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Apple gegen Google: Kampf der Kartendienste

Zoff um digitale Karten: Apple soll einen eigenen Kartendienst planen. Google Maps droht die Verbannung von iPhone und iPad. Der Suchmaschinenriese kontert mit 3D-Bildern.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Traumwetter über San Francisco, die Kuppel des Rathauses funkelt golden im Sonnenlicht, und Peter Birch braucht keinen Pilotenschein, um den Anblick aus allen Richtungen zu bewundern: Mit ein paar Fingergesten kann er auf seinem Tablet über die Stadt am Golden Gate fliegen, als säße er im eigenen Flugzeug. Die Gebäude unter ihm drehen und wenden sich nach Belieben, sie neigen sich, sie werden größer oder kleiner - je nachdem, ob Birch in das Bild hineinzoomt oder auf Distanz geht. Die Rechner bei Google Earth, die Birch als Produktmanager mitbetreut, liefern immer blitzschnell die aktuelle Ansicht dazu, fotorealistisch und in 3D.

Die Welt von oben

Viele Tricks ist die Internetgemeinde von Googles Kartendiensten schon gewohnt, doch dieser ist neu und erfordert ganz besonderen Aufwand: Seit Monaten fliegen Flugzeuge der Kalifornier über Großstädte rund um den Erdball und fotografieren sie aus der Vogelperspektive. Mindestens vier Mal, präzise abgemessen aus jeder Himmelsrichtung, machen die Google-Flieger ihre Luftaufnahmen, damit die Computer in der kalifornischen Zentrale daraus ein neues Bild der Welt basteln können. "Wir wollen etwas Magisches erreichen", sagt Birch über die Funktion, die in wenigen Wochen für die ersten (noch ungenannten) Städte in Europa und den USA freigeschaltet werden soll. "Wir wollen Nutzern das Gefühl geben, dass sie tatsächlich vor Ort sind."

Er selbst steht an diesem Mittwochmorgen in der sechsten Etage eines Büroturms in der Innenstadt von San Francisco, wo Google eine Pressekonferenz abhält, um zu zeigen, wie erwachsen die hauseigenen Kartendienste in nur acht Jahren geworden sind. Dreiviertel aller Menschen auf Erden können heute bei Google Maps das eigene Haus bewundern. Organisationen in Ländern wie Afghanistan und Kambodscha nutzen Google Maps für gemeinnützige Zwecke, etwa, um vor Tretminen zu warnen. Für 42 Millionen Kilometer Wegstrecke in 187 Ländern bietet sich Google als Routenplaner an. Und Android-Nutzer werden bald Karten auf ihr Handy herunterladen können, um sich auch ohne mobile Internetverbindung zurechtzufinden.

Die Veranstaltung hat etwas von einem Muskelspiel: Schaut her, was wir alles können! Das kommt nicht von ungefähr. Wenn Gerüchte stimmen, die durch die US-Medienlandschaft geistern, dann steht Apple kurz davor, die Scheidung einzureichen. Womöglich schon am kommenden Montag bei der alljährlichen Entwicklerkonferenz könnte der Konkurrent und Partner bekanntgeben, Google Maps auf dem iPhone und iPad durch einen eigenen Service zu ersetzen. Darauf angesprochen, flüchtet sich Googles Kartografiechef Brian McClendon in verbale Diplomatie: "Wir sind sehr stolz auf Google Maps", sagt er, "und wir werden die Dienste weiterhin so weiträumig anbieten wie nur möglich."

Der mobile Markt wächst

Seit Langem verbindet die beiden Giganten aus dem Silicon Valley eine Zweckehe, die einst als innige Romanze begann, doch inzwischen tief zerrüttet ist. Zum iPhone-Start 2007 ließ Apple nur zwei Fremdprogramme auf seinem damals noch hermetisch abgeschlossenen Smartphone zu: Google Maps und YouTube (ebenfalls Teil von Google). Doch seit der Suchmaschinenriese mit Android dem iPhone Konkurrenz macht, hängt der Haussegen schief. Dass Google Maps immer noch auf Apples Mobilgeräten vorinstalliert ist, hat wohl nur einen Grund: Bisher konnte Apple dem Kartendienst nichts Eigenes entgegensetzen.

