", API" oder "ERP".

Cheffe, das wird zu teuer!

Dem Meeting-Chaos kann man auch ganz entkommen! Man muss seinem Chef nur klar vermitteln, was für eine ungeheure Geldverschwendung so ein Treffen doch ist. Dabei hilft der Meeting Counter. Das ist ein Tool, das es kostenlos als Windows-Version und als Java-Variante (auch für Linux und Mac) gibt und das für 79 Cent auch als iPhone-App zur Verfügung steht.

Das Programm nimmt zunächst die offiziellen oder geschätzten Stundensätze aller Teilnehmer eines Meetings entgegen. Sobald das Meeting und damit auch die Stoppuhr im Meeting Counter gestartet wird, zählt das Programm auf dem Notebook oder dem iPhone nicht nur die nimmer enden wollende Zeit des Meetings hoch, sondern rechnet zugleich auch noch auf den Cent genau aus, wie teuer das Zusammentreffen der eigenen Spitzenkräfte bereits war. Dabei lässt sich sogar ein Maximum setzen. Das bedeutet: Die Software schlägt Alarm, sobald der erste Tausender verbrannt ist.

Wer hat weitere Ideen dafür, sich in einem Meeting die Zeit zu vertreiben?

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania