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Analysten: Weblogs am Wendepunkt

Weblogs haben sich innerhalb weniger Jahre als fester Bestandteil der Web 2.0-Generation etabliert - Blogs wie BoingBoing gewinnen immer mehr Zulauf. Doch das Phänomen erreicht in diesem Jahr seinen Höhepunkt, prophezeien die Analysten des Beratungsunternehmens Gartner.

Von Björn Maatz

Nach Einschätzung der Analysten von Gartner wird sich die weltweite Anzahl der Weblogs im Verlauf des Jahres 2007 bei etwa 100 Millionen einpendeln. 200 Millionen Menschen hätten bereits aufgehört, Blogbeiträge zu schreiben.

"Die meisten Menschen, die sich für Weblogs interessieren, haben sich schon einen angelegt", sagt Gartner-Analyst Daryl Plummer. Es gebe grundsätzlich zwei verschiedene Gruppen von Bloggern: auf der einen Seite diejenigen, die das Bloggen lieben und es aufrechterhalten, auf der anderen Seite die Blogger, die schnell gelangweilt seien und sich eine andere Beschäftigung suchen, um ihren Mitteilungsdrang auszuleben.

Blogger würden kommen und gehen. Plummer hat auch eine Erklärung dafür parat, warum viele Blogs gleich nach ihrer Entstehung brachliegen: "Jeder denkt, dass er etwas zu sagen hat – bis ihm mit dem Blog eine Bühne geschaffen und er um seine Meinung gebeten wird."

Täglich 100.000 neue Weblogs

Nach Angaben von Technorati, eine der größten Suchmaschinen, die sich auf Blogs fokussiert hat, werden jeden Tag 100.000 neue Weblogs kreiert, dazu werden täglich rund 1,3 Millionen Blogbeiträge geschrieben. Technorati erfasst derzeit fast 60 Millionen Weblogs, von denen mit 55 Prozent nur etwas mehr als die Hälfte aktiv sind. Die Suchmaschine kategorisiert ein Internet-Tagebuch allerdings schon dann als aktiv, wenn es innerhalb der drei zurückliegenden Monate aktualisiert worden ist.

Die ersten Weblogs entstanden Mitte der 90er Jahre - damals wurden sie noch als Internet-Tagebücher bezeichnet. Der Begriff Blog tauchte erstmals 1999 auf. Wurden die Blogs zunächst von privaten Usern erschaffen, banden auch zunehmend Medien eigene Weblogs in ihren Internetauftritt ein.

Nun bloggen auch die ARD-Chefredakteure

Seit Jahresbeginn bloggen auch die ARD-Chefredakteure auf der Tagesschau-Homepage "über die Nachrichten hinter den Nachrichten". Die einflussreichsten Blogs in Deutschland sind nach einer Studie von Technorati und der PR-Agentur Edelman der Bildblog, der die Berichterstattung der "Bild-Zeitung" kritisch betrachtet, der Unterhaltungs- und Meinungsblog Spreeblick, der 2006 mit dem "Grimme Online Award Spezial" ausgezeichnet wurde sowie der "Basic Thinking Blog" des deutschen Bloggers Robert Basic.

Bei der US-Präsidentschaftswahl 2004 wurden Weblogs auch vor allem dazu genutzt, mit einseitigen politischen Botschaften Einfluss auf die Wahl zu nehmen. Da in den USA 60 Tage vor der Wahl politische Werbung im Rundfunk verboten ist, wurde der Wahlkampf kurzerhand ins Internet verlegt. Viele Journalisten warfen den Webloggern vor, mit spekulativen Meinungstexten die Polarisierung im Wahlkampf angeheizt zu haben.

Der Link weist zu BoingBoing

Zu den weltweit beliebtesten Blogs zählt BoingBoing, das ursprünglich als Zeitschrift gestartet war, dann in eine Website umgewandelt wurde und schließlich als Weblog einen Neustart wagte. Das Blog trägt den Untertitel "A Directory of wonderful things" und befasst sich hauptsächlich mit Technologiethemen. BoingBoing wurde 2004 und 2005 in einer Onlineabstimmung als Weblog des Jahres ausgezeichnet. Technorati weist außerdem die Technologieblogs "Engadget" und "Gizmodo" als meistverlinkte Weblogs aus.

BoingBoing, Engadget und Gizmodo haben eines gemeinsam: Sie fokussieren sich auf ein bestimmtes Thema und damit auf eine Zielgruppe. Nur so haben Blogs von heute auch eine Zukunft, glaubt Jörg Jelden, Zukunftsforscher vom Trendbüro, einem Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel. "Blogs als reine Tagebücher sind in der Tat eher ein Auslaufmodell", sagt Jelden.

Eine Einschätzung vom "Chief Blogging Officer"

Die Zukunft der Weblogs ist also noch ungewiss. Während Gartner den Zenit für fast erreicht hält, sieht auch Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach von Edelman eine langsame Sättigung in der Blogging-Szene. Dass Blogs dennoch ein Erfolgsmodell mit Zukunft sind, davon ist Lünenbürger-Reidenbach überzeugt - schließlich nennt er sich nicht umsonst "Chief Blogging Officer".

In Deutschland gibt es seiner Einschätzung nach 150.000 aktive Blogs, die von Gartner genannte Zahl von weltweit 100 Millionen hält Lünenbürger-Reidenbach für übertrieben. Dennoch: "Bloggen ist im Mainstream angekommen", sagt der CBO. Viele Blogger hätten zudem einen hohen Prozentsatz an "Laufkundschaft", da oft Besucher über Suchbegriffe, die sie beispielsweise in Google eingeben, in ihre Blogs stolpern.

Der Medienforscher Jan Schmidt von der Universität Bamberg glaubt, dass im Gegensatz zu den USA hierzulande noch Wachstumspotenzial für die Blogosphäre besteht. Blogs seien eine "niedrigschwellige Möglichkeit", sich darzustellen.

Auch der deutsche Blogexperte Martin Röll sieht im Gegensatz zu den Analysten von Gartner die Weblogs noch lange nicht an ihrem Höhepunkt angekommen. "Wir haben bis heute noch nicht herausgefunden, was mit Weblogs alles möglich ist", sagt Röll. Dienten sie anfangs noch der reinen Meinungsabsonderung, hätten sie sich mittlerweile zu einem effektiven Instrument gewandelt, um Kontakte zu knüpfen oder sich über ein bestimmtes Thema auszutauschen. So sieht es auch Trendforscher Jelden: "Wer bloggt, dokumentiert seine Kompetenz und Attraktivität in Echtzeit."

Sollten die Analysten von Gartner Recht behalten, dass die Anzahl der Blogs bald ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, so sagt das noch nichts über ihren Einflussbereich aus. Steve Rubel, einer der bekanntesten Blogger in den USA, hält zwar auch eine quantitative Blog-Sättigung für wahrscheinlich, der Einfluss der Blogs würde jedoch zunehmen. Doch letztendlich ginge es gar nicht um die Blogs selbst, sondern darum, sich online zu verständigen. "Neue Technologien ziehen neue Communities nach sich", sagt Rubel. Momentan seien halt Blogs das große Ding. Doch auch ein Weblog sei nur ein Kommunikationskanal, der schon bald wieder ganz anders aussehen könne.

FTD