Doch in den vergangenen Jahren kaufte der iPhone-Hersteller gleich mehrere Firmen, die sich auf Geodaten spezialisiert hatten. "Es ist nur logisch anzunehmen, dass Apple damit etwas Eigenes aufbauen will", sagt Ben Bajarin, Technikanalyst bei der Unternehmensberatung Creative Strategies. Das sei auch sinnvoll, schließlich gehe es bei der Frage nach dem Wo und Wohin um "eine der zentralen Funktionen" moderner Mobiltelefone. Nutzer vertiefen sich fast so oft in die Landkarten auf ihrem Smartphone, wie sie im Internet suchen oder Spiele spielen, hat der Marktforscher Nielsen ermittelt - und wer unterwegs ist, besucht Kartendienste fast zehnmal so oft wie daheim am PC.

Je mehr Menschen zum Handy greifen, um die Welt um sich herum digital zu erkunden, um so mehr verspricht das Anbieten und Auswerten von ortsbezogenen Informationen, zu einem gigantischen Geschäft zu werden. Zum einen lassen sich Suchanfragen nach dem Hier und Jetzt präziser mit Werbung kombinieren als am PC. In den USA gaben Anzeigenkunden im vorigen Jahr bereits 1,6 Milliarden Dollar (etwa 1,3 Milliarden Euro) für Mobilwerbung aus - 20 Prozent mehr als 2010. Dazu kommt die Chance, Nutzer zeitnah mit Rabatten und anderen ortsbezogenen Angeboten zu locken: Wer weiß, wann Menschen gerade durch eine Einkaufspassage schlendern, kann punktgenau ihren Hunger auf ein Eis wecken oder die Jeans fünf Euro billiger anbieten.

Ein Streit unter zwei

Auch Microsoft müht sich, dabei mitzumischen. Bei einem Marktanteil von gerade mal zwei Prozent weltweit spielt Windows auf Smartphones allerdings bisher kaum eine Rolle. Die Welt der schlauen Handys gehört zu fast 60 Prozent Googles Android-Betriebssystem und zu 23 Prozent Apple. Und selbst wenn Google dabei deutlich vor seinem Rivalen liegt - auf dem iPhone und iPad durch einen Apple-Dienst ersetzt zu werden, könnte weh tun. "Seine privilegierte Position zu verlieren wäre für Google Maps ein Rückschlag", sagt Suchmaschinenexperte Greg Sterling vom Blog Search Engine Land. "Sollte Apple Maps ein tolles Nutzererlebnis bieten und Kunden für ortsbezogene Anzeigen weglocken, könnte das Auswirkungen auf Googles Umsatz haben."

Doch selbst wenn Apple ernst macht, bleibt Google weiterhin der Ausweg, seinen Kartendienst als kostenlose App zum Herunterladen anzubieten. Dann wäre Google Maps zwar nicht mehr vorinstalliert und automatisch erste Wahl, aber zumindest weiterhin vorhanden. Den neuen 3D-Blick auf die Welt führte Google denn auch demonstrativ auf einem iPad vor; und wenn demnächst die ersten Städte freigeschaltet werden, sollen sie zunächst die Nutzer von Mobilgeräten sehen: Apple ebenso wie Android. Später erst kommen PCs an die Reihe. Bis Jahresende will Google dann so weit sein, dass 300 Millionen Menschen in aller Welt ihre eigene Stadt aus der Luft bewundern können, ganz so, als hätten sie ihr eigenes Flugzeug - ohne sich auch nur aus dem heimischen Sessel erheben zu müssen.