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Nach unschönen Begegnungen Bitte Abstand! Zuckerbergs digitale Traumwelt hat jetzt schon ein Belästigungs-Problem

Metas persönlicher Freiraum in der virtuellen Welt
Mindestabstand in der virtuellen Welt: Charaktere in "Horizon Worlds" und "Horizon Venues" dürfen sich nicht näher als 1,20 Meter kommen.
© Hersteller
In der echten Welt hätte es die Corona-Pandemie entscheidend eingedämmt, in virtuellen Welten wirkt es wie ein Aprilscherz: Die VR-Spielplätze von Meta bekommen Abstandsregeln, damit sich die Figuren nicht gegenseitig belästigen können.

Eine Frau wagt ihre ersten Schritte in Metas VR-Welt "Horizon Worlds". Schockiert reißt sie sich die VR-Brille vom Kopf. Empört erzählt sie später: "Innerhalb von 60 Sekunden kamen drei männliche Figuren auf mich zu, alle mit einer männlichen Stimme, und berührten mich auf unangemessene Weise." Die Meldung macht weltweit Schlagzeilen, Metas heile Welt hat ein Belästigungs-Problem. Als Reaktion darauf verkündet das Unternehmen von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, dass ab sofort unsichtbare Barrieren um jeden Charakter gezogen werden, und sich die virtuellen Figürchen nicht näher als vier Fuß, umgerechnet 1,20 Meter, kommen dürfen.

"Personal Boundary wird ab heute überall in "Horizon Worlds" und "Horizon Venues" eingeführt und sorgt standardmäßig dafür, dass es sich so anfühlt, als ob zwischen Ihrem Avatar und anderen Personen ein Abstand von gut einem Meter besteht", erklärt Meta. "In Zukunft werden wir die Möglichkeit prüfen, neue Steuerelemente und Änderungen an der Benutzeroberfläche hinzuzufügen, zum Beispiel die Möglichkeit, die Größe der persönlichen Grenze anzupassen." Um sich auch weiterhin High-Fives oder Fist-Bumps geben zu können, weist Meta die Spieler:innen an, dass sie ihre Arme ganz ausstrecken müssen.

Das Metaverse steckt in den Kinderschuhen

Das Ziel für Meta ist klar: Der erste Schritt auf dem Weg in das neue Internet, das nach dem Vorbild aus dem Roman "Snow Crash" benannte Metaverse, muss für alle Teilnehmer eine sichere Erfahrung sein – oder droht zu scheitern. Denn auch wenn die Umbenennung des ehemaligen Facebook-Konzerns und die vielen Visionen rund um das zukünftige Kerngeschäft so klingen, als habe Meta bereits ein fertiges Konzept in Sachen Metaverse in der Schublade, so sehen die konkreten Entwicklungen auf dem Weg in die schöne neue Welt deutlich rudimentärer aus.

Bislang ist das Metaverse – oder das, was man darunter versteht – nichts anders als drei etwas dünn umgesetzte VR-Spiele. "Horizon Worlds" ist eine offene virtuelle Welt für Nutzer:innen der VR-Brillen Oculus Rift S oder Oculus Quest 2, "Horizon Venues" ist eine Art Event-Plattform, etwa um virtuellen Konzerten beiwohnen zu können. Ein virtuelles Büro gibt es inzwischen auch. Zutritt gibt es nur in den USA oder Kanada. Die Projekte basieren auf Apps, an denen Facebook seit Jahren tüftelt, um die hauseigenen VR-Brillen der Marke Oculus attraktiv zu machen.

Keine neuen Ideen, aber alte Probleme

Kenner wissen, dass alle bisherigen VR-Angebote Metas keinesfalls neu sind. Der ehemalige Chef von Evernote fasst es im Gespräch mit dem Business Insider zusammen und zeichnet ein düsteres Bild: "Das ist eine alte Idee. Sie ist unkreativ, sie wurde in den letzten vier Jahrzehnten viele, viele Male ausprobiert, und sie hat nie funktioniert." Und es stimmt: Im Kern unterscheidet sich "Horizon Worlds" in keiner Weise von Alternativen wie zum Beispiel "Second Life" oder "Habbo Hotel" – und kämpft daher auch mit den gleichen Problemen.

Belästigung, Missbrauch und bösartige Absichten beim Besuch einer virtuellen Welt sind seit Jahren bekannt. Ein kurzer Exkurs: Schon 2006 sorgte ein Überfall auf das Kinderspiel "Habbo Hotel" für Aufsehen. Charaktere formten Hakenkreuze und ließen andere Teilnehmer nicht mehr in den Pool. In Disney's "Club Penguin" kam es zu hohem Arbeitsaufwand für die Moderatoren, als es sich Nutzer:innnen zum Sport machten, möglichst schnell gegen die strengen Regeln des Browserspiels zu verstoßen und damit entfernt zu werden. Auch "Second Life" geriet immer wieder in die Schlagzeilen, unter anderem wegen virtuellem Kindesmissbrauch und Handel mit Kinderpornographie über die Plattform.

Mindestens zehn Jahre Arbeit

Für das Metaverse hat Mark Zuckerberg mehr im Sinn. Das Unternehmen erklärt dem stern: "Beim Aufbau des Metaversums geht es darum, VR zu einer universellen Computerplattform weiterzuentwickeln, ähnlich wie heute schon unser Smartphone oder Laptop. Im letzten Jahrzehnt fand eine Verlagerung vom Desktop-Web zum mobilen Internet statt, und im nächsten Jahrzehnt wird es um die Verlagerung ins Metaversum gehen." Dafür gibt Meta sich nach eigenen Angaben zehn bis 15 Jahre. Ob man die Nutzer:innen solange mit einem problembelasteten Grafik-Chat überzeugen kann, wird sich zeigen.

Quellen: Meta, Nina Jane Patel, Technology Review, Business Insider, Teh Meme Wiki, Variety, Guardian

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