"Google Earth" Reisen auf dem digitalen Globus


Nachbarn, Bundeskanzler oder US-Militärs: Mit der Satellitenbildsoftware Google Earth kann man jedem aufs Dach schauen.

Nie waren Weltreisen so einfach: Los geht's in Berlin am Brandenburger Tor. Fliegen wir ein bisschen nach Norden, über den Reichstag hinweg und dann im großen Bogen westwärts nach Paris. Da unten liegen die Champs-Elysées, Notre-Dame und natürlich der Eiffelturm. Sekunden später schauen wir auf die Golden-Gate-Brücke in San Francisco, unter der, gut zu erkennen, Segelboote hindurchfahren, ehe wir kurz in Hawaii vorbeischauen und einen Blick auf die Palmen am Strand von Honolulu werfen.

Man möchte sofort ins Wasser springen, aber das wird nichts, denn diese Reise ist nur eine Computersimulation: "Google Earth" nennt sich das neue Programm, das jeden PC in einen digitalen Globus verwandelt, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Statt herkömmlicher Landkarten verwendet Google Earth Satellitenfotos und erweckt sie mit viel Rechenkraft zum Leben. Nur die Qualität der Satellitenbilder schwankt; am Flughafen von Chicago sieht man einzelne Jets am Flugsteig parken, in Köln ist dagegen nicht mal der Dom zu erkennen. Aber wer will schon mosern bei dem Preis, den Google verlangt? Das Programm ist kostenlos, jedenfalls in der Grundversion.

"Die Idee war, die ultimative Weltkarte zu erschaffen", erklärt John Hanke, Projektmanager für Google Earth. "Die Anwendungen reichen von bloßer Neugier an unserem Planeten bis dahin, ein Hotel zu finden, wenn Sie auf Reisen gehen." Das mag wie Spielerei klingen, doch dahinter steckt die Jagd auf ein gigantisches Geschäft. "Die reine Textsuche sieht inzwischen bei allen Anbietern sehr ähnlich aus", sagt Chris Sherman, Suchmaschinenexperte bei Searchenginewatch.com. So beginnt für Google und Co. jetzt das Rennen um Landkarten: "Die lassen sich nämlich gut mit ortsbezogenen Informationen kombinieren", sagt Sherman.

Mal angenommen, jemand sucht einen Friseur in der Innenstadt von Bonn, dann soll er künftig nicht mehr zu den Gelben Seiten greifen, sondern ins Internet schauen. Dazu muss der Computer allerdings mehr bieten als das Buch.

A9, ein Ableger des Online-Händlers Amazon, versucht es mit Fotos: In zehn US-Städten haben A9-Mitarbeiter bisher mehr als 20 Millionen Bilder von Häuserfronten geknipst, damit jemand, der auf der New Yorker Fifth Avenue zum Beispiel ein Starbucks-Café sucht, nicht nur erfährt, wo es liegt, sondern auch, wie es aussieht. Yahoo setzt auf Tipps von Ortsansässigen: Ob der Pizzabäcker flink liefert oder der Zahnarzt schmerzfrei bohrt, sollen Yahoo-Nutzer künftig von anderen Yahoos erfahren, die als Online-Gemeinde ihre Meinung abgeben.

Microsoft schließlich will in den nächsten Wochen "Virtual Earth" starten: Zusätzlich zu Satellitenfotos baut Microsoft Bilder ein, die im 45-Grad-Winkel aus Flugzeugen aufgenommen wurden. Das soll einen besseren Eindruck davon vermitteln, wie hoch Häuser sind und wie die Landschaft tatsächlich aussieht.

Drei Viertel

aller Informationen im Netz enthalten bereits Ortsbezüge, schätzen Experten. Die sollen irgendwann alle mit Karten verbunden sein. Am weitesten im Rückstand sind dabei alle Daten, die nicht mit den USA zu tun haben. Informationen etwa für Deutschland finden sich nur spärlich bei Google Earth. Zwar versprechen die Firmen Besserung, doch derzeit sind es vor allem die Nutzer selbst, die Internetseiten mit Karten verbinden.

Am Ende jedoch, sagt Virtual-Earth-Chef Stephen Lawler, stehe die dritte Stufe des Internets: Erst kam Surfen, dann das Suchen, nun würden "Landkarten zur realistischen Abbildung der wirklichen Welt im Computer".

Karsten Lemm print

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